HOME
Interview

Ein Video und seine Folgen: Politikberater zum "Rezo"-Video: "Die CDU hat das Vertrauen bei jungen Leuten verspielt"

Ein Youtuber ruft die CDU auf den Plan. Seine Video-Kritik geht viral und schreibt bundesweit Schlagzeilen. Warum? Politikberater Martin Fuchs sieht mehrere Gründe. Welche, erzählt er dem stern

Neues "Rezo"-Video: Youtuber rufen zu Wahlboykott von Union, SPD und AfD auf

War das nun "Die Zerstörung der CDU"? Nicht nur der Titel des Videos ließ die Christdemokraten aufschrecken: Binnen weniger Tage sahen sich Millionen die Generalabrechnung des Youtubers "Rezo" an, sie dominierte Kommentarspalten im Netz und Schlagzeilen (lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). Während die CDU, in den Augen vieler Beobachter, nicht angemessen und zu langsam auf die umstrittene Kritik reagierte. 

"Kurzfristig wird das Video, und der daraus entstandene Diskurs, der Partei nicht schaden", meint Politikberater Martin Fuchs. "Langfristig schon eher." Warum, erzählte er dem stern.

Politikberater zum "Rezo"-Video: "Von Propaganda zu sprechen ist sehr fragwürdig"

Youtuber "Rezo" (gr. Bild) und Politikberater Martin Fuchs (kl. Bild)

DPA

"Die Reaktionen der CDU wirkten ein wenig wie bei einem Huhn, dem der Kopf abgeschlagen wurde"

Herr Fuchs, über sieben Millionen Klicks auf Youtube, bundesweit Schlagzeilen und die CDU sieht sich zu einer Reaktion gezwungen  das "Zerstörungs"-Video von "Rezo" hat einen Nerv getroffen. Warum?

Martin Fuchs: Ich sehe da mehrere Punkte. Erstens: Influencer, also auch Menschen, die Erfolg auf Youtube haben, haben sich in den letzten Jahren extrem großes Vertrauen auf ihren Plattformen erarbeitet. Zweitens: Die CDU hat verschlafen, diese Influencer und deren Zielgruppe in die eigene, politische Kommunikation einzubinden. Drittens: Die CDU hat mit Reaktionen und Entscheidungen in der Vergangenheit – etwa der Durchsetzung des Artikel 13 (umstrittene EU-Urheberrechtsreform, Anm. d. Red.) oder ihrem eher ungelenken Umgang mit der "Fridays for Future"-Bewegung – teilweise das Vertrauen bei jungen Leuten in die eigene Institution verspielt und verpasst, dieses zurückzugewinnen.

Das führt in Summe dazu, dass jemand wie "Rezo" einen Nerv bei seinen Fans und jungen Leuten trifft: Ein junger Mann, der vor allem Musik und Comedy macht, wird plötzlich politisch – wirkt auf seine Community aber extrem authentisch. Er trifft einen Ton und spricht ein Gefühl an, das offenbar viele seiner Fans haben. Deswegen hat die CDU auch im Anschluss viel falsch gemacht, als sie versuchte, "Rezo" und seine Argumentation schlecht zu machen. Das wirkte unauthentisch und rückte das Video erst in die Mitte des gesellschaftlichen Diskurses.

Als Politik- und Strategieberater kennen sich mit Mimik, Gestik, Auftreten und Argumentation im politischen Kontext aus – als Experte für digitale Kommunikation auch, wie ein Auftritt im Netz wirken kann. Wie würden Sie den Auftritt von "Rezo" bewerten?

Für eine Bewertung muss man nicht unbedingt Experte sein. "Rezo" hat sich mit seiner authentischen Art eine treue Basis aufgebaut, seine hunderttausenden Abonnenten kennen ihn nur so. So hat sich "Rezo" – ähnlich wie ein Ulrich Wickert, der am Ende der "Tagesschau" immer seinen Satz sagte – zu einer Marke aufgebaut. Sein Erfolg ist daher besonders auf seine Glaubwürdigkeit zurückzuführen. Deswegen wirkte vieles bei der CDU auch extrem unglaubwürdig: "Rezo" überzeugt durch eine authentische Art der Darstellung, während etwa der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak versucht, ihm die Kompetenz abzusprechen und ihn schlecht zu machen.

"Rezo" spricht schnell, seine Gestik wirkt beinahe hektisch, er argumentiert knapp 55 Minuten bei Hintergrundmusik – so kennt man das von Politikern nicht. Trotzdem verfangen Video und Inhalt scheinbar mehr, als die typische Rede eines Politikers. Oder gerade deshalb?

