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Johannes Rau: Versöhnung und Vergebung

Johannes Rau scheidet nach fünf Jahren aus seinem Amt als Bundespräsident aus. Zum Schluss richtete er erneut mahnende Worte an seine Kollegen.

Bundespräsident Johannes Rau war noch kein Jahr im Amt, als ihm eine bis heute einzigartige Versöhnungsgeste gelang. Es war seine Rede vor dem israelischen Parlament am 16. Februar 2000. Rau ist der erste Deutsche, der vor der Knesset sprechen durfte und noch dazu auf Deutsch, der "Sprache der Täter", wie Kritiker sagten.

Die Rede wurde damals in der deutschen Öffentlichkeit nicht sonderlich wahrgenommen. Etwa zwei Jahre dauerte es, bis Raus Reden überhaupt zur Kenntnis genommen wurden. Am Donnerstag tritt Horst Köhler die Nachfolge des 73-jährigen Rau an, den die Bundeswehr am Dienstagabend mit einem Großen Zapfenstreich feierlich verabschiedete.

Rau hatte anfangs den Makel zu überwinden, eine Art Alterspräsident der Republik zu sein, dem Rot-Grün nach erfolgreichen Jahrzehnten als SPD-Spitzenmann mit der Wahl ins höchste Amt noch einmal einen Gefallen tun wollte. Dabei war schon die Rede vor der Knesset ein Durchbruch in den historisch bedingt besonderen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Israel würdigte damit die jahrzehntelange Versöhnungsarbeit, die Rau etwa als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen geleistet hatte. Gleichzeitig hatte Rau enge Beziehungen zu den Palästinensern aufgebaut.

Zu den Glanzpunkten seiner Amtszeit zählt Rau seine im jährlichen Rhythmus gehaltenen "Berliner Reden". Das gilt vor allem 2001 für das Thema Bioethik und Klonen, mit dem er sich von Bundeskanzler Gerhard Schröder absetzte. In einer Nachlese zur Irak-Krise forderte er Rückgrat "in der Vertretung unserer legitimen Interessen und Überzeugungen gegenüber unseren Freunden". Furore machte auch seine Rede Anfang Juni dieses Jahres, in der er die Rückkehr zum seriösen Journalismus forderte.

Erfurt war seine schwerste Stunde

Als schwerste Stunde seiner Amtszeit bezeichnet Rau seinen Gang nach Erfurt, wo er am 3. Mai 2002 nach dem beispiellosen Amoklauf mit 17 Toten im Gutenberg-Gymnasium die Rede auf der zentralen Trauerfeier hielt. Das Zuwanderungsgesetz, das er bereits 2000 forderte, machte ihm wenig Freude: Das Bundesverfassungsgericht kassierte es wegen des umstrittenen Verhaltens Brandenburgs bei der Abstimmung im Bundesrat. Die Neufassung nach einem schier endlosen Vermittlungsverfahren tritt nicht mehr in Raus Amtszeit in Kraft.

Das Bundespräsidialamt führt eine Liste von rund 600 Reden und Grußworten, die Rau in seinen fünf Amtsjahren hielt. Insgesamt 46 Jahre hatte Rau politische Mandate inne.

"Zank nicht gut für Demokratie"

Zum Ende seiner Amtszeit hat Bundespräsident Johannes Rau die Politiker erneut ermahnt, bei der Reformpolitik die Zielorientierung auf künftige Generationen deutlicher zu machen. Man müsse nicht nur mehr erklären, was geschehe, sondern auch warum es geschehe, sagte Rau am Mittwoch im ARD-Morgenmagazin. Dabei gehe es vor allem darum, welche Chancen die nächste Generation haben soll, "um deren Willen wir möglicherweise ein Stück von dem abgeben, was wir uns an Lebensqualität erarbeitet haben".

Weiter merkte Rau kritisch an, er habe das Gefühl, dass es beim politischen Streit sehr oft nicht um die Sache gehe, sondern um die eigene Position. "Wenn die Menschen nicht mehr das Gefühl haben, hier findet ein Wettbewerb verschiedener Zukunftsentwürfe statt, wirkt das wie Zank, das ist nicht gut für die Demokratie", sagte der scheidende Bundespräsident. Er räumte aber gleichwohl ein, dass Streit ebenso wie Konsens in der Politik notwendig seien.

Versöhnung und Vergebung als Ziel

Ziel seiner Tätigkeit in der am Mittwoch endenden fünfjährigen Amtszeit sei in der Tat Versöhnung gewesen, sagte Rau. Eine Welt ohne Versöhnung und Vergebung sei eine unmenschliche Welt. "Auftrag der Politik ist aber, die Welt menschlicher zu machen, nicht unmenschlicher."

mit Agenturen / DPA