Peter Struck Lizenz zu tröten


Er liebt sein Motorrad, seine Enkel und die Freiheit zu sagen, was er will: SPD-Fraktionschef peter Struck, die institutionalisierte Opposition in der Großen Koalition.

Es ist die Wand hinter dem Schreibtisch, die als Erstes ins Auge sticht. Vollgepinnt mit Fotos und Karikaturen. Struck, der Verteidigungsminister, ist ein Motiv, klar. Vor allem aber: Struck, der Biker. In Lederkluft. Mit Helm und ohne. Auf, hinter und vor seiner BMW 1200 RT, einem richtig fetten Teil.

"Mein Lieblingsthema ist Motorradfahren", hat er mal gesagt. Nur gebe es dafür "leider keinen Ausschuss". Im August ist er mit Freunden nach Denver geflogen, hat eine Maschine gemietet und ist zweieinhalb Wochen durch Colorado gedüst, durch die Rocky Mountains, das Monument Valley, 4000 Kilometer. Wenn Peter Struck, der SPD-Fraktionschef, von diesem Trip schwärmt, ahnt man, dass Politik nicht unbedingt seine größte Leidenschaft ist. Jedenfalls nicht immer.

Super war das und unheimlich entspannend. Die Gesundheitsreform, über die er, wenn Kameras fern waren, zuletzt selten ohne die Vorsilbe "Scheiß-" gesprochen hatte - völlig unwichtig plötzlich. Merkel und ihre Ministerpräsidenten - ganz weit weg. Gott sei Dank. Wwrummm. Wrummm.

Ein wenig wirkt das nach bis heute. Das ist das Zweite, was auffällt an diesem Tag, in diesem Büro: Die Luft ist harmoniehaltig. FRIEDE ist die Losung dieser Tage. Es ist die Woche eins nach dem großen Gemetzel, als man wirklich nicht mehr wusste, ob die Koalition aus Union und SPD noch lange hält. Als sich auch noch diejenigen per Interview bekriegten, die für Ruhe sorgen sollten: Beck, Struck und Merkel. "Es reicht", blaffte die Kanzlerin; Struck solle seine Attacken gegen die CDU-Ministerpräsidenten einstellen.

Und nun sitzt Peter Struck im vierten Stock über der Spree, die Beine übereinandergeschlagen, ein Glas Tee vor sich, die penibel gestopfte Pfeife bereit zum Anschmauchen. Die Inkarnation von In-der-Ruhe-liegt-die-Kraft. Sagt, es nütze "niemandem, wenn die Große Koalition kaputtgeht, darunter würden beide Volksparteien leiden". Beteuert, er habe "auch kein Interesse daran, dass Frau Merkel demontiert wird". Verheißt, das Gezerre um die Gesundheitsreform sei "ein heilsames Erlebnis für alle" gewesen.

Eigentlich versteht er die ganze Aufregung nicht. Er hat doch nur gesagt, was er seit Monaten sagt und was jeder sowieso sieht: dass die schwarzen Länderfürsten der Kanzlerin auf der Nase rumtanzen; dass sie klein beigeben musste; dass sie nicht entscheiden kann oder will. Lustvoll-listig hat er ihr das reingerieben: "Frau Merkel hat sich sehr bemüht, die Eckpunkte, die vereinbart worden sind, auch durchzuhalten."

Hat sich sehr bemüht - das gehört zum Code, in dem Personalchefs Zeugnisse abfassen; es steht für: Finger weg, die bringt's nicht. Der promovierte Jurist Struck weiß das natürlich genau.

Als Mitstreiter ihn auf die zürnende Regierungschefin ansprachen, sagte er nur: "Regt euch nicht auf. Ich reg mich auch nicht auf." Anpfiff? Pfff. "Keine einzige schlaflose Minute" habe ihn Merkels "Es reicht" gekostet. Sie kann ihm ja nicht. Im Grunde genommen kann ihm keiner. Seine Fraktion steht wie 'ne Eins hinter ihm, weil er gelegentlich sagt, was die Abgeordneten nur denken dürfen. Sein Parteichef denkt nicht dran, ihn zu maßregeln; Struck hat die Lizenz zu tröten. Und werden will er, der zwei Herzinfarkte und einen Schlaganfall überstanden hat, auch nichts mehr. So einfach ist das zuweilen. Außerdem ist Merkel viel mehr auf ihn angewiesen als er auf sie.