Exakt: "Rezo" wirkt glaubwürdig. Man sieht, dass jemand im Namen seiner Community spricht. Er weiß, was seine Community bewegt und welche Emotionen er wecken muss, damit diese ihm zuhört. Das können und tun auch Politiker. Sie sprechen auch für viele Menschen. Aber eben für jene, die sie sozusagen abonniert haben – und das ist bei der CDU, wie gesagt, nicht unbedingt die Zielgruppe eines "Rezo". 

Allein das geht im politischen Diskurs nicht

Die Diskussion um das Video dominiert seit Tagen die sozialen Netzwerke, die großen Print- und Online-Medien berichten darüber. Hätte die CDU das verhindern können? Oder sogar müssen?

Es ist ganz schwierig, wenn etwas viral geht, in dieses Setting reinzustoßen. Sicher ist, dass die CDU die Grundlagenarbeit vernachlässigt hat. Die Partei hat sich in der Vergangenheit nicht um kritische Influencer bemüht. Das führt wiederum dazu, dass auch "Rezo" wahrscheinlich keinen einzigen Würdenträger der CDU kennt. Der Graben zwischen den beiden Akteuren ist dementsprechend tief. Das ist der erste Grundfehler, der gemacht wurde. Der andere: Man hat zuerst versucht, "Rezo" für seine Aufbereitung schlecht zu machen und damit seine Argumentation zu diskreditieren. Allein das geht im politischen Diskurs nicht. Zumal er sich ja gerade konkret mit Inhalten auseinandergesetzt hat. Natürlich kann man über die Präsentation dieser Inhalte diskutieren, über die Zuspitzungen und Vereinfachungen, aber er vertritt eine Position und hat Meinung bezogen. Die wurde von der CDU nicht ernst genommen. 

Zunächst hat die CDU eine Video-Replik durch den Bundestagsabgeordneten Philip Amthor angekündigt. Das Video wurde produziert, aber nicht veröffentlicht. Stattdessen sprach die CDU eine Gesprächseinladung an Youtuber "Rezo" aus und veröffentlichte ein elfseitiges "Faktenblatt" zu den erhobenen Kritikpunkten im Video. Wie bewerten Sie die Reaktion der CDU?

Das ist die unsouveränste Aktion, die man sich vorstellen kann. Die Reaktionen wirkten ein wenig wie bei einem Huhn, dem der Kopf abgeschlagen wurde und das dann immer noch wild umherrennt, kopflos aber mit noch zuckenden Nervenenden. Souverän und durchdacht geht anders. Man spürte förmlich die Nervosität im Konrad-Adenauer-Haus. Die Reaktion der CDU wirkte unprofessionell. Die Partei hat schnell und aus einer emotionalen Angefasstheit reagiert und erst später, mit einem kühleren Kopf, eine klare Haltung kommuniziert. Im Endeffekt war es aber die beste Entscheidung, keine Video-Antwort zu veröffentlichen – das hätte den ganzen Diskurs explodieren lassen. Ich habe schon die Millionen an hämischen Kommentaren vor mir gesehen, die für das Video bei der CDU eingegangen wären.

Man hätte 'Rezo' sagen müssen: Du hast spannende Ideen, lass' uns reden

Wie hätte die CDU von Anfang an reagieren müssen?

Die erste Reaktion hätte tatsächlich sein müssen, ihn sofort ins Konrad-Adenauer-Haus einzuladen. Man hätte "Rezo" sagen müssen: Du hast spannende Ideen, deine Sichtweise ist interessant, lass' uns reden –obwohl wir nicht überall deiner Meinung sind. Das wäre souverän gewesen. So wenige Tage vor der Europawahl ist es natürlich schwierig, einen Termin mit einer Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU-Parteichefin, Anm. d. Red.) oder einem Manfred Weber (CSU, Spitzenkandidat der Union zur EU-Wahl) zu finden. Aber ich hätte schon versucht, "Rezo" einen Termin – wenn auch nach der Wahl – anzubieten. Das hätte das Mindeste sein müssen.

Die CDU sah sich seit Veröffentlichung des Videos mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht angemessen und zu langsam darauf reagiert zu haben. Teilen Sie die Einschätzung?

Nicht unbedingt. Gerade in Zeiten von sozialen Netzwerken freue ich mich, wenn jemand darüber nachdenkt, was er tut. Natürlich sind die Zyklen in der Kommunikation durch Twitter, Facebook & Co. schneller geworden, als in klassische Plattformen. Aber eigentlich sollte man schon zwei, drei Tage darüber nachdenken können, um schließlich zu einer ausgeruhten und durchdachten Reaktion zu finden. Es gibt zu viele Schnellschüsse. 

