Karikaturen-Streit "Dann sterbe ich eben"


Der türkisch-deutsche Kabarettist Serdar Somuncu, 37, scheut nicht vor Witzen über den Islam zurück. Im Interview mit stern.de sagt er, was er vom Karikaturenstreit hält und warum Kopftuch und Stringtanga einfach nicht zusammenpassen.

Karikaturen in unbekannten dänischen Zeitungen werden zum Politikum, Muslime verbrennen Fahnen und bedrohen den Westen. Humor scheint gefährlich zu sein.

Ich finde es lächerlich, wenn Politik auf Kunst reagiert und frage mich dann immer: Verstehen die Leute das nicht? Oder wollen sie es nicht verstehen?

Humor, der hier funktioniert, funktioniert nicht notwendigerweise im Ausland – und schon gar nicht in anderen Kulturen…

Aber der Humor, der hier funktioniert, ist ja nicht angelegt für die andere Kultur, sondern in diesem Fall kommt ja die andere Kultur und sagt: Euer Humor gefällt uns nicht. Die andere Kultur sollte ihren eigenen Humor pflegen und uns unseren Humor lassen.

Man hätte in Zeiten globaler Medien damit rechnen können, dass das dort hingelangt.

Da wir aber hier leben, kann unsere Perspektive auf die Welt auch nur von hier aus stattfinden. Wenn andere unsere Perspektive auf sie nicht aushalten, dann müssen sie das entweder hinnehmen oder sie müssen auf der Ebene zurückschlagen, auf der sich das gehört. Niemand verbietet den Leuten im Iran, Witze über uns zu machen, und dann könnten sie mal sehen, ob wir genug aushalten.

Sind religiöse Muslime humorlos?

¬Leute, die eng in ihrem Denken sind, haben meistens sehr wenig Humor. Das hat wenig mit Islamisten zu tun, das ist auch bei Nazis so. Den kleinsten Humor haben immer die Leute mit dem größten Anspruch. Im konkreten Fall ist es so, dass der Iran zur Zeit versucht, eine sehr selbstbewusste Außendarstellung zu propagieren und zum ersten Mal ja auch auf einen Sprachgebrauch zurückgreift, der viele Leute sehr erschreckt. Die anti-Israel-Aussagen des iranischen Präsidenten bedienen ja die Urängste aller Leute, die irgendwas mit dem Holocaust zu tun haben. Insbesondere die Urängste der Deutschen: Darf man so was sagen?!

Wie erklären Sie sich, dass Muslime nicht gelassener mit westlichem Humor umgehen?

Die Reaktion zeigt, dass sie einen gravierenden Minderwertigkeitskomplex haben müssen – denn ich mache doch, wenn ich religiös bin und gläubig, meine Einstellung nicht abhängig von der Einschätzung der anderen. Wenn, dann bin ich doch selbstbewusst gläubig und dann ist es mir auch egal, ob mich jemand veralbert oder nicht. Ich glaube dann schlicht und einfach. Auf der anderen Seite findet ein Konflikt zwischen Medien statt. Die nachwachsenden Medien der vermeintlich unterentwickelten Welt gehen gerade dazu über, Propaganda zu machen. Da bietet es sich doch an, wenn eine Karikatur in einer dänischen Zeitung auftaucht, die sonst keine Sau liest. Das ist ein willkommener Anlass, zu sagen: So was macht ihr mit uns nicht! Wir steuern jetzt dagegen. Es ist letztlich aber total lächerlich.

Sie beleidigen den Propheten in ihrem Bühnenprogramm ja auch…

Bedingt…ich beleidige diejenigen, die den Propheten ungerechtfertigterweise in Schutz nehmen. Ich kenne ja schließlich den Propheten persönlich nicht.

Bedingt? In Ihrer Nummer „Kopftuch-Stringtanga-Syndrom“ gehen Sie mit dem Propheten sehr deftig um…

Ich mache mich eher lustig über Türken, die im 21. Jahrhundert leben und Mohammeds Regeln in ihren Alltag übertragen wollen. Ich ärgere mich darüber, dass Leute meinesgleichen auch meinen Ruf in den Schmutz ziehen, dadurch dass sie sich darstellen als originäre Türken. Es gibt viele unterschiedliche Menschen aus der Türkei, dem Iran, dem Irak. Und das sind bei Gott nicht alles – wirklich: bei Gott! – nicht alle gläubige Menschen! Es geht mir unglaublich auf den Keks, wenn diese Leute auf der Suche nach ihrer eigenen Identität nur ihre Religiosität entdecken. Und Dinge behaupten, die einfach nicht wahr sind.

Zum Beispiel?

Dass der Koran etwa den Stringtanga nicht verbiete, weil er ja nicht darin auftauche. Also darf man heute Stringtanga tragen. Tolles Argument. Mohammed ist 622 geboren und ich denke, Stringtangas waren damals eher die Ausnahme. Das ist manchmal so haarsträubend, was man sich anhören muss, dass man irgendwann denkt: Leute, lasst es! Es nervt mich erstens, dass diese Leute die übertolerante Haltung der Deutschen ausnutzen und ihnen Dinge erzählen, von denen sie selbst nicht wissen, ob sie stimmen. Und das zweite ist, dass sie auch mich stellvertreten, obwohl ich damit gar nicht stellvertreten werden will! Ich will nicht in eine islamische Gemeinde eingemeindet werden. Ich will auch ungläubig sein dürfen, Alkohol während der Fastenzeit trinken dürfen und wenn ich Lust habe, gehe ich danach beten.

Schon mal Ärger bekommen mit ihrem Programm?

