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Kommentar: Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Herr Schröder

Jetzt ist es offiziell. Er ist weg, er kommt nicht wieder, die Ära des Kanzlers Gerhard Schröder ist vorbei. Anstatt eines politischen "Nachrufs" hat sich stern.de für einen einfachen, persönlichen Abschiedsbrief entschieden.

Von Florian Güßgen

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, lieber Herr Schröder,

zuerst muss ich mich bei Ihnen für die Sache mit "Hillu" entschuldigen. Erinnern Sie sich noch? Damals, Mitte der neunziger Jahre, als die "Bild"-Zeitung die Behauptung ventilierte, ihre dritte Frau verwehre Ihnen, dem politischen Großwild-Jäger, zu Hause das Fleisch? Und dann die Sache mit Doris, die dann irgendwann an Hillus statt die Bühne betrat. "Niemals. Niemals!", habe ich damals gedacht, werden die Deutschen so einen Clintonesquen Politiker zum Kanzler wählen. Ich habe mich getäuscht - und dafür möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen.

Sie haben den Findling Kohl beiseite gewuchtet

Bedanken, lieber Herr Bundeskanzler, möchte ich mich für ein anderes Verdienst. Sie haben dieses Land 1998 von Helmut Kohl befreit, einer Last, an der diese Gesellschaft zu ersticken drohte. Wie ein scheinbar unverrückbarer Findling hatte Kohl jede Ausflucht aus den verstaubten Vorstellungen der fünfziger und sechziger Jahre blockiert. Erst nachdem Sie, Seit' and Seit' mit Ihrem Seelenverwandten Joschka Fischer, diesen Monolithen beiseite gewuchtet hatten, konnte etwas Neues entstehen, konnte sich diese Gesellschaft bewegen. Für diese Befreiungs-Aktion danke ich Ihnen noch heute. Das wird bleiben.

Ökologie und Familien-Gedöns

Denn dieses Land hat sich unter Ihrer Führung bewegt. Während Ihrer Amtszeit haben Sie, gepiesackt von den Grünen, eine gesellschaftspolitische Wende vollzogen, die wirklicher war als jedes Kohlsche Gerede von der geistig-moralischen Wende. Sie haben dieses Land gelüftet, dem Muff, der sich festgesetzt hatte, den Garaus gemacht. Die Homo-Ehe oder die Reform des Staatsbürgerschafts-Rechts, widerstrebend auch die Sache mit der Ökologie und dem Familien-Gedöns - Sie haben das zwar nicht alles perfekt gemacht, aber zumindest angepackt.

Der Kosovo-Einsatz als wichtige Zäsur

Und nicht nur das. Auch die deutsche Linke, die sich gleich dem trägsten Konservativen gerne zur Selbstverständlichkeit erstarrten Ritualen hingibt, haben Sie mächtig herausgefordert. Sie haben den Bundeswehr-Einsatz im Kosovo durchgeboxt, nur Monate, nachdem Sie ins Amt gekommen waren. Manchmal, das wurde damals vielen klar, erschöpft sich eine humanitäre Ethik eben nicht in der Absage an jedwede Anwendung von Gewalt, manchmal erfordert eine humanitäre Ethik es, dass auch deutsche Soldaten in der Ferne eingesetzt werden - nicht trotz, sondern wegen der deutschen Vergangenheit. Diese Erkenntnis haben Sie in Politik umgesetzt. Sicher, Herr Schröder, Fischer hatte einen ebenso großen Anteil wie Sie an dieser Zäsur, aber Sie waren damals der Chef. Respekt!

Die Arbeitslosigkeit haben Sie zunächst verpennt

Verpennt haben Sie, wenn ich das sagen darf, in Ihrer ersten Amtszeit trotz aller Versprechungen wohl das Thema Arbeitslosigkeit. Vielleicht konnten Sie damals, als die New Economy boomte, als eine neue, glorreiche und virtuelle Zeit hereinzubrechen schien, gar nicht erkennen, wie groß der Bedarf an tief greifenden strukturellen Reformen in diesem Land tatsächlich ist, vielleicht ließen auch Sie sich damals blenden von den Chancen, die die Globalisierung zu bieten schien - statt die Gefahren und Risiken genau im Blick zu haben. Aber auch hier gilt das Verantwortungs-Prinzip: Es ist Ihnen, dem Chef, anzulasten, dass Sie die Notwendigkeiten damals nicht voll erkannt haben. Sorry.