Ich glaube aber, dass viele Parteien und Politiker in diesem Land vernachlässigt haben, Dinge zu erklären. Wie eine Demokratie; wie eine Partei funktioniert. Außer in der Schule ist das kein Thema. Viele Menschen wissen nicht, dass Entscheidungen – auch, wie man als Partei in solch einer Situation reagiert – nicht von einer einzigen Person getroffen werden. Komplexe Fragen sind nicht mit "A" und "B" zu beantworten. Zu der Meinungsbildung und der Reaktion einer Partei gehört ein riesiger Apparat. Das dauert. 

Eine ausgeruhte Reaktion hat es in den Augen vieler aber nicht gegeben. Zudem hat die Art und Weise der Kommunikation zu dem Schluss geführt, dass die CDU den Draht zu den jungen Wählerinnen und Wählern verliere. 

Vor diesem Hintergrund mag es viele überraschen, dass die CDU bei der letzten Europawahl sehr, sehr viele junge Erstwähler angezogen hat. Es wird daher spannend zu beobachten, wie sich das nach dem "Rezo"-Video und der bevorstehenden Wahl ändern könnte. Ich glaube schon, dass es eine Verschiebung weg von der CDU geben wird. Allerdings kann das Video auch mobilisierend für CDU-Wähler wirken. Von wegen: In dieser heiklen Situation muss ich die Partei erst Recht mit meiner Stimme unterstützen. Stand jetzt, ist, dass die CDU mit ihrer Nachwuchsorganisation (Junge Union, Anm. d. Red.) bestens aufgestellt ist. Sie ist in der Jugend bestens vernetzt. Eine Gruppe von jüngeren Leute mag die Positionen der Partei zwar nicht teilen, aber es gibt auch genug, die das tun.

Warum darf ein 26-jähriger Youtuber nicht zuspitzen und vereinfachen, wenn es ein 50-jähriger Politiker darf?

In dem Video spitzt der Youtuber "Rezo" zu, er verkürzt und pauschalisiert. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" kommentierte, "Rezo" reihe sich mit seinem Beitrag in eine "neue Form von Propaganda" ein. Ist das der Maßstab, der an das Video angelegt werden muss?

Nein. Menschen, die nun von Populismus und Propaganda sprechen, verstehen nicht was im Netz passiert. Sie sind mit der Plattform nicht vertraut. In nahezu jeder klassischen politischen Rede werden Fakten zugespitzt – so funktioniert der demokratische Diskurs. Nun von Propaganda zu sprechen, nur, weil diese Zuspitzung nicht im Bundestag passiert, ist sehr fragwürdig. Warum darf ein 26-jähriger Youtuber nicht zuspitzen und vereinfachen, wenn es ein 50-jähriger Politiker darf?

Sogar die CDU schreibt in ihrem Faktenblatt zu den provokanten Zuspitzungen und Verknappungen: "Das ist nichts Neues in der politischen Auseinandersetzung – zumal im Wahlkampf." Dennoch wurde das elfseitiges Faktenblatt veröffentlicht, zuvor trat auch der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak mehrmals vor die Presse und versuchte, das Video etwa als Populismus zu brandmarken. Hat die CDU das Thema damit größer gemacht, als es vielleicht ist?

Definitiv. Klassischer Streisand-Effekt: Ein kleines Thema wurde mit einer falschen Reaktion derart aufgeblasen und relevanter gemacht, als es wahrscheinlich für die Gesamtbevölkerung ist.

Wie lautet Ihr Fazit nach dem "Rezo"-Video? Welches Bild gibt die CDU nun ab; hat das Video – und die anschließende Debatte und Berichterstattung – der Partei ernsthaft geschadet?

Es ist schwer, in die Glaskugel zu schauen. Kurzfristig wird das Video und der daraus entstandene Diskurs der Partei nicht schaden. Langfristig schon eher. Die CDU dürfte mit ihrer Reaktion bei der nachwachsenden Generation der politisch Interessierten einiges an Vertrauen verspielt haben. Ich sehe aber auch eine sehr große Chance – nicht nur für die CDU, nun auf diesem Diskurs aufzusetzen und das politische Momentum zu nutzen, um wieder stärker auf junge Bürger zuzugehen und diese stärker und offensiver in die Politikgestaltung und Diskurse einzubinden.

Der YouTuber Rezo
Die Fragen stellte Florian Schillat