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Merkel-Interview in "Neon" Jugendsünde: süßer Fusel


Im Interview mit der Zeitschrift "Neon" antwortet Angela Merkel auf persönliche Fragen. Skype ist für sie und ihren Mann Neuland, dafür mag sie Kirschwein und "Inspector Barnaby".
Von Timo Brücken

Angela Merkels größte Jugendsünde: ein Schwipps von süßem Fusel. Das hat die Bundeskanzlerin nun zumindest dem Magazin "Neon" verraten. Was das Unvernünftigste sei, das sie als junge Frau getan habe, wollten zwei Reporter für ein Interview in der jetzt erschienenen Septemberausgabe wissen. Merkels Antwort: "Zu viel Kirschwein." Der steige nämlich viel schneller zu Kopf als Rotwein. "Das habe ich unterschätzt."

Eine ziemlich harmlose Antwort - aber für merkelsche Verhältnisse geradezu bahnbrechend persönlich. Zumindest wenn man der "Bild"-Zeitung glaubt, die schreibt: "Für Verblüffung sorgt ein neues Interview: In der Zeitschrift 'Neon' stellt sich die Bundeskanzlerin ganz privaten Fragen." "Neon"-Chefredakteur Partick Bauer und sein Mitarbeiter Sascha Chaimowicz ("Mein Merkel-Moment") versuchen tatsächlich, der Kanzlerin möglichst viel Persönliches zu entlocken. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Die Reporter fragen nach Merkels Studienzeit in Leipzig und dem Verhältnis zur Mutter, wollen wissen ob sie auf Dienstreisen mit ihrem Mann skypt und welche TV-Serien sie schaut. Merkel antwortet brav auf alle Fragen. In Leipzig nicht mehr jeden Tag um 18 Uhr zu Abend essen zu müssen, wie früher als Kind in der Uckermark - das habe sich schon ein bisschen nach Freiheit angefühlt. Die Mutter rufe manchmal nach der Tagesschau an und sage: Du sahst müde aus. "Aber sie sagt mir nicht mehr, was ich tun soll." Skype ist für Angela und ihren Joachim kein Thema: "Telefonieren reicht uns." Und die Serien? "The West Wing" würde Merkel gern mal sehen. "Ansonsten bin ich konservativ und erfreue mich sonntags manchmal an 'Inspector Barnaby'."

Bei der falschen Frage, wechselt sie in den Genervtheitsmodus

"Zu nah lässt sie niemanden an sich heran", sagt Patrick Bauer. Der Eindruck, im "Neon"-Interview gebe sich Merkel persönlich wie nie zuvor, entsteht laut Bauer auch dadurch, dass Merkel sich bisher fast gar nicht von einer persönlichen Seite gezeigt habe. "Sie erzählt viel in unserem Interview. Aber die Anekdoten, die sie freiwillig preisgibt, sind sehr ausgesucht." Merkel as usual also, die kontrollierte Kanzlerin. Nur manchmal fällt sie anscheinend aus der Rolle: "Stellt man ihr die falsche Frage, wechselt sie vom typisch abstrakten und oft aussagefreien Merkel-Deutsch in einen erstaunlich direkten Genervtheitsmodus", schreiben Bauer und Chaimowicz im Vorspann des Interviews.

"Wenn sie das Gefühl hat, dass man sie aufs Glatteis führen will, lässt sie einen spüren, dass man ihr so nicht zu kommen braucht", sagt Bauer. Zum Beispiel bei den Fragen zu Merkels "Internet ist Neuland"-Aussage oder zum Whistleblower Edward Snowden sei das der Fall gewesen. "Da wurde sie ein bisschen ungehalten und wollte schnell das Thema wechseln." Im gedruckten Interview merkt man davon freilich nichts mehr. Solche Politiker-Gespräche werden schließlich autorisiert, die Antworten von Pressesprechern gekürzt und geglättet.

Und diesmal? "Ich hatte noch nie so eine angenehme Autorisierung – mit einer vermeintlich unangenehmen Autorisiererin", sagt Patrick Bauer. "Das liegt natürlich daran, dass Frau Merkel von sich aus nicht viel preisgibt. Sie muss sich selbst gar nicht mehr so stark entschärfen."


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