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Kommentar: Die Frau, die in der Kälte blieb

Die Wähler haben Angela Merkel persönlich misstraut. Anders ist das schlechte Ergebnis der Union vom Sonntag nicht zu erklären. Gleichzeitig hat genau jener irrationale Politik-Stil obsiegt, den das Land derzeit am wenigsten braucht.

Von Florian Güßgen

Langsam, ganz langsam verzieht sich der Rauch der Explosion. Langsam kühlen sich die Gemüter ab. Und langsam wird klar, in welche Position die Wähler die Politik hineinmanövriert haben: Gerhard Schröder, der Spieler, hat Angela Merkel, die Wissenschaftlerin, fast vernichtend geschlagen, weil die Wähler ihr mehr misstrauten als ihm. Gleichzeitig hat der Souverän so dem Politik-Stil des Instinkts, der brutalsmöglichen Machtverfolgung, just in dem Moment den Vorzug gegeben, in dem dieses Land nichts nötiger hat als nüchterne Problemlösung und kühle Kooperation.

Kirchhof als Elb-Flut und Irak-Krieg zugleich

Im Kern haben alle - Demoskopen, Medien, vielleicht sogar die eigene Partei - unterschätzt, wie fremd Merkel den Wählern in diesem kurzen Wahlkampf geblieben ist. Merkel, die Frau aus dem Osten, die große Unbekannte, sie kam nicht nur aus der Kälte, wie der stern vor einigen Monaten schlagzeilte - in der Wahrnehmung der Bürger blieb sie dort offenbar auch. Die Bürger haben ihr nicht vertraut. Anders ist der jähe Absturz der Union nicht zu erklären.

Festmachen lässt sich dieses Misstrauen vor allem an der Causa Kirchhof. Als Merkel Paul Kirchhof als ihren Steuer-Experten vorstellte, wurde ihr Mut von den Medien drei Tage lang in den Himmel gelobt. Die Union, hieß es, beweise den Mut, Deutschland mit Hilfe eines Seiteneinsteigers, eines Experten, eines Visionärs zu sanieren. Erst als sich einzelne Unions-Politiker nach wenigen Tagen von Kirchhofs Vision einer Flat-Tax distanzierten, kippte die Stimmung. Das Misstrauen wuchs. War Kirchhof der verkappter Bote einer neuen, kalten Zeit? War er Merkels Vorhut auf dem Weg hin zu einer Politik der sozialen Zumutungen? Und, viel schlimmer: Offenbarte Merkel mit Kirchhof ihr wahres Gesicht, ihr wahres Programm, das sie bisher vor dem Wähler verschleiert hatte?

Schröder spürte die Schwachstelle. Er sah die offene Flanke der Union, setzte alles auf eine Karte, und stach gezielt zu. "Dieser Professor aus Heidelberg" war in diesem Wahlkampf Elb-Flut und Irak-Krieg zugleich. Er griff das Unbehagen gegenüber der Kanzlerkandidatin auf - und warf es den Wählern millionenfach entgegen.

Die Kandidatin war nicht zu fassen

Die Strategie verfing, weil das Misstrauen der Bürger gegenüber Merkel ohnehin schwelte. Es ist schwer auszumachen, aber irgendetwas hat die Skepsis der Menschen gegenüber Merkel geschürt. Haben die Menschen Merkel misstraut, weil sie eine vermeintlich herzlose Macht-Wissenschaftlerin im Kanzleramt fürchteten, weil Merkels linkische Unsicherheit im Umgang mit anderen Menschen die Bürger selbst verunsicherte? War es ihr scheinbar hartherziges Programm oder vielleicht sogar die Skalps der CDU-Männer Schäuble und Merz, die an ihrem Gürtel hängen? Oder ist es vielleicht das Gefühl, dass Merkel in diesem Wahlkampf seltsam identitätslos wirkte, weil sie eben nicht mit ihrer Eigenschaft als Frau oder als Ostdeutsche zu Felde zog?

Merkel war - jenseits ihrer politischen Entwürfe - nicht greifbar, nicht zu fassen. Das hat sie angreifbar gemacht, verwundbar. Die Wähler wussten nicht, wo sie die Person hinter dem mutigen Programm verorten sollten - deshalb zogen sie ihr Schröder vor. Der hatte eine neue, generöse Herzlichkeit und eine schier übermenschliche Selbstsicherheit zum Programm erhoben. Unter diesen Bedingungen entfaltete Schröders Strategie eine für die Union desaströse Wirkung.