Sieg für die Aufklärung

Ihre zweite Amtszeit, lieber Herr Bundeskanzler, ist ein wunderbares Paradoxon. Eigentlich hätte sie nicht geschehen, nicht sein dürfen, denn Sie haben sich den Wahlsieg 2002 mit den Jokern "Flut" und "Irak-Krieg" erspielt. Gleichzeitig ist es gut, dass es diese zweite Amtszeit gab, denn in ihr haben Sie sich zum Staatsmann entwickelt, zum "Lotsen" - im besten Sinne des Begriffs. Es schien, als wollten Sie nie mehr so nackt dastehen wie im Wahlkampf 2002, so programm- und visionslos.

Freilich, Sie haben unglaubliches Glück gehabt, Chuzpe. Bis heute möchte ich Ihnen unterstellen, dass die Entscheidung, sich gegen den Irak-Krieg zu positionieren, nicht einer höheren Analyse oder gar höherem Wissen entsprungen ist, sondern einem Bauch-Gefühl, einer Intuition. Erst, als Bushs Rechtfertigungs-Gebäude zusammenbrach, ist wohl auch Ihnen klar geworden, wie richtig Sie mit ihrer Eingebung gelegen haben. Aus Intuition wurde Strategie. Das zeichnet große Politiker aus. Deutschland und vielleicht sogar Europa haben Sie damit einen großen Dienst erwiesen: Sie, der Spieler, hatten einen Sieg für die Aufklärung errungen. Krieg, dieses Exempel haben Sie durchexerziert, darf es nur geben, wenn es dafür sachlich und ethisch nachvollziehbare Gründe gibt. Auf die Qualität der Begründung, der Rechtfertigung, kommt es an. Im Kosovo gab es die, im Irak nicht. Die Konsistenz, die Sie als Außenpolitiker hier an den Tag gelegt haben, ist vielleicht Ihr wichtigstes Erbe.

Die Agenda 2010 war richtig

Ich unterstelle Ihnen auch, dass die Agenda 2010 viel mehr einer wirklichen Überzeugung entsprungen ist als der Zufallstreffer Irak. Die Agenda 2010, die Sie letztlich Ihren Job gekostet hat, entsprang der Erkenntnis, dass sich der Mythos des Wirtschaftswunderlandes Deutschland, von dem wir alle lange gezehrt haben, schon lange erschöpft hat, dass ein Umdenken notwendig ist, wenn der Sozialstaat erhalten werden soll. Der Sozialstaat - und das ist keine billige, neoliberale Floskel - bedarf eines größeren Maßes an wirklicher Eigeninitiative und Eigenverantwortung, die bloß nicht von den verquasten, im lähmenden deutschen Korporatismus verketteten Sozialpartnern konsensual verwässert werden darf. Nur so ist der Sozialstaat - in seiner wertvollen, europäischen Ausprägung - zu retten. Deshalb ist die Stoßrichtung der Agenda 2010, so misslich die handwerkliche Ausführung auch zum Teil gewesen ist, nach wie vor richtig. Sie haben ein wichtiges Signal gegeben, Herr Schröder, Sie haben ins Jagdhorn geblasen - und sind geradewegs in den Morast geritten.

Sie haben eine Herzensangelegenheit herzlos verkauft

Ihr Problem war, dass sie dieses Projekt, das Ihnen eine Herzensangelegenheit war, herzlos verkauft haben. Die sozialdemokratische Seele fühlte sich mehr denn je von Ihnen vernachlässigt - und rebellierte, stand auf, rannte davon. Weg von Ihnen, aber auch weg von der SPD. Dass Oskar Lafontaine heute triumphierend im Reichstag sitzt, ist zu einem guten Teil eine Konsequenz Ihrer schlechten Marketingstrategie. Der Medien-Kanzler, der Sie sind und waren, hat im entscheidenden Moment die Regeln des Handwerks vernachlässigt. Lafontaines Wiederauferstehung und Ihr Versagen just in dem Moment, in dem Sie an etwas mit vollem Herzen glaubten - das sind die ironischen Momente jener politischen Lawine, die Sie mit Ihrer Abdankung am 22. Mai dieses Jahres ausgelöst haben.

