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PDS und WASG: Das ist die Berliner Kluft

Von wegen Bündnis. In der Hauptstadt rebelliert die WASG offen gegen die PDS. Zur Strafe halten die Genossen die West-Truppe klein - vor allem, wenn es um den Bundestag geht. Nun sorgte WASG-Mann Krämer dennoch für eine Überraschung. Teil 2 des Wochen-Rückblicks.

Von Florian Güßgen

Eigentlich gelten die PDS-Delegierten in Berlin als vorstandshörig, zumindest was Listenplätze betrifft. Am Abend nach dem Liebichschen Verdikt regnet es in Berlin, auch in Marzahn-Hellersdorf, dem Plattenbau-Bezirk tief im Osten der Stadt. Eigentlich wollen sie sich nur kennen lernen, der örtliche PDS-Bezirksvorstand und die Kollegen von der WASG. Über den Wahlkampf reden, über praktische Fragen: Wer wo wann welchen Stand macht, wer welche Info-Broschüren mitbringt, welche Flugblätter in welchen Briefkästen landen. Solche Sachen. Eigentlich, denn Krämer und seine Mitkandidaten wollen diese Chance nutzen, um sich vorzustellen, um zu werben. Vielleicht können sie ja noch Stimmung machen, überzeugen. Für den Samstag. Wer weiß.

Sie haben keine Lust auf diese Leute

Am Ende sitzen acht WASG-Vertreter im unerbittlichen Neonlicht des Wahlkreisbüros von Petra Pau, einer der beiden derzeitigen PDS-Abgeordneten im Bundestag. Pau selbst ist nicht da. "Petra Pau mobil" - nur der Schriftzug auf einem Fiat-Kastenwagen, der vor der Tür geparkt ist, erinnert an sie. Auch Pau gilt als WASG-Skeptikerin. Trotzdem sind zwölf Vertreter der PDS gekommen. Begeistert sind sie nicht. Das spürt man. Sie haben keine Lust auf diese Leute. Sollen sagen, was sie wollen, dann gehen. So sagt es zwar keiner, aber man sieht es ihnen an. Stattdessen gibt es eine kurze Vorstellungsrunde, wie in einer Selbsthilfe-Gruppe.

Krämer macht nicht viel Aufheben um sich. Er weiß, dass ihm Skepsis entgegenschlägt. Er weiß auch, dass er den Anwesenden kaum Neues erzählen kann. Er stellt sich vor, bittet um Offenheit. Er scheint sie nicht zu erreichen. "Wir sind nicht der Landesverband, der diese Fusion erfunden hätte", sagt eine resolute Frau. "Aber wir sind klug genug, diese historische Chance zu nutzen", sagt sie. Sie ist Wahlkampfleiterin der PDS im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Sie kennt die Umfrage-Ergebnisse. Später sagt Krämer, es sei doch eine andere Kultur, die hier herrsche, als bei den Linken im Westen. Das wirkliche Arbeitermilieu, die Gewerkschaften seien vielen hier fremd. Sie arbeiteten entweder beim Staat oder in der Partei. Im Westen sei das anders.

"Wir sind klug genug, diese historische Chance zu nutzen"

Es ist kein herzlicher Abend. Niemand will sich offen hinter die neuen Freunde von der WASG stellen. Nur ein PDS-Vertreter sagt, er sei am Samstag Delegierter, und, das sollten sich die Kandidaten merken, die Vorstellungsreden seien wichtig. "Ich entscheide nach Sachkompetenz - nicht nach irgendwelchen WASG-Listen." Das macht Mut, zumindest ein bisschen. Der Mann soll am Samstag noch eine wichtige Rolle spielen. Krämer schweigt viel an diesem Abend im Osten der Stadt.

Am nächsten Vormittag um elf ist er schon wieder in Sachen WASG unterwegs. Nun wollen sie doch noch einmal Druck machen, über die Öffentlichkeit, und auf Liebich reagieren.

Im "Haus der Demokratie" im Prenzlauer Berg haben sie eine Pressekonferenz anberaumt. Mit den anderen drei Kandidaten der WASG steht Krämer auf dem Balkon des Altbaus. Unten, auf der lauten Greifswalder Straße, brausen die Autos vorbei. Krämer lässt sich fotografieren. Er lacht verlegen, wie ein überdrehtes Mädchen. Es ist, trotz allem, eine ungewohnte Situation. "Für Platz sieben braucht man in Berlin rund 30 Prozent", poltert ein WASG-Sprecher. "Wir haben klar gestellt, dass Zusammenarbeit für uns bedeutet, dass zumindest eine Person einen sicheren Listenplatz erhält." Aber wie soll das gehen? Die WASG hat kein Druckmittel.

