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Zentralrat der Juden in Deutschland: "Sie kann ausgleichend wirken"

Vor welchen Herausforderungen steht Charlotte Knobloch als neue Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland? Im stern.de-Interview skizziert der Historiker Julius H. Schoeps die Probleme - vor allem mit den Zuwanderern aus dem Osten.

Neue Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland ist Charlotte Knobloch. Das siebenköpfige Präsidium wählte die 73-Jährige einstimmig in Frankfurt am Main zur Nachfolgerin des am 30. April verstorbenen Paul Spiegel. Knobloch ist damit als erste Frau oberste Repräsentantin der gut 100.000 Menschen jüdischen Glaubens in der Bundesrepublik. Bisher war sie eine von zwei Vizepräsidenten des Zentralrats. Außerdem fungiert sie als Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in München. Zum neuen Vizepräsidenten wurde der 54-jährige Finanzexperte Dieter Graumann aus Frankfurt am Main gewählt. Weiterer Vizepräsident bleibt der 62 Jahre alte Architekt Salomon Korn, der zugleich Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main ist.

Herr Schoeps, der Zentralrat der Juden in Deutschland hat Charlotte Knobloch zu seiner Präsidentin gewählt. Sie tritt damit die Nachfolge Paul Spiegels an. Was erhoffen Sie sich von Knoblochs Wahl?

Mit der Wahl Charlotte Knoblochs ist Kontinuität sichergestellt. Die beiden Kandidaten für die Position - Charlotte Knobloch und Salomon Korn - sind die Stellvertreter Paul Spiegels gewesen. Es ist sinnvoll und normal, dass einer der beiden jetzt nachrückt.

Für was steht Charlotte Knobloch?

Sie ist in der Lage, ausgleichend zu wirken und Konfliktgruppierungen zueinander zu führen. Das ist in der gegenwärtigen Situation notwendig.

Weshalb? Was sind die zentralen Herausforderungen, die Knobloch bewältigen muss?

Zunächst muss sie den internen Herausforderungen begegnen, den Problemen, die sich aus der Zuwanderung russischer Juden ergeben. Immerhin stammen mittlerweile neunzig Prozent der Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Deutschland aus der früheren Sowjetunion. Hier gibt es eine Reihe von Schwierigkeiten und Probleme, die es zu lösen gilt. Insbesondere müssen die Neu-Zuwanderer an das Judentum herangeführt werden. Das ist keine leichte Aufgabe, weil alleine das nötige Personal dafür nicht vorhanden ist. Zusätzlich gibt es ein ganz anderes Problem, für das allerdings nicht die Gemeinden zuständig sind, sondern die Politik: Das ist die Integration der Zuwanderer in die deutsche Gesellschaft. Der Zentralrat und seine Präsidentin können jedoch dabei helfen, die politischen Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Integration mit zu gestalten. Das wird eine der zukünftigen Aufgaben Charlotte Knoblochs sein.

Derzeit sitzt im Zentralrat kein Vertreter dieser Zuwanderer. Kann der Zentralrat so überhaupt für sich in Anspruch nehmen, die Interessen der Zuwanderer zu vertreten?

Das würde ich nicht als Problem sehen. Im Herbst wird ein Nachfolger für Paul Spiegel in das Präsidium gewählt. Ich gehe davon aus, dass einer der Zuwanderer diese Position einnehmen wird.

Charlotte Knobloch gilt als Vertreterin einer eher konservativen Position innerhalb der jüdischen Gemeinden Deutschlands. Was bedeutet das?

Ich weiß nicht, wie heute eine konservative Position überhaupt noch aussehen könnte. Von orthodox bis liberal, von egalitär bis konservativ ist in den jüdischen Gemeinden alles vertreten. In dieser Situation haben der Zentralrat und seine Präsidentin keine Alternative: Sie müssen ausgleichend wirken und einen gemeinsamen Nenner finden.

Wann ist es so weit, dass der Zentralrat der Juden in Deutschland sich in Zentralrat der deutschen Juden wird umbenennen können?

Ich stelle diese Forderung seit Jahren. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie von der nächsten Generation, wenn ein neues deutsches Judentum nachgewachsen ist, auch umgesetzt wird.

Was wünschen Sie Charlotte Knobloch für Ihre Amtszeit?

Viel Glück.

Interview: Florian Güßgen