Sie haben Ihren Erben den Allerwertesten gerettet

Denn, lieber Herr Schröder, lassen Sie uns zum Schluss noch einmal ehrlich sein: Es war zwar ein aufrechter Abgang, den Sie da am Abend der Wahlniederlage in NRW inszeniert haben, aber es war schon damals ein Abgang. Dass die Union es nicht einmal schaffen würde, einer derart siechen und konfusen SPD den Garaus zu machen, damit konnte wahrhaft niemand rechnen. Vielleicht gab es in diesem Wahlkampf sogar bei Ihnen Momente, in denen Sie die Schwachstellen der anderen gesehen haben, vielleicht auch nur gespürt, und sich gedacht haben: "Nee, lass' mal. Wenn ich da jetzt drauf dresche, muss ich womöglich noch mal ran." Ihre Partei wird es Ihnen danken, dass Sie dann doch drauf gedroschen haben, dass Sie da hin gegangen sind, wo es dem Kirchhof und der Merkel wehtun musste. In dieser Phase haben Sie sich als Parteisoldat Münteferingscher Prägung erwiesen. Sie haben der SPD so den Allerwertesten gerettet und Ihre Erben, von Gabriel bis Steinbrück, in Amt und Würden katapultiert.

Warum haben sie den Ober-Macker heraushängen lassen?

Allein auf einen wirklich würdevollen Abgang haben Sie leider verzichtet. Hätten Sie an jenem Abend des 18. September etwas weniger den Ober-Macker heraushängen lassen, dann hätten Sie in Ruhe abtreten können. Wer weiß, vielleicht wäre die Unions-Front hinter Merkel sogar eher gebröckelt ... Vielleicht aber auch nicht - und die SPD hätte in den Verhandlungen ein Ministerium weniger abbekommen. Wer weiß. Für Sie wäre es in jedem Fall ein sauberer, astreiner Schnitt gewesen - wie bei Fischer eben.

Irrsinnige Aggression und Irrationalität

Jetzt ist es anders gekommen, weil Sie einen letzten, grandiosen Auftritt hatten, voller irrsinniger Aggression und Irrationalität. Der Ruf des Spielers, des Bauchmenschen wird den Ruhm des Staatsmannes nun etwas stärker überlagern, als es ohne diese Show der Fall gewesen wäre.

Aber was soll's? Einer der großen, neuen Männer in der SPD zitierte vor wenigen Wochen ein spanisches Sprichwort, das ich in seiner Original-Version nie und nimmer mehr hinkriege. Es besagt in etwa, dass ein Torero die Arena immer aufrecht und immer durch das größte Tor verlassen muss - egal wie angeschlagen er ist. Das, heißt es, sei wahre Würde.

Nein, Herr Bundeskanzler, das ist jetzt keine Grund zum Verdruss. Wenn ich das zum Abschied sagen darf, so schreiten sie nun trotz all Ihrem zornigen Gestampfe durch ein recht großes Tor hinaus aus der Arena der "Berliner Republik". Ihre Würde ist halbwegs bewahrt - schon alleine, weil die Schwarzen für Ihren Kopf acht Ressorts berappen mussten.

Aber vielleicht ist es ohnehin nicht die Würde des Amtes, die Sie ausmacht. Vermissen werde ich Sie vor allem, weil Sie sich wahrscheinlich gerade in diesem Moment, in dem Sie unter dem sonnigen Torbogen stehen - und das Publikum mit Taschentüchern winkt - noch einmal kurz umdrehen und uns allen wölfisch lachend den Stinkefinger zeigen. Hasta la vista, Babes!

In diesem Sinne: Vielen Dank für alles, alles Gute für die Zukunft - und sorry nochmal für die Sache mit Hillu.

Mit freundlichen Grüßen,

Florian Güßgen

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(