Eine Art freier Radikaler. Herr Struck, Sind Sie der große Unabhängige in der Politik? "Sagen wir mal so: jetzt schon. Ich bin zufrieden mit meinem Leben, bin froh, dass ich gesund bin, dass mit meiner Familie alles in Ordnung ist."

Viele in der Union halten Sie für einen Störenfried! "Ich bin kein Störenfried", antwortet er, "ich will, dass diese Regierung Erfolg hat." Pause. Pfeife an die Lippen. "Aber man muss immer damit rechnen, dass es kritische Diskussionen gibt." Pause. Saugen. "Ich lass mir auch den Mund nicht verbieten" - mpffmpff - "schon gar nicht von der Union."

Ein echter Struck. Er genießt es, am Ende seiner Karriere ein eigener Herr zu sein und Part einer SPD-Troika Beck-Münte-Struck; die zelebrierte Unabhängigkeit ist seine Form der Eitelkeit. Lange haben andere, vor allem Müntefering und Schröder, über ihn bestimmt. 1998 wäre er gerne Kanzleramtschef geworden und musste den Fraktionsvorsitz übernehmen, als vierte Wahl. Nach verunglücktem Start immer souveräner agierend, hätte er den Posten gern behalten, da kommandierten ihn die beiden für Affären-Rudi Scharping ins Verteidigungsressort ab. Er gewann dem zackigen Amt, in dem alle spuren, schnell was ab, beeindruckte Generalität wie Rekruten und wäre gern Minister geblieben. Da kam die Große Koalition und Struck, 63, der bekennende Parteisoldat, musste auf Münteferings Bitte zurück ins Geschirr. Wer sollte es sonst machen? Man kann es ihm nicht verdenken, dass er sich nichts mehr vorschreiben lassen will, erst recht nicht von einer CDU-Kanzlerin.

Dabei ist er ein verträglicher Mensch, der nur so tut, als wäre er ohne Lachmuskel zur Welt gekommen. Typ brummelnder Bär, oft kurz angebunden ("Was ich überhaupt nicht leiden kann, ist Rumgequatsche"), aber unter der vorgeführten robusten Schale eine empfindliche wie empfindsame Seele. Seit 1963 mit derselben Frau liiert, die "für meinen Peter auch putzen gehen" würde, wie sie Schröder nach einem seiner Ausfälle gegen den nicht stets geschätzten Genossen Struck mal anraunzte. Er tut vor der Fraktion nicht oberschlau, kümmert sich um private Probleme, nimmt abweichende Meinungen ernst - dafür lieben ihn die Abgeordneten. Und natürlich, weil er sich als Chef der SPD-Parlamentarier begreift, nicht als Vorsitzender einer großkoalitionären Fraktion.

Er hat es bei der ersten Gelegenheit demonstriert: Er hielt die Föderalismusreform zum Unwillen der Union, der Kanzlerin und des SPD-Vizekanzlers auf - noch Diskussionsbedarf. Inhaltlich hat er gar nicht mal so viel erreicht. Aber bewiesen, dass die Fraktion mitreden will und wird. Dass das "Strucksche Gesetz" noch gilt, wonach kein Entwurf das Parlament verlässt, wie er reingekommen ist. Eher ein lausiger Redner, brastete er im Bundestag los: "Ich bin dazu da, für meine Fraktion und für die Bürger zu arbeiten, nicht zum Gefallen mancher Personen." Dabei wies seine Rechte wie zufällig in Richtung Merkel. Das war großes Kintopp - und wichtig fürs Selbstbewusstsein der SPD-Abgeordneten. Sowie für Ansehen und Autorität ihres Vorsitzenden.

Beides wird er brauchen, um seinen Laden und damit die Koalition zusammenzuhalten. Struck weiß, dass die Geschlossenheit der SPD-Fraktion sehr fragil ist. Der Verdruss über den Kompromiss bei der Gesundheitsreform ist riesig. Und die nächsten "Brocken" (Struck) warten schon: Unternehmensteuer, Mindestlohn, Hartz IV. Da scheint es nur klug, wenn einer die Reihen zu schließen sucht, indem er gegen den Feind wettert - auch wenn der jetzt Freund sein soll.

