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Umstrittene Demo: Verbot wegen Pogrom-Jahrestag? Lasst Pegida doch einfach krakeelen

Ausgerechnet am Jahrestag der Pogromnacht marschiert Pegida in Dresden auf. Dürfen die das? So respektlos dieser Demo-Termin ist: Lasst sie brüllen. Ihr fehlender Anstand sagt mehr über sie aus als über diejenigen, die sie gewähren lassen.

Ein Kommentar von Niels Kruse

Anhänger von Pegida in Dresden

Marschieren Montags durch Dresden: Die Anhänger von Pegida

Vor genau 77 Jahren zog der Nazimob durch deutsche Städte - zündelnd, plündernd, mordend. Keinen Tag später waren 400 Menschen tot, fast 1500 Synagogen niedergebrannt und unzählige Häuser, Wohnungen und Geschäfte zerstört. Die Stunden zwischen dem 9. und 10. November 1938 waren einer der großen moralischen Bankrotterklärungen Deutschlands: Auf die organisierte Pogromnacht gegen Juden folgte deren systematische Verfolgung und Vernichtung. Und ausgerechnet am Jahrestag dieses "Volkszorns" (Joseph Goebbels) plant Pegida, die selbsternannte "Wir-sind-das-Volk-Bewegung" des Jahres 2015, ihren Aufmarsch in Dresden. Zu allem Überfluss auch noch auf dem Theaterplatz, dem einstigen Adolf-Hitler-Platz, den die Nazis für ihre Großkundgebungen nutzten.


Ja, das ist geschmacklos und empörend. Auch schwer zu ertragen, respektlos und geschichtsvergessen. Aber leider wohl kaum zu verhindern. Obwohl: Es gibt ihn ja, den Widerstand gegen die Veranstaltung. Rund 90.000 Menschen haben eine Petition für das Verbot der Pegida-Demo unterzeichnet. Die Linke im sächsischen Landtag fordert dasselbe, ebenso wie das Internationale Auschwitz-Komitee. Und doch ist es vielleicht ganz in Ordnung, dass die halb- bis tiefbraune "Bewegung" ihre scheinbar patriotischen Flaggen hissen, ihre fremdenfeindlichen Parolen brüllen und ihren Unmut über Gott, Merkel und die Welt freien Lauf lassen. Lassen dürfen.

Wollen wir ihnen den Gefallen tun?

Denn allen mulmigen Gefühlen zum Trotz: Das Grundrecht auf Protest gilt für jeden. Selbst für die Pegida-Hass-Prediger. Im Deutschland des Jahres 2015 sollen auch ruhig Andersgläubige ihr Wort erheben können. Überhaupt: Wäre ein Demonstrationsverbot nicht sogar Wasser auf den Mühlen des Ober-Abendländer Lutz Bachmann und seiner Spießgesellen? Sind sie es nicht, die sich als Opfer einer "Meinungsdiktatur" sehen, unterdrückt von Political Correctness und einer gleichgeschalteten "Lügenpresse", die nichts Besseres zu tun hat, als den "wahren, deutschen Willen" zu biegen und zu brechen? Würden sich die Rechtsparanoiker nicht erst Recht in ihrem Weltbild bestätigt sehen, wenn man ihnen ihre Montagsspaziererei untersagen würde? Soll man ihnen diesen Gefallen wirklich tun? Nein.


Doch es bleibt die Frage, wie geht man mit Pegida und deren Brüdern und Schwestern im Geiste, AfD und Konsorten, um? Zu Beginn der Proteste blickten viele amüsiert bis herablassend auf diese "besorgten Bürger". Die Demos flauten zwar schnell ab, was aber ein dreiviertel Jahr später wiederauferstand, war das rassistische Konzentrat der "Patriotischen Europäer": Erzkonservative, Strammrechte und echte Nazis marschieren seitdem über den Dresdener Theaterplatz - und wissen, wie man sich die öffentliche Empörung sichert: Etwa durch einen Auftritt von Akif Pirinçci, dessen Vulgär-Gepöbel in einer kruden KZ-These mündete. Zack! Einmal Aufschrei, bitte! 

Lauter als ihre Bedeutung

Janko Tietz schreibt in einem Kommentar bei "Spiegel Online", man dürfe sich von Pegida und deren Verbündeten nicht ständig provozieren lassen, denn ihre Dauerpräsenz stehe im krassen Widerspruch zu ihrer Bedeutung. "Immer wieder halten uns diese Figuren ihre Stöckchen hin - und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn es an diesem Montagabend bei der Pegida-Demo in Dresden nicht wieder einen kleinen schicken Eklat geben würde", so Tietz. Er hat Recht. Denn der 'schicke Eklat' nutzt allein jener Gruppe, die sich zwar großkotzig "das Volk" nennt, aber in Wirklichkeit alles andere ist als "das Volk". Etwas mehr Entspannung im Umgang mit den "Rettern des Abendlandes" täte gut, deshalb: Lasst die Leute auf dem Theaterplatz krakeelen. Dass sie nicht einmal den Anstand besitzen, an einem Tag wie dem 9. November angemessen zu schweigen, sagt mehr über sie aus als über diejenigen, die sie spazieren gehen lassen.