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Niederländische Nierenspende-Show: "Das ist ethisch absurd"

Der niederländische TV-Sender BNN will eine Reality-Show ausstrahlen, in der sich drei kranke Menschen um eine Niere einer todkranken Frau bewerben. Die Zuschauer dürfen per SMS abstimmen, am Schluss entscheidet die Spenderin. Im stern.de-Interview kritisiert Heiner Smit von der Deutschen Stiftung Organtransplantation die Sendung scharf.

Herr Smit, der niederländische Fernsehsender BNN will eine Sendung mit einer todkranken Nierenspenderin ausstrahlen, die sich aus drei Bewerbern einen Empfänger aussuchen soll. Was war Ihre erste Reaktion, als sie von dieser Sendung gehört haben?

Ich hatte zwei Reaktionen: Medizinisch ist das fragwürdig und ethisch völlig absurd.

Was ist daran ethisch absurd?

Drei Menschen Hoffnungen auf ein Organ zu machen, sie öffentlich mit ihrer Erkrankung und ihrem Schicksal vorzuführen: Das ist eine Diskreditierung dieser Patienten und ihrer Schicksale. Organe werden üblicherweise nach klar definierten, medizinischen Kriterien vergeben. Hier wird der medizinische Aspekt jedoch völlig außer Acht gelassen. In der Sendung wird menschliches Leben bewertet - von Zuschauern und der Spenderin selbst. Das ist der durchsichtige Versuch, Quote zu machen. Es stellt sich zudem die Frage, wie der Sender unter den tausenden Menschen, die auf eine Niere warten, ausgerechnet auf diese drei gekommen ist.

Warum ist es medizinisch absurd, was dort gemacht wird?

In den Berichten über die Sendung heißt es, die potenzielle Spenderin sei eine todkranke, krebskranke Frau. Wenn man jedoch an einem Tumor leidet, dann sind alle Organe mit diesen Tumorzellen befallen, also auch die Nieren dieser Frau. Wenn man eine mit Tumorzellen befallene Niere auf einen Patienten transplantiert dann vermehren sich diese Tumorzellen explodsionsartig, weil man dem Patienten Medikamente verabreichen muss, die sein Immunsystem künstlich schwächen. Das ist medizinisch völlig absurd.

Der Sender verteidigt sich. Die Show diene dazu, ein Schlaglicht auf die prekäre Situation der Organspende in den Niederlanden zu werfen: Dort warteten Spender im Schnitt vier Jahre auf eine Niere. Ist die Sendung der Sache nicht dienlich?

Dieses Argument kann ich nicht nachvollziehen: Ich bleibe bei meiner Diagnose, dass der Sender Quote machen will. Wenn man wirklich über die Organspende aufklären will, dann muss man das seriös machen, nicht auf diese Art und Weise. Das kann zwar auch bedeuten, dass man das Schicksal möglicher Empfänger darstellt, dass man Stellungnahmen von Angehörigen jener Menschen zeigt, die einer Organspende zugestimmt haben. Aber wichtig ist, dass die medizinische Bedeutung der Organspende und Transplantation ernsthaft dargestellt wird und dass deutlich wird: Organspende ist eine Entscheidung für das Leben.

Die Produktionsfirma Endemol, die diese Reality-Show produziert, hat auch "Big Brother" nach Deutschland exportiert. Ist so eine Sendung auch hierzulande denkbar?

Wenn Endemol versuchen würde, diese Sendung in Deutschland zu produzieren, hätte sie sofort den Staatsanwalt am Hals. Diese Art und Weise der Organvergabe ist in Deutschland nach dem Transplantationsgesetz nicht zulässig.

Warum nicht?

Wenn es sich um eine Lebendspende handeln sollte, also die Entnahme einer Niere vor dem drohenden Tod dieser Patientin, dann ist sie nach dem Gesetz nicht möglich. Die Voraussetzung für eine Lebendspende ist, dass zwischen Spender und Empfänger ein Verwandtschaftsverhältnis ersten oder zweiten Grades bestehen muss oder dass es sich um Personen handeln muss, die sich in besonderer Weise offenkundig nahestehen. Diese Voraussetzung ist in diesem Fall nicht gegeben. Wenn es sich um eine Spende nach dem Tode handeln sollte, dann werden alle Organe ausschließlich durch die Vermittlungsstelle vermittelt. Das ist Eurotransplant. Diese Stelle entscheidet nach Regeln, die die Bundesärztekammer festgelegt hat. Da ist eine gerichtete Spende gar nicht möglich.

Ist das eine rein nationale Regelung oder gibt es dafür EU-Bestimmungen?

In der Organspende gibt es keine EU-Richtlinie. Es gelten nationale Gesetze.

Wünschen Sie sich, dass die niederländische Politik gegen diese Sendung vorgeht?

Ich würde mir wünschen, dass solche Sendungen nicht stattfinden.

Was ist das größte Problem beim Thema Organspende?

Unser größtes Problem ist der Mangel an Spenderorganen. Täglich versterben in Deutschland drei Patienten auf der Warteliste. Dieser tödliche Mangel in der Behandlung von Patienten, die auf ein Organ warten, das ist etwas Furchtbares. Das ist etwas, was man nicht hinnehmen kann. Deshalb ist es wichtig, die Bevölkerung kontinuierlich aufzuklären. Wir müssen den Bürgern vermitteln: Hier gibt es eine wichtige Entscheidung zu treffen! Beschäftigt euch mit dem Thema! Ihr entlastet Eure Angehörigen mit eurer Entscheidung! Und ihr seid auf der Seite von Kranken und Hilflosen, die eure Hilfe brauchen.

Interview: Florian Güßgen

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