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Johanngeorgenstadt im Erzgebirge "Wir sind kein brauner Ort"


Im Zusammenhang mit dem Nazi-Trio wird immer wieder ein Ort genannt: Johanngeorgenstadt. Der Bürgermeister wehrt sich im stern.de-Interview gegen Vorwürfe, sein Ort sei eine braune Hochburg.

Die Stadt liegt am äußersten Rande Deutschlands, doch sie rückt immer mehr in der Fokus der Öffentlichkeit: Johanngeorgenstadt. Aus der Erzgebirgsgemeinde stammen mindestens vier mutmaßliche Unterstützer und Kontaktleute des Nazi-Trios aus Zwickau. Gerade erst hat das BKA André E. festnehmen lassen. Der Johanngeorgenstädter soll für die Bekenner-Videos der Terror-Gruppe verantwortlich sein.

Sein Zwillingsbruder Maik wird auch der rechten Szene zugerechnet, ebenso wie eine junge Frau, die als Passbeschafferin des Mörder-Trios gilt. Zudem lebt Matthias D., der den Serien-Verbrechern Wohnungen in Zwickau untervermietet hat, in Johanngeorgenstadt. Ist die alte Bergbau-Stadt mit ihren knapp 5000 Einwohnern also eine braune Hochburg, in der Nazis ungestört ihrem Treiben nachgehen konnten? Mit diesen Fragen muss sich nun Holger Haschek (SPD) auseinandersetzen, seit 2001 Bürgermeister.

Herr Haschek, wie geht es Ihnen als Bürgermeister?
Unwahrscheinlich schlecht, denn was in den vergangenen Tagen mit Johanngeorgenstadt und manchen Einwohnern passiert, grenzt an Rufmord.

Aber dass das Nazi-Trio Kontakte mit Personen aus Ihrer Stadt hatte, ist doch Tatsache?
Also zunächst ist mir wichtig zu sagen, dass unser Mitgefühl den Angehörigen der Opfer gilt. Und natürlich gehören diese Taten restlos aufgeklärt, auch wenn es schon viel früher hätte passieren müssen.

Das ist klar. Aber wie erklären Sie es sich, dass offensichtlich so viele Helfer aus Ihrer Stadt stammen?
Ich kann es mir auch nicht erklären. Und solange es nur Mutmaßungen sind, sollte man sehr vorsichtig sein. Denn man muss bedenken, dass diese Leute Familie und Verwandte haben, die im Ort leben. Und man kann doch jetzt nicht alles an einer Stadt festmachen.

Tut doch niemand.
Es bleibt bei jedem hängen, dass unsere Stadt in diesem Zusammenhang genannt wird. Dabei haben die meisten dieser Leute doch seit Jahren nicht mehr hier gewohnt. Und in Johanngeorgenstadt ist ja auch nichts passiert.

Ist das nicht etwas einfach und verkennt ein Problem der Stadt mit Rechtsextremen?
Nein. Es gab vor mehr als zehn Jahren mal Probleme mit Jugendlichen aus diesem Bereich. Aber in den vergangenen fünf, sechs Jahren ist außer ein paar Schmierereien nichts mehr passiert, wir haben keinerlei Kundgebungen oder Aufmärsche mehr gehabt. Man kann ein Problem auch herbeireden. Denn in ganz Deutschland gibt es Menschen, die dieses Gedankengut mit sich herumtragen. Aber keine Gemeinde wird dann so an den Pranger gestellt wie wir jetzt.

Gibt es denn bei Ihnen Maßnahmen gegen Rechts?
Natürlich, wir haben viele Angebote für Jugendliche, Vereine, Streetworker, Kirchen. Aber wenn die Leute die Angebote nicht annehmen, können wir auch nichts tun. Und schauen Sie sich die Wahlergebnisse an. Die zeigen, dass unsere Stadt nicht auffällig ist in der Hinsicht. (Anmerkung der Redaktion: Während die rechtsextreme NPD bei der sächsischen Landtagswahl 2009 im ganzen Wahlkreis Aue-Schwarzenberg 2, zu dem Johanngeorgenstadt gehört, 7,4 Prozent der Stimmen bekam, wählten in der Stadt selber 5,4 Prozent die NPD. Sachsenweit kamen die Rechten auf 5,6 Prozent.)

Wie ist die Stimmung in Ihrer Stadt?
Die Bürger sind natürlich erschüttert über die Taten. Und sie bemerken, dass die Stadt ein Negativimage bekommt. Dabei sagen sie: Wir sind kein brauner Ort und wir haben nicht die Augen nach rechts verschlossen.

Von Malte Arnsperger

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