Blues-Brother auf dem Parteitag

Samstag, der Tag der Entscheidung. Der Himmel über Berlin ist grau, wolkenverhangen. Nur hin und wieder sticht die Sonne durch. Der Vorderteil des "Energieforums" am Ostbahnhof ist ein Backsteinbau, der Rückteil des Gebäudes besteht aus einem verglasten Stahl-Skelett mit einem großen Lichthof - für Kongresse, für Galas, für Parteitage. Die Delegierten sitzen wie im Bauch eines Schiffes, dessen Decke und dessen Bug verglast sind. Sie blicken auf einen Spree-Kanal, auf das Paula-Thiede-Ufer. Auf der anderen Uferseite werden gepresste Müll-Ballen gestapelt, etwas weiter rechts ist die Verdi-Zentrale. Die WASG-Leute verteilen Briefe an die Delegierten, in denen sie um Unterstützung werben. "Berlin ist ein Prüfstein für die Pluralität und das Profil der Linkspartei und ihrer offenen Liste", schreiben sie.

Ralf Krämer trägt Jeans und ein dunkles Hemd. Er sitzt hinten links - in der linken Tischreihe, am hintersten Tisch, auf dem Platz ganz links. Neben ihm sitzen die anderen WASG-Kandidaten. Sie alle wirken wie Fremdkörper, wie ungebetene Zaungäste. Sie gehören nicht dazu. Krämer, mit dem Stift in der Hand, feilt an seiner Vorstellungsrede. Er schaut nur selten auf. Vielleicht ist er nervös, weil er eine Kampfkandidatur wagen will, auf Platz sechs. Immerhin. Die Rede ist wichtig. "Ich sollte das eigentlich nicht aufschreiben", sagt er, "dann geht das sicher daneben." Das sei immer so. Er könne es besser, wenn er frei rede. Sagt er. Hin und wieder, wenn die Sonne zwischen den Wolken ungefiltert in den Lichthof sticht, setzt er eine Sonnenbrille auf. Er erinnert dann eine Mischung aus einem Blues Brother und Ray Charles. Cool sieht er da aus. Und ein bisschen so, als ob er blind wäre.

"Krämer setzt auf die Gewerkschafts-Karte"

Um 11.05 Uhr sind 124 Delegierte anwesend. Es kann losgehen. Die Plätze eins bis drei sind schnell vergeben. Gysi, der Spitzenmann erhält 92,62 Prozent der Stimmen, auch die Nummern zwei und drei sind schnell durch: Petra Pau und Gesine Lötzsch, die zwei derzeitigen Abgeordneten. Dann wagt Renate Herranen als erste WASG-Kandidatin eine Kampfkandidatur. Sie fällt durch, erhält nur schlappe 8,94 Prozent. Das ist eine Ohrfeige, die Partei vergibt nicht.

Aber Krämer lässt sich nicht schrecken. Am späten Nachmittag, um 16.52 Uhr, wagt er es. Er kandidiert auf Platz sechs - gegen Liebichs erste Wahl, eine junge Frau, die frauenpolitische Belange vertritt und Immigranten. Krämer hält seine Rede. Frei. Er macht das nicht schlecht. Locker berichtet er von seiner Biografie und seiner politischen Vergangenheit. Er versucht, als Gewerkschafter zu punkten und als Wirtschaftsexperte. Wer seine Arbeit sehen wolle, müsse nur auf der Verdi-Internetseite nachsehen, sagt er. Und dass er die SPD verlassen habe, weil nach dem Abtritt Oskar Lafontaines die soziale Kälte Einzug gehalten habe in dieser Partei. Im Bundestag, in der Fraktion der Linkspartei, könne er etwas beitragen. Seinen Sachverstand, aber auch sein "strategisches Denken. Er spricht viel von Sozialabbau und von Hartz IV. Eigentlich keine schlechte Rede. Aber dennoch hat er kaum Chancen. Die Konkurrentin ist beliebt. Sie ist gesetzt.

"Wir waren die Mauerbauer. Das Eis ist gebrochen."

