Neonazis Feindliche Übernahme


Das kleine Altleiningen, nahe der Deutschen Weinstraße, war mal ein beschauliches Nest. Doch nun macht sich dort die NPD breit - und mit dem Dorffrieden ist es vorbei.
Von Gerald Drissner

Den Lärm da drüben, den kann es doch gar nicht geben. Die Bohrmaschine, und nun die Flex. Die haben doch keinen Strom da, wundert sich die Nachbarin, ist doch seit Monaten abgestellt. Und überhaupt, was machen die da drüben, diese jungen Männer mit den dunklen T-Shirts und den dicken Oberarmen, die seit Stunden Umzugskisten schleppen? Und die vielen Plakatständer plötzlich an der Straßenecke, mit dem Logo der NPD?

Auf dem Parkplatz gegenüber stehen zwei Polizisten mit Hunden. Die Nachbarin spricht die Beamten an, und die Beamten sagen ihr, dass da gerade ein Nazi einziehe. "Dabei hatten diese Leute gar keine Springerstiefel an", sagt die Nachbarin, "die sahen ganz normal aus." Altleiningen heißt der Ort, der gerade das erlebt, was immer passiert, wenn die NPD sich sesshaft machen möchte, der Schock, die Angst, die große Ratlosigkeit. Viele kleine Orte im Osten haben das schon erlebt, Pößneck in Thüringen und Trebnitz in Sachsen-Anhalt zum Beispiel. Altleiningen liegt im Westen.

Schlüsssel bleibt im Auto stecken

1957 Einwohner hat dieses Dorf in Rheinland-Pfalz, Landkreis Bad Dürkheim, zwischen der Deutschen Weinstraße und dem Pfälzerwald. So ungestört weit weg, dass vor 27 Jahren hier der erste deutsche Swinger-Club eröffnet hat und sich seither samstags bis zu 100 Pärchen ins Wochenende vögeln. Eine Region, in der die Einheimischen noch Gottvertrauen haben und die Schlüssel im Auto stecken lassen. Ein Dorf, in dem 64 Ausländer, 51 Arbeitslose und 2 NPD-Mitglieder leben. Bei der Bundestagswahl vor einem Jahr bekam die NPD 1,4 Prozent der Stimmen.

Stolz war man hier auf den Dorffrieden, der nun vorbei ist, seit jenem Samstag im Juni, als Sascha Wagner die Gaststätte "Zur Burg" übernahm. Der 34-Jährige trägt gern Cordhosen in der Farbe seiner Gesinnung und ist schwer wie zwei Zementsäcke. Sein Geld verdient er bei der NPD in Rheinland-Pfalz als Landesgeschäftsführer. Zuvor war der gebürtige Aachener ein Hooligan, managte die Jungen Nationaldemokraten (JN) und organisierte Konzerte von Nazi-Sängern. Selbst hört er am liebsten Ballermannmusik, Lieder von Mickie Krause, der mit "Zehn nackte Friseusen" bekannt wurde und "Zeig doch mal die Möpse" sang. Ein Mann, der früher Glatze trug, aber keine Springerstiefel, weil er Blasen bekam, und auch keine Bomberjacken, "weil diese Jacken Leute anhatten, die unsere Städte in Schutt und Asche legten". Im Verfassungsschutzbericht des Innenministeriums Rheinland-Pfalz steht, dass Herr Wagner aus der Neonazi-Szene stammt.

Herr Wagner ließ die Fenster der "Burg" verbarrikadieren, eines nach dem anderen, mit zwei Zentimeter dicken, braunen Verlegeplatten. Dann schraubten seine Anhänger acht Videokameras an die Außenwand und überklebten das Glas in der Eingangstür mit grauer Folie, damit auch der letzte Lichtstrahl geschluckt wird. Und nun will Herr Wagner noch die Wände tapezieren, ein bisschen streichen, und dann soll sein neues, 400 Quadratmeter großes Reich bezugsfertig sein. Er sagt, er habe ein 150 Quadratmeter großes Wohnzimmer mit Empore, die man auch als Bühne benutzen könne. Und Besucher seien jederzeit willkommen. Strom und Wasser habe er mittlerweile auch.

