Megathemen Warum keiner mehr vom Waldsterben spricht


Politiker neigen dazu, sich auf Megathemen zu stürzen und hektisch gegenzusteuern. So war es in Sachen "Bevölkerungsexplosion" und "Waldsterben", so ist es jetzt bei "Überalterung" und "Klimawandel". Gastkommentator Wolfgang Clement rät zur Gelassenheit.
Von Wolfgang Clement

Vorsicht vor den ganz großen, vor den Megathemen. Vor den Herausforderungen, die die Menschheit, wenn sie sich nicht umgehend besinne, in die Katastrophe treiben sollen. Nehmt euch in Acht! Denn diese eine Welt ist viel größer, vielfarbiger und vielgestaltiger, als dass wir sie eindimensional erklären könnten. Es bedarf mehr als einer Antwort.

Es ist interessant, sich zu erinnern: Im Jahr 1972 warnte der "Club of Rome" in einem Report über "Die Grenzen des Wachstums" vor den Risiken der Bevölkerungsexplosion. Und erregte damit weltweite Aufmerksamkeit. Heute, knapp vier Jahrzehnte später, spricht kaum noch ein Mensch davon. Die Geburtenraten sind inzwischen fast weltweit (Ausnahmen insbesondere: Afrika, Mittelost) dramatisch zurückgegangen. Damals brachte eine Mutter durchschnittlich fünf Kinder zur Welt, heute liegt die Geburtenrate noch ungefähr halb so hoch. Im Jahr 2050 wird sie noch bei gut zwei Kindern pro Frau liegen. Dann stagniert die Weltbevölkerungszahl oder reduziert sich sogar.

Bevölkerungsexplosion

Vor knapp 40 Jahren sprachen wir vom "Jahrhundert der Bevölkerungsexplosion", heute sprechen wir vom "Jahrhundert der Bevölkerungsalterung". Aber das nächste Megathema hatten wir ja auch schon. Diesmal, in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, ging es ums "Waldsterben", das unsere Nachbarn in Frankreich von "le waldsterben" sprechen ließ, weil wir Deutsche uns von unserer romantischen Waldverliebtheit zu dramatischen Übertreibungen verführen ließen. Die Furcht vor dem Absterben ganzer Waldgegenden infolge sauren Regens ging um. Ich erinnere mich gut, wie Erhard Eppler wortmächtig, wie er ist, das bevorstehende Ende des Schwarzwaldes beschwor. Heute, nachdem im Jahr 2003 sogar die "grüne" Landwirtschaftsministerin Renate Künast das Waldsterben für beendet erklärt hat, wissen wir: Es gibt nicht eine einzige, sondern diverse Ursachen, die unsere Wälder schädigen können. Und sei es eine sommerliche Hitzeperiode.

Globaler Bürokratie

Dafür haben wir jetzt die Erderwärmung, das CO2-Problem, das beinahe die ganze Welt in Atem hält. Von der größten Gefahr für die menschliche Zivilisation ist die Rede, vom wichtigsten Problem unseres Zeitalters. Ja, sogar von einer Bedrohung des Weltfriedens wird bereits gesprochen.

Und wiederum sind es wir Deutschen, die dem Kohlendioxid geradezu leidenschaftlich zu Leibe rücken. Die Klimapakete und CO2-Minderungsprogramme, die hierzulande geschnürt und parlamentarisch durchgewunken werden, sind kaum noch zu überblicken. Und wenn uns nicht noch irgendjemand aufhält, dann werden wir den Rest der Welt alsbald mit einer CO2-pro-Kopf-Verbrauchsregelung überziehen, die aus der globalen Wirtschaft endgültig eine ebensolche Bürokratie macht.

Vertrauen in Technik

Kein Zweifel, der Klimawandel gehört zu den ernsten Herausforderungen unserer Zeit. Aber ganz gewiss bedeutet er nicht das Ende der Welt. Und ebenso sicher, wie er vermutlich nicht nur eine Ursache hat, ist er nicht mit einer einzigen Antwort zu beherrschen. Deshalb ist es dringend nötig, weniger den politischen Pläneschmieden und ihren Jahrhundertprogrammen, sondern mehr der Kreativität und Intelligenz unserer Wissenschaftler, Techniker und Ingenieure anzuvertrauen.

Cicero

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