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Moscheebau in Erfurt Die AfD schürt Protest - ohne allzu großen Erfolg

Auf dem Domplatz in Erfurt: Ein Demonstrant zeigt eine Anti-Islam-Flagge
Auf dem Domplatz in Erfurt: Ein Demonstrant zeigt eine Anti-Islam-Flagge
© Martin Schutt/DPA
Auf der grünen Wiese, am Rande eines Gewerbegebiets, soll in Erfurt eine neue Moschee gebaut werden. Thüringens AfD-Chef Höcke versucht, daraus politisch Kapital zu schlagen. Aber die Erfurter reagieren anders als von Höcke erhofft.

Noch ist es eine Wiese in saftigem Grün vor den Toren Erfurts. Längst aber tobt ein Streit darüber, ob darauf eine Moschee gebaut werden darf. Es wäre der erste Neubau einer Moschee in Thüringen - das ein Kernland der Reformation ist. Die AfD wittert "ein langfristiges Landnahmeprojekt" und hat die Parole ausgerufen: "Nein zur Moschee". Die Landesregierung, vom linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow geführt, wehrt sich gegen die Rechtspopulisten und betont das hohe Gut der Religionsfreiheit. Viele Thüringer haben dennoch Vorbehalte, auch weil ihnen Religionen fremd sind.

Der Alternative für Deutschland scheinen die Baupläne angesichts ihres jüngst beschlossenen Anti-Islam-Kurses wie gerufen zu kommen. AfD-Landeschef Björn Höcke gibt unumwunden zu, dass seine Partei ein neues Thema gefunden habe. "Der Islam gehört nicht zu Deutschland", wird er nicht müde zu betonen. Der Islam habe eine Heimat, aber "diese Heimat heißt nicht Erfurt". 

Höcke versucht zu mobilisieren

Der erste Praxistest des neuen Kurses hat jedoch mit einem Dämpfer begonnen. 700 Menschen folgten am Mittwochabend Höckes Aufruf zu einer Kundgebung in der Thüringer Landeshauptstadt - weit weniger als bei AfD-Demonstrationen zuvor. Ein Thema war der geplante Moscheebau. Höcke bot sich "als Partner einer etwaigen Bürgerinitiative" an.

Es geht um die Pläne der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde. Noch befindet sich das Projekt im Stadium einer Bauvoranfrage. Damit ist nicht sicher, ob die Moschee mit Kuppel und einem elf Meter hohen Minarett in einem Gewerbegebiet an einer Bundesstraße überhaupt realisiert wird. Die Gemeinde zählt etwa 70 Mitglieder. Mit ihren Plänen geht sie transparent um und traf sogar Vertreter der AfD.

Religionsfreiheit oder nicht

"Die Bevölkerung soll darüber abstimmen", findet die Erfurterin Erika Barich. "Dann werden sie ihr blaues Wunder erleben." Die 71-Jährige lehnt nach eigenem Bekunden das Vorhaben ab, weil "uns die arabischen Länder hinausgejagt hätten, wenn wir dort eine evangelische Kirche bauen wollten". Andere wie ein 72-jähriger Mann, der seinen Namen nicht lesen möchte, stören sich am Minarett - nach dem Motto, so lange die Moschee nicht wie eine Moschee aussieht, ist alles gut.

Viele Erfurter haben aber keine Bauchschmerzen. "Die Brachfläche kann durch die Moschee nur schöner werden", ist Falko Stolp überzeugt. Für ihn ist die Politik ein Stück weit verantwortlich für die Ängste vor dem Islam: "Die geben sich doch alle Mühe - von der AfD bis zur CSU." Diana Leischner aus Erfurt sieht es so: "Religionsfreiheit gehört zu unseren Werten."

Ahmadiyya-Gemeinschaft betreibt rund 50 Moscheen

Ähnlich argumentiert Thüringens Ministerpräsident Ramelow. "Glaube braucht Orte, um sich entfalten zu können, das gilt für Kirchen, Moscheen und buddhistische Tempel gleichermaßen", sagt er. Der AfD hält er vor, sie lebe von Feindbildern. "Jetzt, wo die Flüchtlingszahlen zurückgehen, wird der Islam zur Gefahr fürs Vaterland erhoben."

Die Ahmadiyya-Gemeinschaft betreibt in Deutschland derzeit rund 50 Moscheen. Sie plant auch in Leipzig einen Neubau. Dort gab es in der Vergangenheit immer wieder Proteste. Im Februar wurde auf dem Baugelände ein totes Schwein abgelegt. Im sächsischen Chemnitz hatte die Stadt kürzlich einen Bauvorantrag der Gemeinde abgelehnt.

Die Stadt der Türme

Der Islamwissenschaftler Jamal Malik von Universität Erfurt ist nicht überrascht, dass immer wieder Vorbehalte gegenüber dem Islam geäußert werden. "Welche Gesellschaft liebt ihre Minderheiten?" fragt er. Die Ursachen dafür gehen nach seiner Ansicht zum Teil auf die DDR-Zeit zurück, als die Menschen abgeschottet gewesen seien. Zudem hätten viele Menschen keinen Bezug zur Religion. Laut Statistik gehören fast 70 Prozent der Thüringer keiner Religionsgemeinschaft an.

Der Chef der Thüringer Staatskanzlei, Benjamin-Immanuel Hoff (Linke), kann der geplanten Moschee auch aus einem anderen Grund etwas abgewinnen. Erfurt werde wegen seiner vielen Kirchen Stadt der Türme genannt, erinnerte er in der jüngsten Landtagssitzung. Mit der Moschee würde dieser Beiname eine neue Dimension erhalten.

Christian Thiele/DPA

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