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Piratenpartei: Susanne Graf, 19, Abgeordnete

Wie ein Ufo ist die Piratenpartei im Berliner Parlament gelandet. Besuch bei einer jungen Frau, die nun plötzlich 4000 Euro im Monat verdient und Politik on the job lernt.

Von Juliane Ziegler

Vierter Stock, Berliner Abgeordnetenhaus. Ein Tisch, zwei Stühle, leere Regale. Es ist ein kahles Büro. Susanne Graf hat sich erst gar nicht richtig eingerichtet. Ihre Partei will die Räume nach "Themengruppen" sortieren, also muss sie wieder umziehen. Wohin? Sie weiß es nicht. Das müsse sich erst klären. Ihr Blick wandert zum Laptop, dann wieder zum Handy, es klingelt ständig. Neben sich hat sie einen großen Stapel Papier. In einer Woche soll er durchgearbeitet sein, sie nimmt ihre neue Rolle sehr ernst. Draußen ist es längst dunkel. "Es gibt viel zu tun", sagt sie, "andere Leute sitzen jetzt zuhause beim Abendbrot. Schon krass, was da gerade passiert."

Susanne Graf ist 19. Ein Teenager. Sie ist die einzige weibliche Abgeordnete der Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus. Eine Politikerin im Brutkasten, eine Partei im Brutkasten.

Eben war sie noch Abiturientin, politisch engagiert. Dann kam die Berlin-Wahl, wie ein Ufo landeten die Piraten im Parlament. Nun hat Susanne Graf nicht nur ein Büro, sondern auch einen Angestellten, mehr als 4000 Euro Gehalt, sie muss Geschäftsordnungen lesen, Anträge stellen, Konzepte erarbeiten, die Medien rücken ihr auf die Pelle. Sie hat sich gerade einen Steuerberater gesucht.

Verändern und sich ändern

Christopher Lang kommt in den Raum, er ist ihr Freund. Wenn jemand anruft, geht er schon mal an Grafs Handy. "Nein, ihr Pressesprecher bin ich nicht, eher ihr Sachbearbeiter", sagt der 25-Jährige. Das Paar wohnt in Mahlsdorf, seit rund acht Monaten sind sie zusammen. "Wenn ich helfen soll, sag' Bescheid", bietet Lang an. Er ist Pressesprecher der Bundespiraten und verschwindet im Nebenzimmer, die Tür bleibt angelehnt. Noch weiß niemand, wie die neuen Lebenswelten zu bewältigen sind. Unsicherheit.

Fraktionssitzung am Mittwoch vergangener Woche. Endlose Debatten über die Frage, wann eine Pause gemacht werden soll, wann nicht. Fraktionssitzung Mittwoch vor vier Wochen. Endlose Debatten über die Frage, ob die Piraten die Sitze der FDP im Abgeordnetenhaus einnehmen sollten oder nicht. Susanne Graf ist genervt. "Ich bin jemand, der sehr an seinen Idealen hängt, aber sie priorisiert. Und ich sehe die Sitzposition jetzt nicht als etwas, was im Mittelpunkt unserer Politik stehen sollte", sagt sie mit fester Stimme. Es ist der alte parteitypische Zank. Fundis gegen Realos, Prinzipienreiter gegen Pragmatiker, Revoluzzer gegen Anpassungsfähige, es geht den Piraten nicht anders als den Grünen. Kaum sind sie im System gelandet, müssen sie sich zum System positionieren. Die einen lassen sich verändern, die anderen wollen verändern, die Übergänge sind fließend.

Blumen gießen, Kater streicheln

Drei Themen hat Susanne Graf: Bildung, Jugend, Wirtschaft. Es sind die Themen, die sich, ganz schlicht, aus ihrem Alltag ergeben. Sie hat die Schule gerade hinter sich und studiert Wirtschaftsmathematik. Sie sagt Sätze wie: "Im Moment weiß ich einfach, was Jugendliche so denken, mit welchen Gefühlen sie aufwachsen." Oder auch: "Man muss frühzeitig viel in die Bildung investieren, dann braucht man für die Wirtschaft nicht mehr viel tun." Wer Genaueres wissen will, konkrete Positionen, Forderungen, Ideen, kommt nicht weit. Susanne Graf lacht und sagt den Satz, den alle Piraten sagen, wenn sie in Verlegenheit kommen: "Das müssen wir erst noch erarbeiten." Um die 10 Prozent haben die Piraten derzeit in den bundesweiten Umfragen. Man fragt sich: Wofür eigentlich?

