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Parteitag der Linken in Cottbus: "Wie aufm Katholikentag"

Zwei Tage Agonie, keine scharfen Debatten, die Basis war geknebelt. Erst auf den letzten Metern kam in Cottbus Stimmung auf: Christa Müller, Oskar Lafontaines Ehefrau, ging in Buhrufen unter - und Gregor Gysi erwachte aus seiner Stasi-Starre.

Von Lutz Kinkel, Cottbus

Es war kaum auszuhalten. Nichts, aber auch gar nichts wurde offen diskutiert. Die Nahost-, die Familienpolitik, das künftige Parteiprogramm, die Rolle des Superlinken Oskar Lafontaine, das wechselseitige Belauern von Ossis und Wessis, die völlig unterschiedlichen politischen Vorstellungen der linken Strömungen. Keiner traute sich aus der Deckung. Stattdessen Hickhack um die Geschäftsordnung und gefühlt 500 Wahlgänge. Vorstand, Schiedskommission, sonstige Gremien. Es sah so aus, als wollten die Linken vor allem eins vermeiden: sich mit den Linken zu beschäftigen.

Aber, aber: Eine Rechnung hatte die Basis offen. Und sie wollte, dass diese Rechnung öffentlich beglichen wird. Wer zu zahlen hatte, stand von vornherein fest: Christa Müller, Oskar Lafontaines Ehefrau, familienpolitische Sprecherin der saarländischen Linken. Sie hatte sich mit ihrer Zurück-zum-Herd-Ideologie unmöglich gemacht, gegen ihre Positionen lagen sechs Anträge der Basis vor. Darin stand auch, Müller solle gefälligst zurücktreten. Wäre es zu einer offenen Debatte gekommen, wäre auch Lafontaine beschädigt worden.

Also trickste er ein bisschen. Schon am Samstag schnitzten die Strategen hinter den Kulissen aus den sechs Anträge einen gemeinsamen Antrag, der Name Christa Müller war plötzlich im Text nicht mehr zu lesen. Die Basis ließ es sich gefallen, setzte aber durch, dass zumindest noch über den Gemeinschaftsantrag abgestimmt werde, und wenn es die letzte Abstimmung dieses Parteitags sei.

"Tschüs, Mutti"

Der Saal jubelte, als am Sonntagnachmittag eine Delegierte den Antrag einbrachte und ein flammendes Plädoyer für Kitas, Ganztagsbetreuung und Kindergeld hielt. Der rauschende Applaus zeigte, dass Müller völlig isoliert ist und ihren Mann wohl wirklich ein paar Prozentpunkte bei der Wahl zum Parteivorsitzenden gekostet hat. Doch Müller gab den Lafo und schritt unter Buhrufen zum Pult. Kämpferisch verteidigte sie ihre Ansicht, die Linken müssten sich für ein "Erziehungsgehalt" einsetzen, das es Frauen ermögliche, zu Hause zu bleiben. Vielleicht war es ein Versehen, vielleicht auch eine gezielte Boshaftigkeit, dass die Parteitagsregie direkt danach ein Filmchen einspielte, das die neue Familienpolitik der Linken illustriert. "Tschüs, Mutti" heißt es in einem Songtext, lustige, animierte Kinderfiguren sind zu sehen. Eine Demütigung für Müller, die Petra Pau später unfair nannte. Gleichwohl: Bei der Abstimmung entfiel auf den Gemeinschaftsantrag für eine emanzipatorische Familienpolitik eine sozialistische Mehrheit. Müller saß da wie weiland Gabriele Pauli bei der CSU.

Auch Gregor Gysi schien zu den Verlierern zu gehören. Zwei Tage lang schlich er wie ein Untoter über den Parteitag und beschied jedem, der es wissen wollte, dass die jüngst wieder aufgetauchten Vorwürfe, er sei IM der Stasi gewesen, völliger Blödsinn seien. Aber er wirkte so mitgenommen, so angefasst, dass ihm keiner so recht glaubte. Als er zum Schlusswort des Parteitags ansetzte, war damit zu rechnen, einen geschlagenen Mann zu erleben. Den Mann hinter und unter Lafontaine, der nun gequält die von oben verordnete Harmoniesoße durchrührt.

