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Politik erzürnt Hochschulverband: Guttenberg verliert an Sympathie

Ungewöhnlich scharf hat der Hochschulverband die Bagatellisierung der Kopiervorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg kritisiert - mit deutlichem Fingerzeig auf Politiker aus der Koalition. Der Minister selbst verliert unterdessen an Sympathie, aber nicht an Rückhalt.

Was sind schon Wissenschaftler? Was für eine Bedeutung haben ihre Regeln? Sich eine Dissertation zusammen zu klauen ist, in etwa das gleiche Vergehen wie Falschparken beim Wochenendeinkauf. Peanuts. Diesen Eindruck erweckten zumindest Politiker von Union und FDP bis hinauf zur Kanzlerin in dieser Woche, als sie sich um die politische Rettung des angeschlagenen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bemühten. Dem Deutschen Hochschulverband (DHV) ist das jetzt offenbar zu viel geworden. In Bonn hat Verbandspräsident Bernhard Kempen das Verhalten von Teilen der Politik in der Guttenberg-Affäre scharf gerügt - ohne Union oder FDP jedoch ausdrücklich zu erwähnen. Zu Guttenberg verliert derweil als Konsequenz aus der Plagiatsaffäre offenbar deutlich an Sympathie.

Zwar konnte der CSU-Politiker in dem am Freitag veröffentlichten ZDF-Politbarometer seinen Rang als beliebtester Politiker noch verteidigen. Doch nach dem bislang deutlichen Vorsprung der vergangenen Monate liegt er nunmehr mit einem Durchschnittswert von 1,4 (nach 2,0 Anfang Februar) gleichauf mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Nur Unterschiede "im Hundertstelbereich" machten ersten Platz für den Minister aus teilte das ZDF mit. Allerdings glauben 55 Prozent der Befragten nicht daran, dass die Affäre der Glaubwürdigkeit des Ministers nachhaltig schaden wird.

"Wissenschaft ist die Suche nach Wahrheit"

Unter Wissenschaftlern könnte dies allerdings anders aussehen. Mehr noch: Durch die Plagiatsaffäre ist das Verhältnis von Politik und Wissenschaft grundlegend gestört. "Die Marginalisierung schwersten wissenschaftlichen Fehlverhaltens durch höchste Repräsentanten unseres Staates ist empörend", wetterte DHV-Präsident Kempen. "Es ist unerträglich, wie die Bedeutung der Wissenschaft und ihrer ehernen Gesetze politisch kleingeredet wird." Der DHV protestiere nachdrücklich gegen diese Respektlosigkeit. "Wissenschaft ist kein Sandkasten, sondern ein elementar wichtiger Teil unserer Gesellschaft", sagte Kempen.

Die Äußerungen könnten auch bei Teilen der Wählerschaft von Union und FDP Wirkung zeigen. Um den populären Minister im Amt zu halten, hatte sich Merkel dafür entschieden, auf Gedeih und Verderb zu ihm zu stehen - ungeachtet der schweren Vorwürfe und des anfänglich lausigen Krisenmanagements Guttenbergs, dem die Universität Bayreuth am Mittwoch seinen Doktortitel aberkannte. Merkel nutzte deshalb ein schrilles, gegen Intellektuelle und die akademische Welt gerichtetes Ressentiment in der Bevölkerung. Damit dürfte sie auch Teile der bildungsbürgerlichen Klientel der Konservativen irritiert haben, die sich nun von Kempen bestätigt sehen könnten.

Plagiieren sei kein Bagatelldelikt, sagte Kempen. "Wissenschaft ist die Suche nach Wahrheit. Sie lebt von Originalität und Eigenständigkeit. Der redliche Umgang mit Daten, Fakten und geistigem Eigentum macht die Wissenschaft erst zu Wissenschaft. Plagiate erschüttern daher die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft", sagte der DHV-Präsident. Sein Verband nehme daher die Einschätzungen und Äußerungen aus Teilen der Politik und der veröffentlichten Meinung über Plagiate mit "Befremden, teils auch mit Erschrecken" zur Kenntnis.

Kempen ermahnte aber auch die eigenen Kollegen. Es sei die Aufgabe jedes Hochschullehrers, verstärkt auf Plagiate von Kollegen, Mitarbeitern und Studierenden zu achten. "Wegsehen" sei falsch verstandene Kollegialität und selbst ein wissenschaftliches Fehlverhalten. Der Deutsche Hochschulverband ist die bundesweite Berufsvertretung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland mit über 26.000 Mitgliedern.

fgüs/dho/DPA/Reuters / DPA / Reuters