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Kohl und die Einwanderung: Die verweigerte Heimat

1982 wollte Helmut Kohl die Hälfte aller Türken in Deutschland loswerden. Das Geheimdokument ist ein Sinnbild für das deutsche Migrantenproblem, unter dem das Land noch lange leiden wird.

Von Sophie Albers

Im Nahverkehrszug, irgendwo zwischen San Franciso und Palo Alto musste ich ausgerechnet an die alles hassenden Berliner Klischee-Türken denken. Jungs, die diese alten, aber sauberen Sitze längst zerschnitten, das Fenster zerkratzt, die Wand neben mir bekritzelt und mich dumm angequatscht hätten. Dazu muss man nur mit der U8 fahren. Und bevor Sie mich jetzt Rassistin nennen, lesen Sie entweder weiter oder glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich meine Zuggedanken weiter unten vernünftig erklären werde.

Warum ist dieser alte Zug so entspannt sauber, fragte ich mich also. Auch San Francisco hat Problemviertel mit harten, kaputten Jungs, und auch da fährt er durch. Und dann, als ich mir diese harten Jungs neben denen aus Berlin vorstellte, kamen die Eltern dazu, die irgendwann ins Land gekommen sind, oder auch die Großeltern. Und plötzlich hatte ich diese Erklärung im Kopf, von der ich bis heute überzeugt bin.
In Amerika dürfen sie träumen. In Deutschland nicht.

Ich bin mir der Migrationsprobleme in den USA genauso bewusst wie der Tatsache, dass die deutschen Klischee-Türken-Prolls in der Minderzahl sind. Aber ihr Hass ist das Produkt einer deutschen Fehlentwicklung, die die soeben veröffentlichten Geheimdokumente zur deutschen Migrationspolitik bestens illustrieren. Darin steht zu lesen, dass der damalige Kanzler Helmut Kohl 1982 plante, die Hälfte aller Türken aus dem Land zu befördern. Wenn es sein muss mit Geld.

"Wir sind kein Einwanderungsland"

Kohl war nicht der Anfang dieser "Wir sind kein Einwanderungsland"-Panik. Die Gedankenlosigkeit gegenüber anderen Menschen war Programm, seitdem in den 50ern Gastarbeiter ins Land geholt wurden. Und auch SPD-Koryphäen wie Helmut Schmidt waren davon erfasst, fast das ganze Land. Sie ist der Grund dafür, dass in Deutschland geborene Kinder auf den Boden spucken, der sie trägt, mindestens das Schulsystem verachten, und wenn sie etwas älter sind auch die Verfassung.

Denn: Warum soll ich für etwas sorgen, etwas beschützen, mich für etwas einsetzen, wenn ich eh nicht dazugehöre? Wenn ich stattdessen Tag für Tag eingeimpft kriege, dass ich "Ausländer" bin, dass dies nicht meine Heimat ist und auch nie sein wird? Und wenn Sie mir jetzt sagen, dass diese Jungs, die natürlich nicht nur Jungs sind, sich ja gar nicht integrieren wollen, dann fragen Sie sich doch einmal, wie Sie auf die permanente Ausgrenzung reagieren würden. Genau, mit Trotz, vor allem wenn sie das entsprechende Alter haben. Also nimmt der Neuköllner-Klischee-Türke alle Neuköllner-Klischee-Türken-Zuschreibungen und macht sie sich zu eigen, und wird alles tun, um noch härter zu sein als das härteste Klischee. Eben das kriegen wir um die Ohren, und dann kommt auch schon Thilo Sarrazin.

Haste was, biste was

An diesem Punkt haben die deutsche Gesellschaft und ihre politischen Anführer zu kurz gedacht, schlicht gesagt versagt. Das begann 1993 auch Helmut Kohl zu dämmern, als er die Einbürgerung für "Ausländer in der dritten Generation" erleichterte. Aber das war nicht genug und für viele schon zu spät.

Ich saß also in meinem amerikanischen Zug und dachte an die verpasste Möglichkeit eines Traums. Wenn er hart genug arbeitet, kann es jeder zu etwas bringen. Das Streben nach Glück steht sogar in der Unabhängigkeitserklärung der USA. In Deutschland gibt es für zu viele nichts zu träumen. Und deshalb gilt: Haste was, biste was. Haste nichts,... Und dafür soll man auch noch dankbar sein?!