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"Negergate" bei "Hart aber fair" Wieso ich einmal den unsäglichen Herrn Herrmann verteidigen muss


Bayerns Innenminister Herrmann entfacht bei Plasbergs "Hart aber fair" einen Shitstorm. Doch wer sich jetzt aufregt, sollte genau überlegen, warum. Und vor allem: wie.
Ein Kommentar von Silke Müller

Der Herrminator hat wieder zugeschlagen. Einen "wunderbaren Neger" nannte der für seine sprachliche Grobmotorik bekannte Innenminister Bayerns, Joachim Herrmann (CSU), den Musiker Roberto Blanco im Plaudertreff bei Frank Plasberg. Und die Kommentatoren in den Medien, vor allem den sogenannten sozialen, gehen steil.

"Eklat", "Entgleisung", Platz eins bis vier auf der politischen Hashtag-Topliste heute um 11 Uhr: #neger, #herrmann, #csu, #hartaberfair. Ein Fest für alle Beteiligten. Klickstorm für die ARD. Traffic bei der CSU. Folgepräsenz im Morgenfernsehen für Herrmann. Jo mei.

Nun muss auch ich noch meine Arbeitskraft dafür aufwenden, einen nicht weiter sympathischen bayerischen Holzkopf in Schutz zu nehmen. Weil es nervt. Diese Pawlowschen Reflexe im Netz. Steilvorlage, Tor. Und alle klicken mit.

"Faulpelze und Schlawiner"

Da ist einmal diese Nickeligkeit im Netz. Die Suche nach vermeintlichen Verfehlungen, um sich im Gewand des Besserwissers ein oder zwei Tage lang auf den virtuellen Marktplatz zu stellen und zu brüllen: Ich habe es auch bemerkt! Ich bin schlauer, besser, origineller. Mir fällt noch ein Witz dazu ein. (Meistens sind es Sparwitze.) Und mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf einen zu zeigen, den man als Idioten entlarvt haben will.

Und dann ist da diese Gier, dabei zu sein. Mit aufzuspringen, am besten ganz früh, noch besser, selbst einen Hashtag abzusetzen, der performt. Und wenn das nicht klappt, zumindest mit zu taggen.

Es gibt sicher viele gute Gründe, Joachim Herrmann auf die moralische Fahndungsliste zu setzen. Immer wieder entgleist er sprachlich, und zu Recht verknüpfen seine Kritiker Sprache mit Gedanken und Handlungen. "Faulpelze und Schlawiner" nannte er jüngst Flüchtlinge aus dem Balkan. Auch das in einer öffentlich-rechtlichen Talkshow. Und genau dafür wird er vermutlich auch so gern eingeladen. Weil er zuverlässig liefert. Reichweiten erhöht. Aufmerksamkeit sichert. Hermann rockt. Das wissen die Redakteure der Talkshows, darauf setzen sie. "Holla!" entfuhr es Frank Plasberg, und voilá, da war er, der ersehnte Herrmann-Moment.

Herrmann hat sich ungeschickt ausgedrückt

Ja, Herrmann hat sich ungeschickt ausgedrückt. Aber mehr war es in diesem Fall nicht. Denn er griff mit einer Zeitverzögerung, die Mediennutzer heutzutage scheinbar nicht mehr intellektuell überbrücken können, einen Begriff auf, den Plasbergs Einspieler ihm serviert hatte: "Die Neger, ich sage die Neger, auf bayrisch, die Neger … die passen nicht zu uns", hatte da jemand in eine Fernsehkamera gelallt. Und Herrmann, Zeitverzögerung, Zeitverzögerung, Zeitverzögerung, nahm diesen bekloppten Begriff, um den Urheber dieser Sätze zu entwerten. Indem er den schokoladigsten, grinsigsten, vermutlich deutschesten aller nichtweißen Deutschen heraus griff und erklärte, er sei immer ein "wunderbarer Neger" gewesen.

Anders als Herrmann, der diese dämliche "Neger"-Sache entkräften wollte, steigt Katrin Göring-Eckhardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, voll drauf ein. Neger, so muss sie gedacht haben, Neger, da fällt mir doch auch noch was zu ein. Na klar: Negerkuss! Und schwupps, postete sie ein Foto der beliebten Süßigkeit. Und schreibt dazu: "Gibts heute bei uns im Büro". Hashtag: #ausGründen. Frage: Aus welchen, bitte?


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