Aber irgendwie scheint Krämer einen Nerv getroffen zu haben an diesem Nachmittag. Mehrere Fürsprecher melden sich zu Wort. Das ist normal, aber Krämers Anwälte sind fast enthusiastisch. Eine Rednerin sagt, die PDS brauche einen Gewerkschafter und einen Wirtschaftsexperten - und sie brauche einen WASG-Vertreter auf der Liste. "Wir waren vorher die Ostpartei", sagt sie. "Wir waren die Mauerbauer. Dieses Eis ist gebrochen." Dieser Prozess müsse vorangetrieben werden. Deshalb sei es nun geboten, Krämer zu unterstützen. Auch der PDS-Mann aus Hellersdorf, der bereits am Mittwoch angekündigt hatte, nur nach Sachkompetenz entscheiden zu wollen, meldet sich zu Wort. Vor allem im Westen Berlins, sagt er, fehle es der PDS an Wirtschaftskompetenz. "Wenn wir punkten wollen, dann gehört Ralf in die Fraktion", sagt er. "Ralf kann aufbauen, er kann vernetzen, er kann ergebnisorientiert arbeiten", sagt eine andere. Die Delegierten wählen. Werden sie dem Wunsch ihres Vorstands widersprechen, werden sie Liebich düpieren?

"Es ist kein aussichtsreicher Platz"

Um 18.15 Uhr kommt das Ergebnis. Krämers Gegnerin erhält 48 Stimmen, Krämer 66. Mit 55,5 Prozent der Stimmen erobert er Platz sechs der Liste. Das ist eine Überraschung, fast schon eine kleine Sensation. Das erste Mal bricht richtiger Jubel unter den Delegierten aus. Liebich, einen kleinen Blumenstrauß in der Hand, eilt mit Tippelschritten von der ersten in die letzte Reihe, schüttelt Krämer die Hand und drückt ihm das Gebinde in die Hand. Krämer hat die Liste des PDS-Mannes per Kampfkandidatur umgekrempelt. Journalisten, die ihm zuvor wenig Beachtung geschenkt haben, umringen ihn. Plötzlich sind Kameras da, Mikrofone, Interview werden geführt. "Ich habe darauf gehofft", sagt Krämer. Er habe nicht damit gerechnet. Dennoch, auch das sagt er, die WASG könne mit diesem kleinen Erfolg nicht erfolgreich sein. "Es ist kein aussichtsreicher Platz", sagt er. "Aber es ist ein Erfolg für mich und die WASG." Immerhin, er hat die PDS-Delegierten überzeugt - vielleicht markiert schon das einen Neuanfang zwischen den zerstrittenen Bündnispartnern. Hämische Kommentare spart Krämer sich jedenfalls.

Es war die vorletzte Abstimmung an diesem Tag. Der Saal leert sich schnell. Das letzte Votum der Delegierten - jenes für Platz sieben - ist nun reine Formsache. Die Delegierten wollen nach Hause. Nur Krämer gibt weiter Interviews. Wahrscheinlich wird es nicht reichen für ein Mandat, sagt er. Es müsste schon ein Wunder geschehen, mindestens 25 Prozent der Stimmen, so wird gemutmaßt, müsste die Linkspartei am 18. September in Berlin einfahren. Und selbst dann. "Ich bin mir noch nicht ganz klar darüber, wie ich das eigentlich fände, wenn ich tatsächlich in den Bundestag käme", hatte Krämer noch am Dienstag gesagt. Natürlich würde er es gerne machen, aber sein jetziger Job mache ihm eben auch viel Spaß. "Ich will da eigentlich gar nicht weg", sagt er. Zufrieden sind die WASG-Leute mit den Ergebnissen der PDS-Versammlung ohnehin nicht. Sie hätten gerne besser Plätze gehabt - und Kandidaten für Direktmandate. Auf Frieden mit der PDS scheinen sie auch keine Lust zu haben. Sie wollen die Auseinandersetzung. Am Sonntag geben sie eine Pressemitteilung heraus, in der es heißt: "Mit dem Ergebnis der Delegiertenversammlung ist ein möglicher Beginn konstruktiver Zusammenarbeit im linken Bündnis versäumt und die weitere Entwicklung belastet, denn der Verlauf und die Ergebnisse der LandesvertreterInnenversammlung der Linkspartei.PDS bieten wenig Grundlage für ein vertrauensvolles Aufeinanderzugehen." Man werde daran festhalten, im Jahr 2006 in Berlin gegen die PDS zu kandidieren. Freunde macht man sich so nicht. Krämer macht ab Montag erst einmal zwei Wochen Urlaub. Mit seiner Tochter will er an die Ostsee fahren. Danach erst wird der Nörgler zurückkehren. In die Auseinandersetzung mit der PDS. In den Wahlkampf für das Linksbündnis - und in das kleine Büro mit dem Porträt von Karl Marx.