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Migrationsbericht 2010 Böhmer bezeichnet Situation vieler Zuwanderer als "dramatisch"


Migranten sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt und im Bildungssektor nach wie vor benachteiligt. Dort sei die Situation vieler Zuwanderer dramatisch, sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer.

Bildungs- und Arbeitsmarktforscher schlagen seit langem Alarm. Nicht erst der am Mittwoch vorgelegte neue Bericht der Bundesregierung über die Lage der Ausländer in Deutschland deckt die Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit schonungslos auf: Von den 20- bis 30-jährigen jungen Menschen mit Migrationshintergrund hat fast jeder Dritte keinen Berufsabschluss und befindet sich auch nicht mehr in der Weiterbildung. Bei jungen Frauen türkischer Herkunft sind es sogar fast die Hälfte.

Zugleich tickt in vielen Ballungsstädten wie Berlin, Hamburg, Köln, München oder Stuttgart eine demografische Zeitbombe: Dort hat laut dem aktuellen Bildungsbericht von Bund und Ländern inzwischen mehr als jeder zweite Jugendliche unter 15 Jahren ausländische Wurzeln. Die Tendenz ist steigend. In Frankfurt/Main kommen schon 72 Prozent der unter Dreijährigen aus Migrantenfamilien.

Der Bildungsforscher Jürgen Baumert sieht bei zugewanderten Eltern häufig grundsätzlich großes Interesse an einer guten Bildung für die eigenen Kinder, weil sie damit Aufstiegserwartungen verbinden. Gleichwohl scheitern Schüler aus Migrantenfamilien weitaus häufiger im deutschen Bildungssystem, gehen im Schnitt deutlich seltener auf Gymnasien und sind überproportional häufig auf Hauptschulen. "Zu oft entscheidet Herkunft beziehungsweise die soziale Lage noch über den Bildungsweg und damit über die Zukunft von Kindern und Jugendlichen", stellt der Migrationsbericht der Bundesregierung dazu erneut ernüchternd fest.

Dabei haben sich Bund und Länder in der vergangenen Wahlperiode nach drei mühsamen Integrationsgipfeln auf einen Nationalen Integrationsplan verständigt. Erste positive Ansätze sind auch zu berichten. Heute nehmen mehr Kinder aus Zuwandererfamilien an frühkindlicher Bildung und der so wichtigen Sprachförderung teil als noch 2005. Doch die Quoten zwischen den Bundesländern variieren stark. Und noch immer schicken viele Migrantenfamilien ihre Kinder im Vorschulalter nicht in den Kindergarten - während dies für ihre deutschen Alterskameraden inzwischen die Regel ist.

2008 hatten 13,3 Prozent der 15- bis 19-jährigen Migranten keinen Schulabschluss. Bei den Jugendlichen ohne Migrationshintergrund waren dies 7 Prozent. Der Wissens- und Kompetenzrückstand der meisten jungen Migranten gegenüber Gleichaltrigen deutscher Herkunft entspricht in der Grundschule wie auch in weiterführenden Schulen der meisten Bundesländer deutlich mehr als ein Schuljahr.

Besonders gravierend wirkt sich dies in der wichtigsten Schlüsselkompetenz für das weitere Lernen, dem Lesen und dem Textverständnis in deutscher Sprache, aus. Vergleicht man die Schulleistungen junger Migranten mit Gleichaltrigen deutscher Herkunft im Fach Englisch, so sind die Unterschiede deutlich geringer.

Die Probleme junger Migranten, nach der Schule eine Lehrstelle zu finden, schlagen sich auch in den späteren Arbeitslosenquoten nieder. Laut Regierungsbericht ist die Arbeitslosenquote von Menschen mit Migrationshintergrund nach wie vor etwa doppelt so hoch (2008: 12,4 Prozent) wie von Einheimischen ohne Migrationshintergrund (2008: 6,5 Prozent).

Von Chancengleichheit bei der Bildung kann noch lange keine Rede sein, räumte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), bei der Vorstellung des Berichtes ein. Die CDU- Politikerin sprach von "Großbaustellen der Integration", die in den nächsten Jahren verstärkt angegangen werden müssten. "Wir brauchen Schulen, die besser ausgestattet sind", forderte Böhmer an die Adresse der Bundesländer. Doch die Länder wiederum fordern geschlossen mehr Geld vom Bund, um mehr in die Bildung zu investieren. Und die auch beim jüngsten Bildungsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Ministerpräsidenten erneut nicht gelöste Finanzfrage bei der Bildung lässt schnelle Abhilfe nicht erwarten.

K.-H. Reith, DPA DPA

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