Beobachter haben Merkel-Faktor unterschätzt

Im Prinzip haben alle Beobachter diesen negativen Merkel-Faktor unterschätzt. Eigentlich haben alle nicht begriffen, dass die Wähler Merkels vermeintliche Kälte offenbar als weitaus bedrohlicher empfanden als den Politik-Stil Schröders. Als Beispiel mögen die wöchentlichen Umfragen zur Kanzlerpräferenz dienen. Schröders Riesen-Vorsprung wurde immer als Folge seines Charismas und seiner Überzeugungskraft interpretiert. Merkels Schwäche wurde mit Schröders Stärke erklärt. Nun liegt die umgekehrte Erklärung nahe: Vielleicht war Merkels Schwäche Schröders Stärke.

Die "Süddeutsche Zeitung" hat die Perspektiven der CDU-Chefin schon am Dienstag ebenso vernichtend wie zutreffend kommentiert: "Angela Merkel hat nicht gesiegtverloren, weil sie eine Frau ist, aus dem Osten kommt oder oft griesgrämig dreinschaut. Die klare Mehrheit der Deutschen traut ihr schlichtweg nicht zu, dass sie mit ihren Überzeugungen und dem Personal, das sie präsentiert hat, das Land als Bundeskanzlerin besseren Zeiten zuführen kann. Sie hat die wirkliche, die einzig echte Vertrauensfrage verloren."

Kollateralschäden der Niederlage

Merkels Niederlage bringt erhebliche Kollateralschäden mit sich. Nicht nur die Union ist beschädigt, auch der Politik-Stil, den Merkel in diesem Wahlkampf geplegt hat, ist vorerst diskreditiert. Problematisch daran ist, dass dieser Stil erheblich sauberer war als alles, was die SPD geboten hat. Während Schröder und die SPD sämtliche nur erdenklichen Register zogen, blieb Merkel weitgehend sachlich. Mehr noch: Mit der angekündigten Mehrwertsteuer-Erhöhung sagte sie vor der Wahl tatsächlich, was sie für die Zeit nach der Wahl plante.

Nach dieser schallenden Ohrfeige, die Merkel vom Wähler für ihre neu entdeckte Ehrlichkeit kassiert hat, wird so schnell niemand mehr ähnliche Schritte wagen. Auch die Verunglimpfung Kirchhofs dürfte auf potenzielle Seiteneinsteiger eher abschreckend wirken.

Politisch Totgesagte leben derzeit lange

Die Union bemüht sich derzeit noch, Merkels Niederlage zu übertünchen - etwa mit einem fast hundertprozentigen "DDR-Ergebnis" ("taz") Merkels bei der Wahl zur neuen Fraktions-Chefin. Und tatsächlich ist trotz aller anschwellenden Abgesänge noch längst nicht ausgemacht, dass Merkel nicht doch noch eine jamaikanische Kanzlerin werden wird. Die letzten Monate haben gelehrt, dass politisch Totgesagte derzeit gemeinhin länger leben als erwartet. Als Kanzlerin einer schwarz-gelb-grünen Koalition hätte Merkel noch eine allerletzte Chance, die Bürger von sich und ihrem Politikstil zu überzeugen, Vertrauen zu gewinnen.

Wahrscheinlicher erscheint derzeit jedoch, dass Merkel früher oder später von einem schwergewichtigen Königsmörder gemeuchelt wird, der den Weg bahnt für einen der westdeutschen Prinzen Koch oder Wulff. Merkel würde so in die politische Bedeutungslosigkeit zurückgeworfen.

Gefährlich an Merkels Nichtwahl bleiben die Kollateralschäden. Es ist pure Ironie, dass ausgerechnet der hyper-rationale Politik-Stil der CDU-Chefin dem brutalen Politik-Stil Gerhard Schröders zu einem grandiosen Sieg verholfen hat. Zyinisch daran ist, dass es genau mit dieser brachialen Gewalt nicht gelingen wird, eine stabile Regierungs-Koalition zu zimmern.