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Mohammed-Karikaturen: "Die Integration nimmt Schaden"

Was bedeutet der Streit um die Karikaturen für die Muslime in Deutschland? Wie wirkt sich die Veröffentlichung in deutschen Zeitungen aus? Im stern.de-Interview gibt der Vorsitzende des Islamrates Antworten.

Herr Kizilkaya, was war Ihre erste Reaktion auf die Karikaturen in der deutschen Presse? Meine erste Reaktion war: Mein Gott, haben diese provokativen und beleidigenden Karikaturen jetzt auch Deutschland erreicht. Ich hatte gehofft, dass man dieses Thema hier mit etwas mehr Fingerspitzengefühl behandeln würde. Ich bin enttäuscht und bestürzt.

Inwieweit verletzen diese Karikaturen religiöse Bestimmungen? Es gibt ein Gebot, dass der Prophet nicht bildlich abgebildet werden darf. Das ist für die Muslime sehr wichtig. Wir erwarten auch von anderen, dass man die Befindlichkeiten der Muslime achtet und sie nicht provokativ verletzt.

Es ist unbestritten, dass die Karikaturen die Gefühle von Muslimen verletzen - dagegen aber steht die Pressefreiheit. Muss die Presse nicht das Recht haben, auch solche Karikaturen zu veröffentlichen? Die Pressefreiheit ist ein hohes Gut, das auch für Muslime sehr wichtig ist. Allerdings gibt es auch dort Grenzen - etwa wenn andere Menschen verletzt werden. Muslime werden durch diese Karikaturen in ihren religiösen Gefühlen sehr tief verletzt. Keine Freiheit darf eine Freiheit zur Verletzung sein.

Wie stehen Sie zu Boykott-Aufrufen, wie sie es etwa gegen Dänemark gibt? Das würde hierzulande ja bedeuten, dass Sie die "Welt" boykottieren müssten? Boykott ist auch ein legitimes Mittel um seinen Unmut kundzutun. Ich denke, es ist auch eine Form des Protestes.

Welche Auswirkungen wird dieser Streit über die Karikaturen auf die Integrationsdebatte in Deutschland haben?

Das fördert den Integrationsprozess natürlich nicht. Integration kann nur durch Anerkennung funktionieren. Die Karikaturen offenbaren eine fehlende Anerkennung der Muslime. Sie zeigen, dass man die Gefühle der Muslime nicht achtet. Die Integration nimmt dadurch großen Schaden.

Interview: Florian Güßgen