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NPD-Hochburg: Rechtsaußen in der Dorfidylle

Das sächsische Reinhardtsdorf-Schöna gilt als Rechtsextremen-Hochburg. Jeder vierte Wähler machte hier sein Kreuz bei der NPD. stern.de besuchte ein Dörfchen, in dem ganz allmählich eine Gegenbewegung zu den Braunen ins Rollen kommt.

Von Lars Radau

Die ältere Dame am Imbiss "Zum Dorfborn" beugt sich ein wenig vor. "Wissen Sie", ihr grauer Schopf rückt noch ein wenig näher, ihre Stimme senkt sich, "manchmal glaube ich fast, die haben sich gegen uns verschworen." Die - das ist zum Beispiel jener Hamburger Publizist, der kurz und knackig zum Urlaubsboykott der sächsischen Schweiz aufrief. Das sind die Fernsehteams, Rundfunkjournalisten und Schreiberlinge, die vor drei Wochen wieder einmal hordenweise in dieses idyllische Dorf kurz vor der tschechischen Grenze einfielen. Das ist aber auch die 2004 gegründete Bürgerinitiative "Demokratie anstiften", die sich ebenso wenig wie die Kundin am Imbiss damit abfinden will, dass das Örtchen Reinhardtsdorf-Schöna in der Sächsischen Schweiz regelmäßig wieder in den Schlagzeilen landet.

25,2 Prozent bekam die rechtsextreme NPD hier bei den Kommunalwahlen Anfang Juni, vor vier Jahren waren es mehr als 26 Prozent. Vom "braunen Nest" ist gerne die Rede, bis vor wenigen Jahren war der Jugendclub im Ort zudem einer der Hauptstützpunkte für die Nachwuchsarbeit der inzwischen verbotenen militanten Neonazi-Truppe "Skinheads Sächsische Schweiz" (SSS).

Die da draußen - wir hier im Ort. Ein Ort, in dem bei 1575 Einwohnern beinahe jeder jeden kennt, wenn man nicht sogar über ein paar Ecken miteinander verwandt ist. Wie identitätsstiftend und zusammenschweißend diese Frontstellung in Reinhardtsdorf-Schöna wirkt, hat die Psychologin Bianca Richter im vergangenen Jahr in einem Bericht für die Amadeu-Antonio-Stiftung theoretisch ergründet. Was das praktisch heißt, bekommen Bianca Richter, Mitbegründerin der Bürgerinitiative, und ihre Mitstreiter mitunter handfest zu spüren. Dass beim Gemeinderat Ernst Fink, einem der Aktivposten der Initiative, schon einmal von anderen auf seinen Namen bestellte Porno-Hefte im Briefkasten landen, kann der pensionierte Lehrer noch mit einem grimmigen Lächeln abtun. Dass er an seinem Auto aber bereits mehrfach angestochene Reifen austauschen und einmal gelockerte Radmuttern festziehen musste, lässt den kräftigen weißhaarigen Brillenträger doch nicht kalt. Dennoch - oder gerade deswegen: Aufgeben kommt für Fink nicht in Frage. Zumindest nicht, so lange "dieser Nazi" noch aktiv ist.

NPD-Gemeinderat hat einen festen Stand

Der Mann, den Fink meint, heißt Michael Jacobi, ist einer von zwei NPD-Gemeinderäten in Reinhardtsdorf-Schöna - und hat als Heizungsbauer und Klempnermeister im Dorf einen festen Stand. "Wissen Sie", sagt die Dame am Dorfkiosk, "wir haben hier viele ältere Leute. Und die gucken auf dem Wahlzettel eher auf den Namen des Kandidaten, als für welche Partei er steht." Und ursprünglich war Jacobi ja auch einmal für die freie "Wählervereinigung 94" angetreten, wurde mit einem Spitzenergebnis in den Gemeinderat gewählt.

Dass der 54-Jährige, dessen Firma wohl bei 80 Prozent der Dorfbewohner Heizung und Klo in Schuss hält, als Waffennarr und Militaria-Sammler galt, nahm man in Kauf. Dass zumindest einer seiner Söhne gerichtsfest belegt zu den "Skinheads Sächsische Schweiz" gehörte, war offenbar auch weniger ein Problem - als Jacobi zur NPD wechselte, nahm er 2004 den Großteil seiner Wählerstimmen einfach mit. "Der agitiert die Leute natürlich nicht ständig", sagt Ernst Fink, "sondern ist zuverlässig da, wenn er gebraucht wird." Auch im Gemeinderat leiste der NPD-Mann weitaus überwiegend Sacharbeit. "Nur manchmal blitzt die Gesinnung durch", sagt Fink, der - auch das ist Dorf - Jacobi in gegenseitiger, über Jahre gepflegter Abneigung verbunden ist. Vor etlicher Zeit hatte er einem der Söhne des Heizungsbauers am Gymnasium der Kreisstadt Pirna ein antisemitisches Video abgenommen.

Auch das zweite Gesicht der NPD im Ort, den 44-jährigen Mario Viehrig, kennt Fink gut - sogar noch als Schüler. Viehrig gründete den Heimatverein und machte auch kein Geheimnis daraus, dass er mit den "Jungs" der SSS gut konnte. Zu Gemeinderatssitzungen soll er gelegentlich auch mit einer "Lonsdale"-Kappe anrücken, einem Erkennungszeichen der Rechten.