In diesen Tagen möchte Herr Wagner seinen Hauptwohnsitz von Dahn in der Südwestpfalz nach Altleiningen verlegen. Er plane eine Einstandsparty, wolle seinen Geburtstag vom 19. Juli nachfeiern und will sich einen "geeigneten, nationalen Mitbewohner" suchen. Bewerbungen gebe es genügend. Später soll die Gaststätte zu einem Jugend- und Schulungszentrum der NPD umgebaut werden. Die Generalprobe fand vergangenes Wochenende statt: eine interne Schulung, bei der 15 jungen NPD-Funktionsträgern das Einmaleins der Verbandsführung beigebracht wurde.

Bürgermeister hilft im Kiosk

Die feindliche Übernahme des Herrn Wagner sprach sich schnell herum im Dorf. Und wie es eben so ist in kleinen Dörfern, rufen die Bürger beim Bürgermeister an, wenn was nicht stimmt. Karl Meister, 53 und seit 14 Jahren Gemeindechef, gehört einer Freien Wählergruppe an, ist Mitglied der Feuerwehr und der Altleininger Gogeljodler. Nebenbei hilft er seiner Frau im Schwimmbad-Kiosk. Dutzende Male habe sein Handy geklingelt an diesem Tag, aufgeregte Bürger waren es, die fragten, was denn da los sei bei der Burg. Meister fuhr zum Gasthof. "Wir haben sofort geprüft, ob wir baurechtlich eingreifen können, aber da war nichts. Die können die Fenster zunageln, wenn die wollen." Der Bürgermeister rief den Gemeinderat zu einer nichtöffentlichen Sondersitzung. Sie holten sich Experten dazu, Polizei, Ordnungsamt, Verfassungsschutz, zwei Stunden lang. Dann fassten sie einen Beschluss: Sie missbilligen den Abschluss des Mietvertrags mit Herrn Wagner. Sie wollen keine NPD-Einrichtung in Altleiningen. Es gab keine Gegenstimme. Der Bürgermeister sagt, "wir mussten irgendwas tun, um nach außen zu zeigen: Wir wollen das hier net". Das war alles, was er tun konnte. "Das ist ja das Deprimierende."

Herr Wagner hat die Gaststätte als Privatperson für private Zwecke für fünf Jahre gemietet. Als Privater hat er dieselben Rechte und Pflichten wie jeder andere Bundesbürger. Er zahle Miete und wohne nicht umsonst da, sagt er, er habe dem Vermieter auch ein Kaufgebot gemacht für das 3670 Quadratmeter große Grundstück. Der Preis für den Quadratmeter liegt bei etwa 120 Euro. Der Vermieter ist in den Nachbarort Wattenheim gezogen, er ist Fernfahrer von Beruf, seine Frau arbeitet in einer Jugendherberge. Dreimal wurde die Gaststätte zur Zwangsversteigerung ausgeschrieben, doch niemand hatte Interesse. Ein Jahr lang stand sie leer.

Birgit Gutfrucht, 37, geht gern mit ihren Söhnen Julian, 7, und Jonas, 10, ins Altleininger Schwimmbad. Auf dem Weg dorthin fährt sie am braunen Gasthof vorbei. Ihre Kinder stellen die Fragen, die Kinder stellen: Warum sind diese Menschen böse? Tun die mir was? Warum mögen die keine Ausländer? Frau Gutfrucht hat sich ein Buch gekauft über den Holocaust, "Erzählt es euren Kindern", und noch ein anderes, "Argumente am Stammtisch", von der Bundeszentrale für politische Bildung. Seit die Rechten in der Gegend sind, sucht sie jedes T-Shirt, jeden Schuh nach Markennamen ab, nach Lonsdale, Fred Perry, diese Marken, die Rechtsextreme tragen. Sie hat auch mit ihren Söhnen darüber gesprochen; ihre Söhne sagen diese Marken auf wie ein Muttertagsgedicht. "Ich habe mich früher nie gefragt, warum jemand Helly Hansen trägt", sagt Frau Gutfrucht. "Heute denke ich mir, vielleicht ist es ja wegen der Initialen, HH, Heil Hitler."

Die Menschen im Dorf schweigen

Die Nazis haben bislang niemanden angepöbelt und niemandem weh getan. Sie kamen zum Grillen, zum Heimwerken, doch so richtig oft waren sie noch nicht da. Trotzdem haben sie es in wenigen Tagen geschafft, dem Ort die Unschuld zu nehmen. Die Menschen im Dorf schweigen, und die wenigen, die reden, sagen "aber bitte schreiben Sie meinen Namen nicht". Sie haben Angst, dass Schlägerkommandos vor ihrem Haus warten könnten, dass sie Drohanrufe kriegen, dass ihr Name ins Internet gestellt wird.

