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Kneipenreportage: Einer ist immer der Dumme

Wo sind die Raucher, die das Urteil des Bunderverfassungsgerichts zum Rauchverbot lauthals feiern? Wir haben sie gesucht, aber nicht gefunden. Stattdessen trafen wir auf Kneipenbesucher und Gastwirte mit differenzierten Ansichten.

Von Frank Gerstenberg

Gunda Milenz und ihr Mann Alfred wollten in der kleinen Eckkneipe im Kölner Vorort Buchheim eigentlich nur ein leckeres Kölsch trinken. Doch anstatt das Bier zu zapfen, fragte der Wirt die beiden Eheleute nach ihren Namen, verschwand im Hinterzimmer und drückte ihnen anschließend Ausweise in die Hand. Erst dann gab's das Kölsch. "Wir waren plötzlich Mitglied im Raucherclub", lacht die 55-jährige. "Ausgerechnet wir!" Die beiden Kölner sind seit eh und je überzeugte Nichtraucher.

Das Kölsch schmeckte, aber trotzdem würden sie diese Kneipe nicht noch einmal betreten. "Ich gebe nicht gerne persönliche Daten raus, schon gar nicht, wenn ich nur ein Kölsch trinken möchte." Um nicht durstig weiterziehen zu müssen, gab das Ehepaar Milenz bei seinem Ausflug auf die andere Rheinseite einfach falsche Namen an. Ab sofort müssen die Milenz' weder zu derartigen Notlügen greifen, noch weiteren Raucherclubs beitreten. Denn das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, das Rauchen in kleinen Kneipen einer Größe unter 75 Quadratmetern zumindest in Berlin und Baden-Württemberg wieder zu erlauben. Rainer Spenke, der Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Nordrhein, hofft, dass Nordrhein-Westfalen "nachziehen werde". Die Landesregierung teilte bereits mit, dem Landtag eine entsprechende "Anpassung" des Nichtraucherschutzgesetzes vorzuschlagen.

Klare Regelung wäre "wunderbar"

Alfred Milenz fände eine klare Regelung jedenfalls "wunderbar". Dann müsste er sich auch nicht mehr mit Wirten anlegen, in deren Kneipen zwar seit dem 1. Juli nicht mehr geraucht werden durfte, die das aber nicht sonderlich interessiere. "Soll das Ordnungsamt doch kommen", sagte ihm ein Wirt aus Köln-Nippes vor einigen Tagen und servierte zwischen Zigarettenqualm und Kölsch seine Steaks, "dann hole ich eben meinen Anwalt." Ihm schmecke das Essen jedenfalls nicht, wenn er es vornehmlich geräuchert einnehmen müsse, sagt Milenz. In anderen Kneipen habe er erlebt, dass die Mahlzeiten zunächst die Raucherräume passieren mussten, bevor sie in einem zweiten Zimmer auf dem Tisch der anderen Gäste landeten.

Während Rentner Milenz in der kölschen Veedel-Kneipe "Balthasar" aus dem Leben eines Nichtrauchers erzählt, regt sich am gleichen Tisch Widerstand. "Ich frage mich, wie Sie früher überlebt haben", greift Friedhelm Kurth seinen Nachbarn in kölscher Direktheit an. Lebensgefährtin Josefine Piper, die noch eben ihre Zigarette aufraucht, bevor die Schweinshaxe mit Sauerkraut serviert wird, pflichtet ihm bei: Man solle doch an die Eckkneipen denken und an die Arbeitsplätze für die Wirte und ihre Kellner. "Ich freue mich, dass in Eckkneipen wieder geraucht werden darf", sagt Josefine Pieper. Bevor die Schlacht um Worringen eine Neuauflage erfährt, versichern sich beide Rentnerpaare gerade noch ihrer gegenseitigen Wertschätzung, da die Raucher ja gewartet hätten, bis die Nichtraucher aufgegessen hätten. "Das tun aber längst nicht alle", so Gunda Milenz, die sowohl die bisherige Gesetzgebung als auch das aktuelle Bundesverfassungsgerichtsurteil für "schwammig" hält. Völlig verunsichert müssten doch nun diejenigen Kneipenwirte sein, die nur einen Raum haben, der aber größer als 75 Quadratmeter sei.