Rechtsextremes Wählerpotenzial aus der Mitte der Gesellschaft

Glatzköpfige, Keulen schwingende Neonazis sieht man zwischen den durchweg gepflegten, häufig mit Fachwerk verzierten Häusern ohnehin schon lange nicht mehr. Der Ort lebt vom Tourismus, überall entlang der Hauptstraße weisen kleine Schilder zu Pensionen und Ferienwohnungen. Das rechtsextreme Wählerpotenzial kommt hier offenbar aus der Mitte der Gesellschaft. Es gibt keine gewalttätigen Übergriffe, keine Aufmärsche, die Einwohner sind freundlich - bis man sie auf die NPD anspricht. Die beiden Männer, die auf der Laderampe von Yvettes Getränkemarkt in die Sonne blinzeln, drehen sich wortlos um und verschwinden in den Innenraum, wo bereits eine Skatrunde mit Bier und Karten die Zeit totschlägt.

Mit dem Schweigen der Mehrheit kämpft auch Olaf Ehrlich. Seit der 39-jährige Gastwirt, der im Ortsteil Schöna die Kneipe "Zum Zirkelstein" betreibt, 2006 zum Bürgermeister gewählt wurde, sind die Verhältnisse in Bewegung gekommen. Ehrlich, ein wort- und gedankenflinker Schnauzbartträger, war von der Bürgerinitiative überredet worden, zur Wahl anzutreten. Ehrlich hatte sich als einziger von drei Kandidaten von Anfang an klar von der NPD distanziert.

Er bekam fast 70 Prozent der Stimmen und ist vom Ergebnis der letzten Kommunalwahl noch immer erschüttert. "Wenn ich nicht mit den Leuten rede - auf mich kommt doch keiner zu", sagt Ehrlich. Lieber äußerten die Leute ihren Frust auf dem Stimmzettel. "Da bleibt es anonym." Dabei ist Ehrlich auch jederzeit gern bereit, die Parolen und scheinbar einfachen Lösungen der NPD argumentativ auseinanderzunehmen. Einerseits. "Andererseits kann ich auch nicht den ganzen Tag mit erhobenem Zeigefinger als Missionar durch die Gegend laufen." Im Dorf-Alltag seien eben andere Dinge gefragt.

Viele kleine Schritte

Gleichwohl: Es ist eine Politik der "vielen kleinen Schritte", mit der sowohl Ehrlich als auch die Bürgerinitiative "Demokratie anstiften" den Einfluss der NPD zurückdrängen wollen. Und mit jedem kleinen Schritt stellen sich auch kleine Erfolge ein: "Es hat erst einmal lange gedauert, dass die Leute hier überhaupt eingesehen haben, dass wir ein Problem haben", sagt Ehrlich. Mittlerweile, sagt auch Ernst Fink, gelte die Bürgerinitiative nicht mehr ausschließlich als "Nestbeschmutzer", die die Gemeinschaft - und das schöne Tourismusgeschäft - gefährde. Mittlerweile habe es für jemanden wie Mario Viehrig durchaus Konsequenzen, dass er ein Fußballturnier organisierte, auf dem Teams T-Shirts mit der Aufschrift "Fit fürs Reich" trugen: Seine Vorstandskollegen im Heimatverein legten ihm nahe, sein Amt niederzulegen. Das ist in der Dorfgemeinschaft durchaus mit Ansehensverlust verbunden - vielleicht nicht das schlechteste Mittel, wenn man wie Ehrlich davon ausgeht, dass ein Großteil der NPD-Stimmen "an die konkreten Personen" geknüpft ist. Immerhin: Auch wenn der Stimmanteil der NPD im Dorf nach wie vor hoch ist - die absolute Zahl der Wähler, die ihr Kreuz bei der Rechtsaußen-Partei gemacht haben, ist in Reinhardtsdorf-Schöna im Vergleich zu 2004 schon um 32 gesunken.

Die da draußen - wir hier im Ort. Diese Frontstellung beginnt zu bröckeln, wenn das Engagement aus der Mitte der Gemeinschaft kommt. Darauf setzt man nicht nur in Reinhardtsdorf-Schöna, sondern in der gesamten Sächsischen Schweiz. Seit Sommer 2005 gibt es im Landkreis eine AG Extremismus, in der von der Verwaltung über Polizei, Bildungsagentur, Jugendring und Kreissportbund bis hin zu Opferberatung und mobilen Beratungsteams alle Institutionen und Organisationen vernetzt sind, die etwas gegen den Rechtsextremismus unternehmen. Zur Arbeit, erzählt Sven Forkert, der im Pirnaer Rathaus als "Koordinator gegen Extremismus" angestellt ist, gehört auch die Schulung und Unterstützung der Bürgermeister. Keine Verschwörung also, aber "gemeinsames Ziehen an einem Strang", sagt auch Olaf Ehrlich. Er hat sich - wie auch Sven Forkert - auf einen "langen Marsch" eingestellt: Ganz wegbekommen werde man den Rechtsextremismus nicht. Aber ihm Schritt für Schritt das Wasser abzugraben, daran, sagt Forkert, "arbeiten wir gerne."