Der Gysi, der kann's

Nichts dergleichen. "Ich war Freitag auf dem Katholikentag und die Kultur war irgendwie ähnlich", sagte Gysi mit seinem Gysi-Grinsen und ein Aufatmen ging durch die Reihen, weil es endlich mal einer ausgesprochen hatte. Dann machte Gysi munter weiter und sprach alle Punkte an, die den Delegierten auf der Seele lagen. Natürlich gebe es in der Linkspartei einen tiefen Graben zwischen Ost und West: "Vereinigt sind wir noch nicht." Aber wenn beide Seiten versuchten, die jeweils andere ein bisschen zu verändern, dann käme man zueinander. Auch auf die unterschiedlichen politischen Strömungen der Partei ging er ein, obwohl schon das Wort "Strömungen" zur verbalen No-go-Area dieses Parteitages zählte. Eindringlich mahnte er die Delegierten, nicht aufeinander rumzuhacken, sondern um das politische Profil der Partei zu streiten. In der kitzligen Frage der Nahostpolitik forderte Gysi erneut Solidarität mit Israel - und Solidarität mit den Palästinensern. Gelinge der Linkspartei beides, könne sie eine Vermittlerrolle spielen, aber auch nur dann.

Charmant und mit Witz übte sich Gysi schließlich darin, den Delegierten ihren Obermacker Lafontaine zu erklären. Der Unterschied zwischen Wessis und Ossis sei eben, dass die einen in der Demokratie gelebt hätten, die anderen nicht. Deswegen seien den Ossis die demokratischen Rituale wichtig, den Wessis hingegen die Frage, was sie eigentlich durchsetzen könnten. "Er ist ein bisschen anders", schloss Gysi seine Lafo-Exegese. "Aber wir verdanken ihm Erfolge, die wir ohne ihn nie gehabt hätten." Lafontaine hörte es wohl gerne. Er hatte sich in seiner Eröffnungsrede hinter Gysi gestellt und die Stasi-Vorwürfe abwegig genannt. Nun waren die beiden quitt.

Der Sieg schmeckte schal

Lafontaine hatte am Samstag mit seiner brillanten Eröffnungsrede den Saal gerockt und die Linkspartei als Erbin der Arbeiterbewegung positioniert. Sein schroffer Antikapitalismus fand viel Applaus - aber bei den Wahlen zum Parteivorsitz erhielt er nur 78,5 Prozent. Das war ein Denkzettel, das war der Hinweis, dass ihm die Basis nicht ganz über den Weg traut, vielen ist er schon zu mächtig. Die Jubelbilder der Lafo-Show, eigentlich schon für 17 Uhr geplant, kamen nicht wie gewünscht zustande. Er hatte gesiegt, aber der Sieg schmeckte schal.

Vielleicht aber waren Lafontaine die Prozente in diesem Fall nicht so wichtig. Weil ihm andererseits das Kunststück gelungen ist, die Basis einer in sich völlig konfusen Partei unter Kontrolle zu halten. Schon im Vorfeld hatten die Minenräumkommandos der Parteispitze das meiste entschärft. Sahra Wagenknecht, Wortführerin der kommunistischen Plattform, durfte nicht für das Amt der stellvertretenden Parteivorsitzenden kandidieren, weil dann das böse "Strömungs"-Problem sichtbar geworden wäre. Heikle Fragen - Wie hältst du's mit der SPD? Sind wir eine Protestpartei oder eine Regierungspartei? Was soll im Parteiprogramm stehen? - kamen nicht durch das Nadelöhr der Antragskommission. Eine Debatte war nicht erwünscht. Nur die Show. Für Lafo, Gysi und ein bisschen Bisky.

Noch schwimmt die Linkspartei auf einer Welle des Erfolges. Sie hat seit vergangenem Jahr 10.000 Mitglieder gewonnen, ist in vier westdeutsche Landesparlamente eingezogen und bestimmt die politische Agenda in Berlin. 2009 könnte sie in Thüringen und dem Saarland Ministerpräsidenten stellen. Tausend Male klopften sich die Funktionäre und Delegierten dafür in Cottbus auf die Schulter. Aber sie wissen auch: Dauerhaft braucht es mehr als die Polemik gegen die unsozialen Verhältnisse und den Ruf nach Staatsknete. Die Partei muss diskutieren. Auch über sich.