"Klar wird man jetzt belächelt als Jungpolitikerin, aber das kann ja auch an meinen lila gefärbten Haaren liegen", sagt Graf und streicht sich eine Strähne hinter die Ohren. Die Haare schimmern eher rot als lila. Die fehlende Erfahrung sieht sie als Vorteil: "Das hält uns frisch, das macht den Politikstil, den wir haben, eben aus." "Anne Will" hat bei Graf bereits angefragt, "Maybritt Iller" ebenso, auch N-24. Sie wollen ein Kuriosum besichtigen, einen politischen Seinszustand ohne konkrete Meinung, eine junge, attraktive Frau im Rudel der Nerds. Graf hat andere Probleme: Sie schläft zu wenig. Wie sie derzeit zur Ruhe kommt? Sie überlegt lange, dann sagt sie: "Blumen gießen, duschen, Kater streicheln." Sie hat sich jetzt einen Zeitplan erstellt, "Freizeit" ist ein Block darin. "Ich strenge mich an, das durchzuhalten, und ich habe auch Leute, die darauf achten, dass ich das tue." Ihr Vater zum Beispiel. Oder Christopher Lang.

Von Männern überrollt

Susanne Graf war Jahrgangssprecherin in ihrer Schule, danach hatte sie mit Politik wenig am Hut, interessierte sich aber für Netzthemen und den Computer, Vorratsdatenspeicherung, das alles. Ihr älterer Bruder schenkte ihr eines Tages eine Karte für den 25C3. Sie guckt irritiert bei der Nachfrage, was das sei. "Na, der 25. Kongress des Chaos Computer Clubs!" Seitdem ist sie mit der Arbeit des CCC verbandelt - und trat 2009 der Piratenpartei bei. Mitreißend und konsistent argumentieren kann sie noch nicht. Einige ihrer Antworten hat man schon einmal irgendwo gehört, irgendwo gelesen, ein paar wirken auswendig gelernt. Hin und wieder lächelt sie nach solchen Sätzen unsicher, "Wollten Sie das so hören?" scheint sie zu meinen. Textbausteine.

"Ich bin nicht so der Typ, der eine schwingende Rede hält und erwartet, dass die Leute einen dann wählen", sagt sie. Das übernehmen andere aus der Fraktion. Christoph Lauer und Andreas Baum zum Beispiel. Ohne es mit jemandem abzusprechen, gaben sie ihre Kandidatur für den Fraktionsvorsitz bekannt. Graf war stinksauer. Sie twitterte: "Bekomme gerade Anruf, morgen Wahl Fraktionsvorsitz ohne transparente Ankündigung 24h vorher. Wo bin ich denn? CDU?" Auf die CDU schimpft sie gerne. Und die Wahl zum Fraktionsvorsitz wurde verschoben.

26 Fragen zum Schultrojaner

Es sind die Männer, die sich nach vorne schieben, Frauen gibt es in der Berliner Fraktion mit ihrer Ausnahme nicht, und der Postfeminismus ist - gefühlt - Programm. "Das mit dem Frauenkram, das kann sie nicht mehr hören", warnt ihr Freund und Sachbearbeiter schon im Vorfeld. Susanne Graf stimmt zu. "Ich finde es blöd, immer darauf reduziert zu werden, zwei Brüste zu haben. Ich bin nicht angetreten, um da als Frau zu stehen, sondern als Person, die für die Ideale der Piratenpartei steht." Sie schiebt hinterher: "Und abgesehen davon, ist unsere Quote nicht viel schlechter als die der CDU." Demnächst soll der der frauenpolitische Sprecher ihrer Fraktion gewählt werden. Graf hat schon absagt. Es wird ein Mann werden.

"Die Piraten und ich selbst auch, wir wollen gar keine richtigen Politiker werden. Wir wollen nicht so sein wie ein CDU-Politiker, sondern wir wollen immer so bleiben wie Piraten", sagt Susanne Graf. "Und wollen diesen Blick behalten für Demokratie." Ganz oben auf dem Papierstapel in ihrem Büro liegt ein Fragenkatalog, 26 Fragen zum Schultrojaner: Eine Überwachungssoftware an Berliner Schulen soll künftig Schulcomputer auf Raubkopien überprüfen, wichtige Datenschutzfragen seien noch ungeklärt, darüber regt sich Susanne Graf auf. Plötzlich fällt ihr die Debatte um den Bundestrojaner ein. "Ist da eigentlich inzwischen etwas passiert, wie ist da der Stand? Da muss ich mich doch direkt mal an den Bundespressesprecher wenden", grinst sie. Er sitzt ja im Nebenzimmer, die Tür ist nur angelehnt.

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