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Nach 9-Euro-Ticket Drei Gründe, warum der ÖPNV günstig und vor allem einfach bleiben muss

Plädoyer für einen einfachen ÖPNV
Das günstige Neun-Euro-Ticket wurde von den Deutschen gerne genutzt
© Christoph Soeder / DPA
Günstig durch ganz Deutschland fahren – das ist jetzt erst einmal passé. Hoffentlich gibt es bald wieder die Möglichkeit dazu. Denn so wie jetzt, kann der ÖPNV nicht bleiben.

Ein Werbeblock für die Deutsche Bahn war das Neun-Euro-Ticket wahrlich nicht. Das Zugpersonal fehlte an allen Waggonenden, regelmäßige Ticketkontrollen entfielen deshalb – mancherorts sogar ganze Züge. Die Bahnen waren brechend voll, zur Hochzeit der Sommerfeiern tschuckelte der Metronom zwischen Bremen und Hamburg teils mit 200 prozentiger Auslastung hin und her. Und die Laune des ohnehin spärlich besetzten Personals ließ mehr als zu wünschen übrig. Ohne Maske hätte man die hängenden Mundwinkel der Mitarbeiter auch sehen können.

Angesichts der Menschenmassen, die sich täglich in die Züge quetschten, Mahnungen zur Maskenpflicht stillschweigend über sich ergehen ließen, nur um den Lappen im nächstbesten Moment wieder unters Kinn zu schieben, ist das kaum verwunderlich. Hinzu kamen widerspenstige Fahrgäste, die regelmäßig dazu ermahnt werden mussten, aus den Türen zu treten, damit die Züge überhaupt losfahren konnten. Als Pendlerin erlebt man sowieso einiges – zu Zeiten des Neun-Euro-Tickets eben noch etwas mehr.

Es hat nichts mit "Gratismentalität" zu tun

Und trotzdem fand ich diese Aktion großartig. In den letzten drei Monaten bin ich so oft wie im ganzen letzten Jahr nicht in den Verlag gefahren. Und das lag nicht nur daran, dass wir seit Juni wieder ohne Personenobergrenzen und Abstandsregeln im Großraumbüro sitzen dürfen. Zwei Mal nutzte ich das Neun-Euro-Ticket zudem, um an die Nordsee zu fahren – wie Tausend andere Deutsche auch. Der Klimaschutz stand dabei für mich nicht an erster Stelle. Motiviert haben mich tatsächlich die Finanzen. Christian Lindner würde mich deshalb wahrscheinlich jenen Trittbrettfahrern mit "Gratismentalität" zuordnen.

Als Journalistin zählt man beim Gehalt nicht zu den Ärmsten der Gesellschaft. Sollte es ein günstiges Nachfolgemodell für das Neun-Euro-Ticket geben, dann muss es auch nicht bei den neun Euro bleiben. Ein 365-Euro- oder 49-Euro Ticket (pro Monat) wären rentable Alternativen – die Bahnmitarbeiter wollen schließlich bezahlt werden und als Bahnkunde wünscht man sich etwas mehr Komfort als es in den letzten drei Monaten der Fall war.

Angesichts der Inflation, die nach Einschätzung von Ökonomen im Herbst auf zehn Prozent steigen könnte, war ich trotzdem mehr als dankbar für die günstige Mitfahrgelegenheit. Angesichts der Gasumlage, die uns Bürger demnächst noch mehr Geld aus dem Portemonnaie zieht, als nötig, wäre etwas mehr Dankbarkeit gegenüber dem Steuerzahler angebracht – etwa in Form eines günstigen und einfachen ÖPNV. Mit "Gratismentalität" hat das wenig zu tun, sondern schlicht mit der Tatsache, dass das Leben in Deutschland teurer, für viele sogar unerschwinglich wird.

Ein Beispiel: Würde ich zwei bis dreimal wöchentlich zur Arbeit fahren, würde mich das monatlich zwischen 200 und 300 Euro kosten. Das entspricht, je nach Größe, ungefähr den monatlichen Nebenkosten eines Single-Haushalts. Es geht nicht darum, etwas geschenkt zu bekommen. Es geht um Unterstützung, die vielerorts dringend benötigt wird – und die sich der Staat für die Steuerzahler leisten muss.

Der Staat muss den Steuerzahlern entgegenkommen

Doch das Neun-Euro-Ticket war nicht nur günstig. Es hat auch die Fahrerei erleichtert. Sich mit den Verkehrstarifen von Städten auseinanderzusetzen, ist kein Vergnügen. München, Hamburg oder Berlin sind dafür wohl die besten Beispiele. Je nachdem, in welche Zone oder Ringe man fahren möchte, gibt es unterschiedliche Preiskategorien (die teilweise so viel kosten wie das Neun-Euro-Ticket). Das hat die Bahnfahrerei verkompliziert. Mit dem flächendeckenden Neun-Euro-Ticket ist zumindest das sehr viel leichter geworden.

Und bevor Sie jetzt Einspruch erheben: Sicher, mit dem Niedersachensticket kann man alle Verkehrsmittel in Hamburg und Bremen nach Herzenslust nutzen. Aber das kostet.

Der Staat kann den Steuerzahlern ruhig etwas entgegenkommen, ehe das Geld in Steuerskandalen versickert. Vor allem jetzt, wo die Bürger wegen steigender Kosten Unterstützung brauchen. Und die Ampel könnte ihre Umfragewerte wieder etwas nach oben treiben. Mit einer günstigen Alternative zum Neun-Euro-Ticket ließe sich da bestimmt was machen.

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