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Sachbuch Plagiatsvorwürfe gegen Baerbock sind Pille-Palle in Reinkultur

Annalena Baerbock im Bundestag - die Diskussion um ihre vermeintlichen Plagiate hält unser Autor für komplett überzogen
Annalena Baerbock im Bundestag - die Diskussion um ihre vermeintlichen Plagiate hält unser Autor für überzogen
© Kay Nietfeld / DPA
Die Aufregung über Annalena Baerbocks abgeschriebene Textpassagen ist ein Fall für Korinthenkacker, meint stern-Reporter Axel Vornbäumen.

stern-Reporter Axel Vornbäumen hält die Plagiatsvorwürfe gegen Annalena Baerbock für übertrieben. Seine Kollegin Kerstin Herrnkind ist da ganz anderer Meinung. Ihren Kommentar lesen Sie hier.

Annalena Baerbock hat es am Dienstagabend in die Tagesthemen geschafft, was in diesem Fall keine besonders gute Nachricht war – schon gar nicht für sie selbst. Exakt 27 Sekunden lang verlas Sprecher Jens Riewa folgende Meldung: "Gegen die Kanzlerkandidatin der Grünen, Baerbock, gibt es Plagiatsvorwürfe. Sie soll in ihrem Buch 'Jetzt. Wie wir unser Land erneuern' Passagen abgeschrieben und die Urheber nicht genannt haben, so der österreichische Medienwissenschaftler Weber. Die Grünen weisen den Vorwurf zurück und bezeichnen die Anschuldigungen als einen Versuch von Rufmord. Der Verlag, bei dem das Buch erscheint, teilte mit, man könne keine Urheberrechtsverletzung erkennen." Das wars auch schon, es folgt Kanada. Die Hitzewelle.

Wer damit etwas anfangen mag – bitte sehr. Es ist ja alles, was man braucht, drin in dieser Baerbock-Meldung: Der Vorwurf (Plagiat). Die Quelle (österreichischer Medienwissenschaftler). Die Gegenrede der Grünen (Rufmord). Die dritte Meinung: (Verlag kann nichts erkennen).

Baerbocks Glaubwürdigkeit erschüttert?

Es kommt aber noch etwas dazu: Da ist nämlich auch die Gravitas der "Tagesthemen", die den Vorgang offenkundig für so bedeutsam erachteten, dass sie ihn überhaupt für berichtenswert hielten und in ihrem knappen Nachrichtenblock sogar an zweiter Stelle platzierten. Und da sind – natürlich – die bekannten Unkorrektheiten Baerbocks bei der Abfassung ihres Lebenslaufs als vermeintlich passende Vorgeschichte. Für alle die, die es nicht so genau wissen wollen, gilt ab sofort der Kurzschluss: Ups, she did it again! Wird schon was dran sein. Für alle, denen das politisch zupass kommt, gilt das sowieso. CSU-Generalsekretär Markus Blume frohlockte schon pflichtschuldigst, Baerbocks Glaubwürdigkeit sei "einmal mehr" erschüttert.

Man muss kein Anhänger der Grünen sein, um den Vorwurf im vermeldeten Fall für überzogen zu halten. Die Maßstäbe sind verrutscht, wenn in einem, nennen wir es: Sachbuch, in dem eine Kanzlerkandidatin ihre politischen Ideen entwickelt, Passagen nicht auftauchen dürfen, die andernorts so oder so ähnlich auch schon mal formuliert wurden. Copy-and-Paste ist in diesem Fall eher eine Frage des Pragmatismus als eine der Moral.

Pille-Palle in Reinkultur

Man sollte an dieser Stelle noch einmal darauf hinweisen: Es handelt sich schließlich nicht um eine Dissertation. Geradezu tragikomische Züge enthalten die Vorwürfe, wenn besagter österreichischer Medienwissenschaftler "nachweist", dass die Aufzählung von zehn Beitrittsstaaten zur EU einer Broschüre der "Bundeszentrale für politische Bildung" entnommen worden sei. Das ist Pille-Palle in Reinkultur. Prognose: Wer das Annalena Baerbock zu Last legen und ihr damit die Kanzlertauglichkeit absprechen will, hätte sie mutmaßlich ohnehin nicht gewählt.

Annalena Baerbock mit ihren neuen Buch

Es gehört zu den weniger vornehmen Begleiterscheinungen eines Wahlkampfs, dass die jeweiligen Spitzenkandidaten der Parteien nach allen Regeln der Kunst auf Tauglichkeit und Charakterfestigkeit geprüft werden. Das ist richtig so. Und fair geht es dabei beileibe nicht immer zu.  Wenn nun aber auch noch die Korinthenkacker glauben, den politischen Diskurs bestimmen zu können, dann läuft etwas gewaltig schief.

tkr

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