Auf die Kinder wirkt dieses verbarrikadierte Haus der Nazis wie das Knusperhäuschen der bösen Hexe aus Hänsel und Gretel. Sie wollen wissen, was da drin ist. Es habe schon "den einen oder anderen positiven Kontakt" gegeben, sagt Herr Wagner, "die wollten einfach mal schauen, wer wir sind". Herr Wagner schenkte ihnen Informationsmaterial und eine Schulhof-CD der NPD, bespielt mit rechtem Liedgut und dem Deutschlandlied in drei Strophen.

Gegenüber der Nazi-Gaststätte betreibt die Caritas die Kinder- und Jugendhilfe St. Rafael. 100 Kinder zwischen 5 und 16 Jahren werden dort betreut, die Hälfte davon im Heim. Die Pädagogen haben auf die braune Bedrohung reagiert. Sie halten Projektwochen ab über Gewalt und Rassismus und begleiten die Schüler zum Bus. Sobald jemandem etwas auffällt, schreibt er eine Aktennotiz in den Ordner "Aktuelles". Dreimal täglich fährt die Polizei vorbei, mindestens.

Thorsten Immig, 29, ist selbstständiger Jugend- und Heimerzieher. Er hält Anti-Gewalt-Kurse ab, betreut 60 Kinder in der Region. Bei den Treffen sollen die Teilnehmer erzählen, wie die vergangene Woche war. Ein paar Tage, nachdem die Neonazis kamen, meldete sich ein siebenjähriges Mädchen mit dunkler Hautfarbe zu Wort: "Ich habe keine blonden Haare und keine blauen Augen. Bringen die mich jetzt um?" Immig beruhigte die Kinder, zeigte, wie sie sich verhalten sollen, falls jemand sie anspricht, ihnen einen Zettel in die Hand drückt oder sie bedroht.

Demonstration für deutschen Wein

Für Immig sind diese Fragen und Ängste nicht neu, denn im benachbarten Kirchheim an der Weinstraße, der Heimat der deutschen Weinkönigin, haben die Nazis schon vor einigen Monaten ein Gasthaus übernommen, die NPD-Flagge gehisst und auch eine Flagge mit den Farben des Deutschen Reiches. Gern verteilen sie Zettel im Ort, Einladungen zum Freibier, zum Grillen. Sie halten Konzerte ab, und auch Demonstrationen hat es schon gegeben, für deutschen Wein und gegen Ami-Fusel, mit 40 NPD-Leuten, 130 Polizisten und Thorsten Immig und zwei seiner Kumpels. Sie waren die einzigen Gegendemonstranten.

Die Bewohner in Altleiningenbefürchten nun, dass dies alles auch auf sie schwappt. Die Feste, das Bier, die Demos, ständige Polizeipräsenz. Die Nazis wissen, dass zu viel Polizei den Leuten irgendwann auf die Nerven geht. "Da wird halt auch das frisierte Mofa entdeckt, Alkohol wird kontrolliert, und wir leben nun mal in einer Weinregion. Das sind alles so Nebeneffekte", sagt Bürgermeister Karl Meister. Anfang Juli bekam der Ort auch sein allererstes Graffito: Unbekannte sprühten "haut ab" und "NPD raus" auf das Nazi-Haus.

Herr Wagner will dennoch einziehen. Er mag die Gegend, sagt er. Demnächst soll etwas nördlicher ein weiteres Objekt dazukommen. Und es werden wohl noch mehr: 80 bis 90 Immobilien in Rheinland-Pfalz könnten jederzeit gemietet werden, sagt Wagner. "Ich bekomme täglich zwei bis drei Anrufe. Es sind meistens Leute, die von Banken oder Politikern über den Tisch gezogen wurden und die sich jetzt zum Teil auch rächen wollen, indem sie an uns vermieten." Sogar ein Mitarbeiter eines Landtagsabgeordneten in Rheinland-Pfalz habe sich mal bei ihm gemeldet. In dessen Wohnzimmer sei Wagner gesessen, "eine schöne Reithalle samt Tribüne" habe er ihm angeboten. Vor kurzem habe dieser Mann noch einmal nachgefragt, ob noch Interesse bestünde. Er habe gesagt, dass sich dieses Objekt "ideal für einen Reichsparteitag eignen würde".

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