Immer! Interessanterweise von so unterschiedlichen Seiten, dass ich das Gefühl habe, dass es ein super Programm sein muss. Nach dem Auftritt kommen irgendwelche Kopftuch-Türken, die super angepisst sind, es kommen Nazis, es kommen welche von der PDS, CDU-Fritzen…die treffen sich alle irgendwo in der Mitte und bilden eine große Koalition der Ablehnung.

Was ist denn genau passiert, als die Türken zu Ihnen kamen ?

Ich hätte ihre Ehre beleidigt, sagten sie. Im Kopftuch-Stringtanga-Syndrom hört man es ja – da sage ich: Kopftuch und Stringtanga tragen geht nicht. Entweder oder! Und die berufen sich dann immer darauf: Kopftuch steht im Koran, Stringtanga nicht. Logisch! Was auch nicht im Koran steht, aber wahr ist: Mohammed hatte eine 9-Jährige zur Frau – auch das erzähl ich auf der Bühne. Und das finden die zu ketzerisch und reagieren dann empfindlich darauf, empfinden das als Verrat.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das hören?

Ich empfinde es im Gegenteil als Verrat, wenn diese Leute meinen, sie würden für eine türkische Gemeinschaft sprechen, wenn sie für das Kopftuch sind oder für all diesen mittelalterlichen Kram, der da immer noch praktiziert wird – Mädchen, die nicht auf die Straße gehen dürfen und die nur einen Türken heiraten dürfen.

Wir haben das Recht auf Religionsausübung…

Ja, aber wir sind hier nicht auf dem Viehmarkt! Wir leben in einer Demokratie. Und das wesentliche Merkmal einer Demokratie ist Meinungsvielfalt. Und wer das nicht kapiert hat, der soll in die restriktive, kleine Welt zurückgehen, aus der er gekommen ist und gucken, ob er dort glücklicher wird. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Leute leben nicht in den Ländern, aus denen sie kommen. In diesen Ländern würden die wahrscheinlich zu Grunde gehen an ihrer Einfalt.

Haben sie jetzt Angst nach dem Karikatur-Eklat?

Nein. Und ich würde auch nicht mein Programm ändern. Ich habe keine Angst, weil ich es mir als Mensch und auch nicht als Künstler verbieten lasse, meine Meinung zu sagen. Es gibt genug Leute, denen das nicht passen mag. Die können gern in meine Vorstellungen kommen – dann sterbe ich eben. Ich habe wenig Angst vor denen, weil ich weiß, dass man die Probleme dieser Welt nicht dadurch löst, dass man einen Künstler von der Bühne verschwinden lässt. Ich werde jedenfalls nicht mein Fähnlein in den Wind hängen. Wir dürfen allerdings nicht den wesentlichen, zweiten Teil der Angelegenheit vernachlässigen. Die islamische Welt reagiert ja gerade auf etwas, da hat sich viel aufgestaut in den vergangenen Jahren.

Was meinen Sie?

Wenn ich nur sagen würde, die Islamisten haben alle einen an der Waffel und würde nicht erwähnen, warum die eigentlich gerade so drauf sind, dann würde ich der Sache nicht gerecht werden. Die haben mindestens so einen an der Waffel wie George Bush und die Amerikaner, wenn sie glauben, das einzig Wahre und Gerechte auf dieser Welt zu vertreten. Extreme Politik löst extreme Reaktionen aus. Und gerade Dänemark ist ja nun kein Land, das ungerechtfertigterweise von der Wut irgendeiner Minderheit getroffen wird – die Dänen haben in den vergangenen Jahren sehr ausgeteilt. Es gibt ein sehr verschärftes Ausländerrecht in Dänemark, es gibt eine sehr große reaktionäre Bewegung, die sehr offen und sehr deutlich gegen Ausländer agiert.

Ist das jetzt der „Krieg der Kulturen“?

Nun ja…wir erleben zur Zeit in der Tat einen Konflikt zwischen zwei Wertegemeinschaften, Krieg der Kulturen ist mir zu simpel. Dass jetzt so miteinander umgegangen wird und auf diesem Niveau, dass Karikaturen zum Anlass genommen werden, um Fahnen zu verbrennen, das ist letztlich nur ein Offenbarungseid. Die völlige Machtlosigkeit, weil es nicht im Dialog, mit Sprache gelöst wird. Sondern nur noch in der Reaktion.

Wann wird Humor zum Deckmäntelchen, hinter dem man sich versteckt? Dann kann man ja auch Judenwitze erzählen…

Judenwitze kann man am besten in der Synagoge erzählen.

…auch Judenwitze mit Holocaust-Bezug?

Auch am besten in der Synagoge. Diejenigen, die am empfindlichsten reagieren, die sich zum Fürsprecher einer Sache machen, sind die, die es selbst gar nicht betrifft. Ich spiele in einer Synagoge, die jüdisch-deutschen Menschen lachen sich kaputt, die nicht jüdisch-deutschen haben ein schlechtes gewissen…

Inwieweit ist das politisch, was sie machen?

Sehr politisch!

Auch Kaya Yanar, der eher im Comedy-Bereich auftritt, wurde von Medien politisch ernst genommen, als Türke, der den Deutschen erklärt, wie Türken sind und sich über Türken lustig machen darf.

Also es gibt Türken, die Türken so spielen, wie sie glauben, dass Türken sein müssten, damit Deutsche denken, dass Türken so sind, wie sie gespielt werden – von Türken, die nicht wissen, wie Türken eigentlich sind. Dieses „guckst du hier-Ding“…das ist Prostitution! Und das ist für mich im wahrsten Sinne des Wortes Verrat.

Das Interview führte Oliver Link

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker