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Sachbuch Baerbock hat abgeschrieben – und das ist keine Kleinigkeit

Eine weiße Frau mit dunkelbraunen, schulterlangen Haaren steht an einem Mikrofon or einer grünen Wand mit Sonnenblumen darauf
Beim Umgang mit den Plagiatsvorwürfen macht Annalena Baerbock auch keine gute Figur, meint stern-Reporterin Kerstin Herrnkind
© Andreas Gora/Pool / Getty Images
Es ist legitim der Frau, die Kanzlerin von Deutschland werden will, vorzuhalten, dass sie nicht sauber gearbeitet hat. Beim Umgang der Kanzlerkandidatin bleibt ein Beigeschmack, meint stern-Reporterin Kerstin Herrnkind.

stern-Reporterin Kerstin Herrnkind meint, dass die Plagiatsvorwürfe gegen Annalena Baerbock Gewicht haben. Ihr Kollege Axel Vornbäumen ist ganz anderer Meinung. Seinen Kommentar lesen Sie hier.

Die Grünen sprechen von Rufmord. Nein, das ist kein Rufmord. Rufmörder verbreiten gemeine Lügen, wohlwissend, dass sie nicht stimmen. Das, was Bettina Wulff widerfahren ist, war Rufmord. Annalena Baerbock hat abgeschrieben. Das kann jeder nachlesen, der sich die veröffentlichten Textstellen anguckt, die der Medienwissenschaftler und Plagiatsjäger Stefan Weber gefunden hat. Und es ist legitim der Frau, die Kanzlerin von Deutschland werden, ja das Land erneuern will, vorzuhalten, dass sie nicht sauber gearbeitet hat.

Kein Autor, keine Autorin bricht sich einen Zacken aus der Krone, wenn er oder sie Anführungszeichen setzt. Um zu zeigen, wer Pate gestanden hat für das eigene Werk. Und wem man die Schreibarbeit überlassen hat. Denn darum geht es. Natürlich können Autoren und Autorinnen dröge Zahlen und Fakten aus einer seriösen Quelle abschreiben. Die Arbeit beginnt, wenn man erklärt, was sie bedeuten. Genau das haben die Blogger von "Climate Challenge" getan. Sie haben kurz und knackig formuliert, dass der Klimawandel sich "auf die gesamte Wertschöpfungkette von Unternehmen" auswirkt und wie. Baerbock hat die wenigen Sätze wörtlich übernommen. Anstatt sich die Mühe zu machen, eine eigene Formulierung zu finden. Das ist schon in Ordnung, wenn hinten und vorne Anführungszeichen stehen. Ein Literaturverzeichnis schmückt darüber hinaus jedes erzählende Sachbuch -  auch wenn es kein Muss ist. 

Mindestens unkollegial von Annalena Baerbock

Dass Baerbock in ihrem Buch Teile des grünen Wahlprogramms wiederkäut, sei ihr als Spitzenkandidatin gegönnt. Aber sie hat offenbar auch eine Passage aus dem Berliner "Tagesspiegel" geklaut, in der die Folgen eines Wirbelsturms beschrieben werden. Es ist eine sehr kurze Passage, aber auch hier bedient sie sich bei dem Autor, der sich Gedanken gemacht hat, wie man diesen Tropensturm lebendig schildern könnte. Ohne ihn zu nennen. Das ist mindestens unkollegial.

Und dann gibt es noch  eine Passage von der Bundeszentrale für politische Bildung. Es geht um die Osterweiterung, eine längere Passage mit Fakten und Zahlen.  Die Bundeszentrale ist eine Behörde, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, politische und historische Themen verständlich für Bürgerinnen und Bürger aufzubereiten. Doch auch wenn die Texte dem Allgemeinwohl dienen sollen, sind sie urheberrechtlich geschützt. Baerbock hätte mit dem Verweis auf die Bundeszentrale Werbung machen können für diese, wie ich finde, sehr sinnvolle Einrichtung, die sich der politischen Aufklärung verschrieben hat. Baerbock hat wohl auch bei dem Politikwissenschaftler Michael T. Klare abgekupfert. Was hätte sie sich vergeben, wenn sie ihn genannt hätte? Nichts. 

Beim Schreiben wird geklaut, aber ... 

Nun muss man zugeben, dass jeder, der schreibt, fast immer auch klaut. Einen Gedanken von Kollegen XY, eine Idee und Formulierung von Kollegin Z. Fakten aus hoffentlich seriösen Quellen. Auch für diesen Kommentar bediene ich mich bei anderen Medien. Die Beute wird umformuliert, weitergesponnen, ergänzt. Davon lebt der öffentliche Diskurs. Wenn man aber eins zu eins übernimmt, zitiert man. Das lernen Schüler und Schülerinnen schon in der Mittelstufe. Dass mal ein Satz durchrutscht, okay, aber nicht ganze Passagen. Im Schulaufsatz gäbe es dafür Punktabzug. Ein Journalist, der Passagen kopiert, riskiert eine Abmahnung. Und hämische Kommentare auf Medienseiten. Doktoranden müssen damit rechnen, dass ihnen der Titel entzogen wird, wenn sie nicht jeden Gedankengang, jede Fußnote, die nicht aus der eigenen Feder stammt, kennzeichnen. Politiker riskieren Vertrauen.

Annalena Baerbock mit ihren neuen Buch

Nun hat Baerbock keine wissenschaftliche Arbeit verfasst. Stimmt. Trotzdem hätte sie korrekt zitieren müssen, das Urheberrecht gilt nicht nur für Wissenschaftler. Viele Leser und Leserinnen kennen den Unterschied zwischen einem Sachbuch und einer wissenschaftlichen Arbeit vermutlich nicht mal. Und sie dürfte einen Vorschuss für ihr Buch kassiert haben.

Baerbock lässt sich öffentlich von einem bekannten Medienanwalt verteidigen. Er wird nicht müde zu betonen, dass er "nicht mal im Ansatz" eine Urheberrechtsverletzung erkennen könne. Dafür wird er bezahlt. Juristen und Juristinnen werden sich in Kommentaren nun darüber streiten, ab welcher Zeichenzahl ein Plagiat beginnt. Was Sachinformation und geistiges Eigentum ist. Doch darum geht es nicht.

Es geht um den schalen Beigeschmack, der bleibt, nachdem Baerbock es schon mit den Angaben zu ihrem Lebenslauf nicht so genau genommen hat. Nun hat sie nicht anständig zitiert. Schade. Sie hätte es nicht nötig gehabt. Und noch etwas ist schräg: Annalena Baerbock könnte jetzt einfach sagen, dass ihr das so durchgerutscht sei. Passiert doch mal. Bei dem Stress.  Stattdessen droht sie mit Anwalt und die Grünen blasen zum Sturm auf vermeintliche Rufmörder. Das ist keine Erneuerung. Das ist eine Fehlerkultur aus der Mottenkiste. 

tkr

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