Also: Keine Bange, der beißt ja nicht, der bellt ja nur? Volker Kauder, der die Unionsfraktion führt, sieht das so. "Ganz offen" sei ihr Verhältnis, sagt er. "Wir gehen einander nicht an die Gurgel." Wie umgekehrt Struck schwört: "Kein böses Wort über Kauder." Die beiden empfinden sich als Kitt der Koalition und haben gerade erst verabredet, dass sie Konflikte künftig "anders regeln müssen. Das muss schneller gehen und geräuschloser".

Merkel aber misstraut Struck zutiefst, nimmt ihm die Doppelrolle, als Haudrauf zugleich Hüter der Koalition sein zu wollen, nicht ab. Ob Struck sie weghaben wolle, sinnierte die Kanzlerin in trautem Kreis. Vier-Augen-Gespräche mit ihm meidet sie. Demnächst, erzählt Struck, würden sie mal ein Bier trinken gehen. Aber das wollen sie seit bald einem Jahr.

Legendär ist Merkels Ausbruch bei einer Koalitionsrunde. Struck hatte per Interview kundgetan, dass ihm Schröder als Kanzler natürlich lieber wäre, der im Übrigen entscheidungsfreudig gewesen sei. Als er sich erklären wollte, fuhr sie ihm über den Mund: "Das ist mir scheißegal."

Das hat er sich gemerkt; nachtragen kann er gut. Trotzdem antwortet er nun, auf die Vorliebe für Schröder angesprochen, tapfer und ohne erkennbares Plinkern: "Die Frage stellt sich nicht mehr." Man merkt aber, wie schwer ihm das fällt. Der zu zügigen Entscheidungen neigende, generalistisch veranlagte Jurist hat mit dem Hang der Naturwissenschaftlerin Merkel, sich in Details zu verlieren, seine liebe Not. "Das macht ihr Freude, das ist ihre Art zu arbeiten. Das muss man akzeptieren", brummelt er. Wie gesagt, die Losung dieser Tage ist FRIEDE. Vermutlich macht es ihn irre.

Vor kurzem ist ihn Roland Pofalla angegangen, Merkels CDU-Generalsekretär: "Herr Struck ist einfach gestrickt." Das war natürlich eine Bosheit, aber jenseits dessen nicht völlig falsch. Er lügt oder verstellt sich für einen Politiker ziemlich selten, formuliert und verhält sich oft nach dem Motto: Gefangene werden nicht gemacht.

"Kaum ein Politiker ist so er selbst wie Struck", rühmte ihn die "Süddeutsche Zeitung" - gelegentlich bis an die Grenze zur Kauzigkeit. Im Mai saß er schon auf seiner 1200er, da hieß es: Sofort retour in den Bundestag. Kurz darauf stand Struck, Opa von sechs Enkeln, mit Lederjacke und Nierengurt im Hohen Haus, umringt von ihn anhimmelnden Abgeordneten, und freute sich wie ein kleines Kind.

Zuweilen schien die politische Spitzenkraft Struck sogar, als wäre sie infiziert mit Morbus Politikverdruss. Diese ganze Talkshowerei geht ihm auf die Nerven. Zeitverschwendung. Da liest er lieber ein Buch oder guckt Fußball. Fachsimpeleien mit Journalisten über so'n Zeug wie "Morbi-RSA" oder "Portabilität" brach er rasch ab. Könnte er ja gleich mit Ulla Schmidt reden. Lieber drischt er ein paar Runden Ramsch. Er hasst auch diese ewigen Nächte im Kanzleramt. Erst neulich wieder! Da hat Edmund Stoiber langatmig und umständlich versucht, die Konvergenzregel zu erklären. Als er fertig war, sagte Struck: "Hab ich nicht verstanden."

Und Merkel sagte: "Ich auch nicht." Da fing Stoiber noch einmal von vorn an. Und Strucks Augen rollten deckenwärts und Merkels Augen auch. Manchmal versteht man gar nicht, warum sie sich so schlecht verstehen.

Andreas Hoidn-Borchers print

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