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Kommentar: Kurt Beck, der Bruchpilot der SPD

Kurt Becks Vorschlag, mit der Linken zusammenzuarbeiten, war richtig. Trotzdem stand am Ende des Manövers ein Totalschaden, Naumanns Brief ist nur ein Beleg dafür. So ist die SPD angekommen, wo sie vor acht Monaten stand - mit einem Unterschied: Beck wurde vom Star- zum Bruchpiloten.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Der große Chaos-Theoretiker und -Praktiker Gerhard Schröder hat einmal über das Thema Versuch und Irrtum in der Politik einen sehr ehrlichen Satz gesagt: "Wenn es gut geht, war es Strategie." Und wenn es danebengeht? Dann, das lehrt die Erfahrung, verdient man am Ende sein Geld eben bei Gazprom.

Schröder hatte sich im Mai 2005 auch deshalb für das Vabanque-Spiel Neuwahlen entschieden, weil er hoffte, so das Entstehen und Erstarken der Linkspartei verhindern zu können. Das war ein Irrtum. So wie es aussieht, sogar ein historischer.

Mit den Folgen muss sich jetzt Schröders - Moment, mal eben kurz nachzählen - dritter Nachfolger als SPD-Chef herumschlagen. Und Kurt Beck erweist sich dabei als würdiger Lehrling des alten Meisters. Was auch immer hinter seiner linken Kehrtwende gesteckt haben mag, Strategie kann es nicht gewesen sein.

SPD muss sich der Linken öffnen

Und es ist grandios in die Tüte gegangen - obwohl der Gedanke hinter Becks Vorstoß völlig richtig war: Wenn die SPD im durcheinander- gerüttelten Parteiensystem machtpolitisch nicht völlig abgehängt werden und, bestenfalls, als ewiger Juniorpartner der CDU in Bund und Ländern dahinsiechen will, muss sie sich gegenüber der von ihr mitgepäppelten Linken öffnen. Dann muss sie sich auf rot-rote Koalitionen im Saarland (2009) und Nordrhein-Westfalen (2010) vorbereiten. Die Genossen vor Ort haben das längst in ihren Köpfen.

Bei Beck scheint es nun auch eingesickert zu sein, dass die SPD sich bewegen muss. Die entscheidende Frage ist nur: Wann macht man das, und wie macht man es? So wie Beck jedenfalls nicht, der jetzt leidvoll erfahren musste: Es gibt keine richtigen Ideen zum falschen Zeitpunkt.

Becks Totalschaden

Wohl noch nie ist es einem Parteivorsitzenden gelungen, es sich auf einen Schlag mit seiner gesamten Partei zu verderben. Sein kühner Alleingang, vorbei an den von ihm erst vergangenes Jahr auserkorenen Stellvertretern, hat sie alle auf die Zinnen getrieben: die SPD-Rechten, die eine wie immer auch geartete Kooperation mit der Linken - aktiv, passiv, massiv - rundweg ablehnen; die SPD-Linken, die eine unmotiviert vom Zaun gebrochene Debatte über Rot-Rot so hilfreich finden wie einen Zeckenbiss; die Wahlkämpfer in Hamburg, die das Theater drei Prozentpunkte gekostet hat, was Naumann zu seinem Brandbrief getrieben hat; die hessische SPD, der Beck mit seiner Plauderei den Plan verhagelt hat, die FDP doch noch in eine Ampel-Koalition zu pressen; und nicht zuletzt Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier, die sich immer heftiger zu fragen scheinen, auf was und wen sie sich da eingelassen haben.

Eine reife Leistung. Man nennt so etwas einen Totalschaden. Am Sonntag musste sich Beck gegenüber den Düpierten zerknirschen. Nur so konnte er einen Aufstand verhindern. Er habe einen "schwerwiegenden Fehler" begangen, der tue ihm leid, bekannte er hinter verschlossenen Türen. Ein Fehler? Nein, es war eine Reihe von Fehlern. Es war taktisch falsch, strategisch falsch und unter PR-Gesichtspunkten fatal. Und es waren zudem Folge-Fehler. Den entscheidenden Fehler hatte Beck bereits voriges Jahr begangen, als er, ebenfalls im Alleingang und ohne erkennbare Not, dekretierte: "Nicht mit denen im Westen!" Schon damals haben sich die Weitsichtigeren in der SPD-Führung entsetzt an den Kopf gefasst.

Hätte man auch billiger haben können...

Am Montag befand nun der SPD-Vorstand: Ab heute wird zurück beschlossen; Andrea Ypsilanti darf in Hessen machen, was sie für richtig hält. Damit stehen die Sozialdemokraten in der Frage, wie man mit der Linken umgehen soll, wieder da, wo sie bereits vor acht Monaten standen, vor Becks Dekret: Es entscheiden die Landesverbände selbst, mit wem sie koalieren oder sonstwie zusammenarbeiten. Das hätte man billiger haben können - und ohne den Totalverlust an Glaubwürdigkeit, den der SPD-Chef jetzt erlitten hat. Und Glaubwürdigkeit gehört zum Kapitalgrundstock von Politikern. Kein Mensch wird ihm noch glauben, dass er im Zweifelsfall bei seinem Versprechen bleiben wird, im Bund nie, nie, nie mit der Linken zu paktieren. Gilt neuerdings, dass es in der Hauptstadt ehrlicher zugeht als in den Provinzen?

Um ein Bild aus der Fliegerei zu verwenden. Kurt Beck hat einen Looping gedreht. Und dann ist er abgeschmiert. Ein Wortbruchpilot. Das wird ihn lange verfolgen. Wer einmal lügt… Und die SPD hat, wieder einmal, die alte Debatte am Hals: Ist Beck überhaupt geeignet, 2009 als Kanzlerkandidat anzutreten? Kann der Mann Kanzler? Kann er überhaupt Parteivorsitzender?

Einer mehr in der Reihe der Gefallenen?

Kurt Beck hat sich zuletzt sehr sicher und stark gefühlt in seinem Amt, auch im Glauben, dass es keine Alternative zu ihm gebe. Er sollte sich vorsichtshalber die Reihe der Gefallenen des vergangenen Jahrzehnts genau ansehen: Lafontaine, Schröder, Müntefering, Platzeck. Es waren nicht die Schwächsten und nicht die Schlechtesten. Und zu jedem gab es dann doch schnell eine Alternative.

Die letzte hieß Kurt Beck. Die vorläufig letzte.

liu/spi

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