Erst gingen die Nichtraucher, dann die Raucher

Einer von ihnen ist Björn Ristau, Geschäftsführer des "Balthasar" in Düsseldorf. Schon vor dem Rauchverbot am 1. Juli hätten Nichtraucher vehement nach "ihrem Raum" gefragt und das Lokal an der Bolkerstraße in der Düsseldorfer Altstadt enttäuscht verlassen, als sie hörten, dass es keinen Nichtraucherraum gebe. Nach dem 1. Juli haben ihm dann die Raucher den Rücken gekehrt. Seine Lösung: Er firmierte sein Café-Bar-Restaurant als Raucherclub. Die Konsequenz: Ohne eine Beitrittserklärung gibt es an der Bar seitdem nicht mal einen Espresso. Pieske Thomas, 33, aus Mettmann ist das alles viel zu viel "Bohei". Er raucht zwar eine Schachtel Zigaretten am Tag, "wenn es sein muss, kann ich auch ganz darauf verzichten, Hauptsache, ich kann meine Cola in netter Atmosphäre trinken." Toleranz aus dem anderen Lager zeigt Gunda Milenz: "Wenn es mir irgendwo gefällt, bleibe ich auch, wenn gequalmt wird. Dann hänge ich meine Sachen eben danach auf den Balkon", so die Kölnerin. So verständnisvolle Gäste hatte Ristau nicht nur: "Ich habe Stammgäste in Lokalen gesehen, in denen ich die nie vermutet hätte." Seitdem er seit dem 11. Juli von der Dehoga offiziell als Raucherclub geführt wird, seien sie zurück gekommen. Doch was nun? Gehen die Gäste jetzt doch wieder in die Eckkneipen oder bleiben sie seinem "Raucherclub" treu? Darf er diesen Club überhaupt weiterführen? "Im Moment bin ich sehr verunsichert", sagt Ristau.

Dabei hat er bislang noch Glück gehabt, dass es das Ordnungsamt mit den Kontrollen nicht so genau nahm. Denn nach dem Nichtraucherschutzgesetz dürfen auch in Raucherclubs "Speisen und Getränke nur in geringem Umfang" angeboten werden. Im Düsseldorfer "Balthasar" gibt es jedoch vom Nürnberger Rostbratwürstchen bis zum Rumpsteak und vom Cocktail bis zum Cabernet Sauvignon alles in ansprechender Qualität. Die mögliche Folge: Er müsste in sein großzügiges zweistöckiges Lokal eine Zwischentür einbauen und einen Raucherraum abtrennen. Die Kosten: 6000 Euro. "Und die Atmosphäre wäre kaputt", so Ristau. Bei aller Freude für die Eckkneipen sieht der 34-Jährige das Urteil daher mit gemischten Gefühlen: "Wenn die größeren Gaststätten jetzt Nachteile haben, ist auch keinem gedient."

Überlegungen, mit denen sich Mario D'Aloisio nicht rumschlagen muss. Seine Kneipe "Meilenstein" an der Ratinger Straße in Düsseldorf ist zwar gerade mal 50 Quadratmeter groß, aber dennoch ein heißer Tipp unter Kunststudenten wie Business-Leuten für gutes Essen zu Mittag wie am Abend. Damit haben D'Aloisio und die Raucher unter seinen Gästen von der Aufhebung des Rauchverbots für Einraumkneipen gar nichts. Denn das Urteil aus Karlsruhe gilt nur für die Kneipen, die maximal "kleine Speisen" wie Frikadellen oder belegte Brötchen anbieten. "Und das sind die wenigsten", sagt Michele Montario, Chef des "Sion an der Agneskirche" in Köln: "Die meisten kleinen Kneipen bieten Essen an." Und damit betrifft sie das Urteil nicht.

Ambivalenz auch im "Pott"

Ambivalent auch die Stimmung "im Pott". Nichtraucher Volker Balke, 36, aus Essen findet es gut, "dass das Rauchverbot gekippt wurde. Zum Bier gehört auch eine Zigarette. Wenn ich in eine Kneipe gehe, weiß ich, dass dort auch geraucht wird." Sinnvoll findet er das Rauchverbot allerdings in Gaststätten, in denen gegessen wird. Sein Kumpel Michael Löhr, 36, hat ebenfalls eine differenzierte Meinung: "Einerseits ist Rauchen ein Kulturgut, andererseits sollten mit dem Rauchverbot schließlich die Mitarbeiter in den Gaststätten geschützt werden. Für die ist die Entscheidung weniger gut."

"Lebensart, Kultur"

Paula Kamps, 18, Abiturientin aus Düsseldorf und ihr Freund Paul Maciejobski, 27, Student an der Kunstakademie Düsseldorf, freuen sich zwar, dass sie in einigen Kneipen nun wieder im blauen Dunst sitzen dürfen, für ihr Lieblingslokal "Meilenstein" an der Ratinger Straße haben sie sich jedoch zu früh gefreut: "Es ist schade, denn die besten Gespräche entwickeln sich, wenn man beim Bier und bei der Zigarette zusammensitzt", sagt Maciejobski. "Das ist eine Lebensart, ein Stück Kultur."

Die Stimmung gehe kaputt, wenn die Raucher in der Runde für ihre Zigarette für die Tür müssen, sagt Paula, das sehen inzwischen auch ihre nicht-rauchenden Freunde so. Meilenstein-Chef D'Aloisio sieht die Sache dennoch gelassen, denn eigentlich hat er sogar mehrere abgetrennte Raucherräume: "Neulich kam ein Gruppe junger Leute und fragte nach dem Raucherraum. Ich konnte ihnen nur die Kegelbahnen im Keller anbieten. Sie waren so begeistert, dass sie drei Stunden dablieben und jetzt regelmäßig zum Kegeln kommen". Bei Zigarette, Bier - und Essen.

  • Frank Gerstenberg