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Nachruf auf Paul Spiegel: Michel Friedman sollte repräsentieren

Für den aktuellen stern hat Rafael Seligmann einen bewegenden Nachruf auf Paul Spiegel verfasst, den ehemaligen Präsidenten des Zentralrates der Juden, der am Donnerstag beerdigt wurde. Zugleich plädierte Seligman für Friedman als neuen Repräsentanten.

Von Rafael Seligman

Paul Spiegel war ein deutscher Jude. Das war seine Chance. Doch Spiegel hat sie nur ungenügend nutzen können, da er gegen die im Gestern Verharrenden nicht ankam.

Das deutsche Judentum hat eine Menge zu bieten. Es hat nichts zu tun mit kitschiger Retro-Klezmermusik und geht über die Holocaustfixierung der Nichtjüdin Lea Rosh weit hinaus ebenso wie über die permanenten Vereinnahmungsversuche durch vorgebliche Gutmenschen.

Die deutschen Juden leben hierzulande seit Menschengedenken. Sie bleiben Deutschland todesverachtend verbunden. Da mochten seit einem Jahrtausend Einheimische und Fremde die hiesigen Hebräer misshandeln, massakrieren, vertreiben, Deutschlands Juden hielten ihrer Heimat die Treue. Waren sie dennoch zur Flucht gezwungen, um ihr Leben zu retten, so nahmen sie die deutsche Sprache mit sich in die Fremde. Das Jiddische besteht zu etwa 85 Prozent aus deutschem Wortschatz, gezügelt mit deutscher Grammatik, geschrieben mit hebräischen Buchstaben.

Die deutsch-jüdischen Dichter kamen von ihrem Heimatidiom nicht los. Der berühmteste war Heinrich Heine. Kein Zufall, dass der geborene Düsseldorfer mit der "Loreley" das populärste deutsche Lied schrieb, weil es wie kein anderes die romantisch-depressive Seelenlage seiner christlich-jüdischen deutschen Landsleute besingt: "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten/ Dass ich so traurig bin".

"Ich wäre nicht zurückgekehrt"

Bedeutende deutsche Juden waren zur Selbsterniedrigung und Selbstverleugnung bereit, um der Ablehnung, ja dem Hass ihrer Landsleute zu entgehen. So forderte der Unternehmer Walther Rathenau in seiner Schrift "Höre Israel!" seine Mitjuden dazu auf, "sich anzuarten" und deutsches Brauchtum bedingungslos zu übernehmen.

Die Anstrengungen bleiben vergeblich. Die Antisemiten, die Rathenau als "gottverdammte Judensau" beschimpften, ermordeten ihn 1922. Elf Jahre später kamen ihre Gesinnungsgenossen ans Ruder. Systematisch betrieben sie die Entrechtung, später die Ermordung der Juden. Eines ihrer Opfer war die zwölfjährige Rosa, Paul Spiegels Schwester. Er selbst erlitt als Kleinkind das Angstmartyrium des Sichversteckenmüssens in Belgien. Die Trauer und die Furcht gruben sich tief in Spiegels Seele. Sie haben sich als ständige Suche nach Konsens manifestiert.

Nach der Befreiung aus dem KZ holte der Viehhändler Hugo Spiegel 1945 Frau und Sohn zurück ins westfälische Städtchen Warendorf und versuchte so zu leben, als wäre nichts geschehen. "Das habe ich nie verstanden. Ich wäre nach dem Horror des KZs und der Ermordung meines Kindes nicht nach Deutschland zurückgekehrt", gestand mir Paul Spiegel, als ich ihm half, seine Autobiografie "Wieder zu Hause?" zu verfassen.

Paul Spiegel floh die vorgetäuschte Normalität Warendorfs. In Düsseldorf volontierte er bei der "Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung". Später wurde er Sprecher eines Verbandes, schließlich Impresario. 1993 wurde Spiegel ins Direktorium des "Zentralrats der Juden in Deutschland" gewählt. Sieben Jahre später wurde er Präsident des Zentralrats.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Ignatz Bubis fühlte sich Spiegel als deutscher Jude. Doch er wagte es nicht, den Zentralrat in ein Gremium "deutscher Juden" umzubenennen. Als ich ihm dies via eines stern-Kommentars (Nr. 50/2002 "Verlasst die Ghettos eurer Ängste") nahe legte, sagte mir Spiegel: "Ich hätte nichts dagegen. Aber man lässt mich nicht."

Friedman sollte repräsentieren

Favoriten für Spiegels Nachfolge sind die liebenswürdig-energische Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens, Charlotte Knobloch, 73, und der intellektuelle Frankfurter Architekt Salomon Korn, 62. Beide gehören der Holocaustgeneration an und bleiben von deren Schrecken traumatisiert.

Der politischste und klügste Kopf, der überzeugendste Redner und gewiss der mutigste Jude Deutschlands aber ist Michel Friedman. Der Jahre zurückliegende Eklat hat den Frankfurter reifen lassen. Er legte alle Ämter nieder, hat geheiratet, wurde Vater. Nachdenklichkeit und Offenheit kennzeichnen heute den einst gelegentlich Überheblichen. Auf Dauer ist Friedman der natürliche Repräsentant der deutschen Juden.

Am Ende seines Lebens setzte Paul Spiegel ein nachdrückliches Zeichen. Anders als Ignatz Bubis, der sich in Israel beerdigen ließ, fand Spiegel seine letzte Ruhestätte in Deutschland. Dieses Bekenntnis sollten Juden und Nichtjuden als Ermutigung begreifen. Paul Spiegel ist "wieder zu Hause" angelangt.

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