HOME
TV-Kritik

"Hart aber fair!": "Keine realistische Planung": Norbert Röttgen kritisiert AKKs Machtübergabe-Fahrplan

Nach dem Rücktritt von Annegret Kramp-Karrenbauer rätselte die Runde bei Frank Plasberg nicht lange über die Beweggründe der CDU-Politikerin. Parteikollege Norbert Röttgen nutzte die Sendung vielmehr, um AKKs Pläne zur schrittweisen Machtübergabe deutlich zu kritisieren.

Von Simone Deckner

Die Runde bei "Hart aber fair!"

Die Runde bei "Hart aber fair!"

CDU-Mann Norbert Röttgen hatte sich seinen Montagabend sicher auch anders vorgestellt. Nun also Plasberg. "Vollkommen überrascht" sei er vom Rücktritt seiner Parteivorsitzenden und ihrem Verzicht auf die Kanzlerkandidatur gewesen, gab er dem genesenen Moderator zu Protokoll. "Ich glaube auch, dass alle anderen in der Partei überrascht waren", schob er fast entschuldigend hinterher.

Eher freudig erregt über so viel Action auf der politischen Bühne: der Moderator. Er machte gleich zu Beginn klar, dass er nach seiner krankheitsbedingten Pause wieder voll da war: "2018 galt sie noch als künftige Kanzlerin und jetzt? Puff!" untermalte er seine Frage mit der typischen Handbewegung eines Zauberlehrling. Ganz so, als wäre die Kanzlerkandidatur von AKK und ihre Zeit als CDU-Parteivorsitzende nichts weiter als eine Illusion gewesen.

"Jetzt auch die CDU – Stößt die nächste Regierungspartei ins Chaos?"

Warum zieht sich AKK ausgerechnet jetzt zurück? Kann ihr Fahrplan für die Machtübergabe bestehen? Wie hält es die CDU künftig mit der AfD und wer übernimmt jetzt das Ruder bei den Christdemokraten? Laschet, Merz, Spahn? Alles drängende Fragen in einer Situation, in der die einst große Volkspartei CDU nur noch wie ein Geist ihrer selbst erscheint: "Jetzt auch die CDU – Stößt die nächste Regierungspartei ins Chaos?" lautete dann auch das Thema der Sendung.

Es diskutierten:

  • Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses
  • Thomas Oppermann (SPD), Vizepräsident des Deutschen Bundestages
  • Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Ex-Bundesvorsitzender
  • Kristina Dunz, Journalistin und AKK-Biographin
  • Marina Weisband (Bündnis 90/Die Grünen), Ex-Piratenpartei, Psychologin
  • Prof. Karl-Rudolf Korte, Politikwissenschaftler
Armin Laschet

AKKs Rückzug – warum jetzt?

Dafür, dass AKK die Republik mit ihrem Rücktritt kalt erwischt hatte, hielten sich die Diskutanten erstaunlich kurz mit ihren Beweggründen auf. Politikjournalistin Kristina Dunz sprach der ehemaligen Ministerpräsidentin des Saarlandes die gewisse "Berliner Härte" ab, die man im Haifischbecken Bundeshauptstadt nun einmal brauche. Norbert Röttgen wusste auch nichts Konkretes, spekulierte dennoch lustig drauf los: "Das Jahr 2019 ist nicht so gelaufen, wie sie es sich erwartet hat und dann kam auch noch Thüringen dazu."

Einzig Marina Weisband hatte eine nachvollziehbare Erklärung parat: "Sie ist über ein Hufeisen gestolpert", sagte die ehemalige Piratenpartei-Politikerin, die heute als Psychologin arbeitet. Weisband spielte damit auf die Hufeisen-Theorie an, nach der die Mitte der Gesellschaft stets von ihren Rändern bedroht wird. Eine Unterscheidung zwischen rechts und links wird dabei jedoch nicht vorgenommen. AKK habe es nicht geschafft, sich nach rechts abzugrenzen, ohne im selben Moment links zu sagen: "Das ist gefährlich, weil diese Dinge nicht gleichzusetzen sind", so Weisband.

Der Grüne Cem Özdemir und SPD-Mann Thomas Oppermann waren sich immerhin in einer Sache einig: "Eigentlich hätten andere Leute noch vor AKK zurücktreten müssen". An wen sie genau dabei dachten, verrieten die zwei Politiker jedoch nicht.

297 Tage bis zur Kanzlerkandidatenkür?

"Ambitioniert oder weltfremd?" Wie sei AKKs Fahrplan zu bewerten, den neuen Kanzlerkandidaten und Parteivorsitzenden erst beim CDU-Parteitag im Dezember zu küren, wollte Plasberg weiter wissen. Bis dahin seien es immerhin noch ganze 297 Tage, rechnete er vor. "Kann sich die CDU eine so lange Hängepartie leisten?", fragte der Moderator mit ketzerischem Unterton.

AKKs Parteikollege Norbert Röttgen hatte dazu eine klare Meinung – mit der er auch nicht hinterm Berg hielt, sehr zur Freude von Plasberg: "Das ist keine realistische Planung, das will ich hier offen sagen", so Röttgen. "Meine Vorstellung ist, dass wir das deutlich vor der Sommerpause entschieden haben und da nicht einen langen Kaugummi draus ziehen." Wie war das noch gleich mit dem fehlenden Rückhalt innerhalb der eigenen Partei?

Was ist mit Friedrich Merz?

In der Folge versuchte Frank Plasberg, seinen Gäste auf einen Favoriten in der AKK-Nachfolge festzunageln. Thomas Oppermann, der Armin Laschet ins Spiel gebracht hatte, behauptete nun, seine Aussage "Jetzt muss Laschet den Vorsitz beanspruchen, sonst ist er ein Papiertiger" sei "nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen". Norbert Röttgen merkte an, man solle vielleicht nicht nur darüber reden, wie und wann man das Spitzenpersonal auswechsele, sondern darüber, warum den großen Parteien in Scharen die Wähler weglaufen ("Die Lage ist ernst.") Auf Nachfrage ließ Politikwissenschaftler Korte tatsächlich mehrfach den Namen Laschet fallen: "Auf einem Bundesparteitag hat der Ministerpräsident von NRW die größte Chancen."

Aber was ist mit Friedrich Merz? Der will sich ja "mehr engagieren fürs Land", hatte er getwittert. Plasberg: "Er hat das Messias-Etikett an, was steckt dahinter?" Laut Journalistin Dunz nicht so viel, wie Merz selber glauben machen möchte. Seine frühere Ankündigung, mit ihm könne die CDU die Stimmen der AfD halbieren, sei nur wenig Engagement in der eigenen Partei gefolgt. Thomas Oppermann ließ sich die Steilvorlage nicht entgehen: "Wenn Herr Merz die AfD halbiert, soll er den Friedensnobelpreis bekommen", ätzte er. Worum sich Merz aber vor allem kümmern müsse, sei eine ganz andere Baustelle: "Er muss den Richtungsstreit in der CDU schlichten zwischen rechtem und linkem Flügel!"

Wie hält es die CDU künftig mit der AfD?

Von einem solchen Richtungsstreit wollte Norbert Röttgen nichts wissen: "Die Position der CDU ist vollständig klar: Es gibt eine Brandmauer zur AfD", sagte er. Das sei auch bitter nötig, sagte Politikwissenschaftler Korte: "Das würde die Union komplett zerreißen, wenn sie hier nach Osten eine Flanke auf machen würde zur AfD."

Um AKK ging es zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr.

rw