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Professor Häberle zur Plagiatsaffäre Guttenbergs Doktorvater distanziert sich


Tagelang hat er sich nicht geäußert, doch nun geht Guttenbergs Doktorvater an die Öffentlichkeit. Der Jura-Professor Peter Häberle lässt kein gutes Haar an der Promotion seines ehemaligen Schützlings. Laut einem Medienbericht konnte Guttenberg nur dank einer Sondergenehmigung promovieren.

In der Plagiatsaffäre um Verteidigungsminister zu Guttenberg hat sich im Grunde jeder schon geäußert - nur einer hielt sich zurück: der Doktorvater. Dabei ist Professor Peter Häberle derjenige, der den Minister bei seiner Promotion betreut hat. Nach tagelangem Schweigen hat er sich nun mit einer persönlichen Erklärung zu Wort gemeldet.

Der 76-Jährige distanziert sich mit deutlichen Worten von seinem ehemaligen Schützling: "Die in der Promotionsschrift von Herrn zu Guttenberg entdeckten, mir unvorstellbaren Mängel sind schwerwiegend und nicht akzeptabel", schreibt er. "Sie widersprechen dem, was ich als gute wissenschaftliche Praxis seit Jahrzehnten vorzuleben und auch gegenüber meinen Doktoranden zu vermitteln bemüht war." Die Aberkennung des Doktortitels sei die notwendige Folge gewesen.

Der mittlerweile emeritierte Bayreuther Professor geht in der Erklärung auch auf seine erste Reaktion in der Affäre ein. Einen Tag, nachdem die Vorwürfe bekannt geworden waren, hatte er der "Bild"-Zeitung gesagt: "Die Arbeit ist kein Plagiat." Vorschnell sei das gewesen, sagt Häberle nun. Er habe zu diesem Zeitpunkt das Ausmaß nicht absehen können.

Ausnahmsweise zur Promotion zugelassen

Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet, benötigte Karl-Theodor zu Guttenberg eine Sondergenehmigung, um überhaupt promovieren zu dürfen. Guttenberg erhielt für sein Examen die Note "befriedigend". Ein "vollbefriedigend" ist normalerweise für eine Promotion Grundvoraussetzung. Der damalige Dekan Karl-Georg Loritz, im Übrigen auch CSU-Mitglied und Vorsitzender der Jungen Union der Schwandorfer CSU, hat die Genehmigung damals erteilt. Kein Einzelfall an der Universität Bayreuth: Wer in Seminararbeiten zwei Mal die Note "gut" erreicht hatte, durfte auch promovieren. Diese Voraussetzung soll Guttenberg laut "Tagesspiegel" erfüllt haben.

Guttenberg will "Gorch Fock" besuchen

Während die Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit weiter hohe Wellen schlägt, plant der Verteidigungsminister seinen Besuch auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock". Die Visite werde "in heimatnahen Gewässern" stattfinden, sagte ein Specher des Ministers am Montag. Die "Gorch Fock" war am Sonntag bei einem Zwischenstopp auf der Rückfahrt nach Kiel im peruanischen Hafen Callao eingetroffen. Für kommende Woche kündigte Guttenberg außerdem nächste Schritte bei der Bundeswehrreform an.

Unterdessen protestierten Zehntausende Doktoranden in einem offenen Brief dagegen, dass die Kanzlerin trotz der Plagiatsaffäre weiter an Guttenberg festhält. Das Schreiben an Angela Merkel (CDU) mit rund 23.000 Unterschriften wurde am Montag im Kanzleramt übergeben. In dem Brief heißt es, die Unterzeichner verfolgten "mit großer Erschütterung und noch größerem Unverständnis" die Debatte um Guttenberg.

"Eine Verhöhnung aller wissenschaftlichen Hilfskräfte"

"Wir haben den Eindruck, dass Sie mit aller Macht versuchen, einen Minister zu halten, der trotz massiver Gegenbeweise immer noch die Behauptung aufrecht erhält, er habe in seiner Doktorarbeit nicht bewusst getäuscht." Dass Merkel zur Entlastung Guttenbergs gesagt hat, sie habe ihn als Verteidigungsminister und nicht als wissenschaftlichen Assistenten eingestellt, sei "eine Verhöhnung aller wissenschaftlichen Hilfskräfte sowie aller Doktorandinnen und Doktoranden".

Der Bayreuther Jura-Professor Oliver Lepsius hält sogar einen Rücktritt des Verteidigungsminister für unerlässlich. "Er kann eine zweite Chance haben. Die muss er sich aber erarbeiten, die fällt ihm nicht in den Schoß", sagte der Professor am Montagabend im ZDF-"heute journal": "Eine zweite Chance kriegt Herr zu Guttenberg nur durch seinen Rücktritt."

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte in Berlin, Merkel habe Verständnis für die Kritik der Wissenschaftler. Sie teile aber nicht die Schlussfolgerung, dass es sich bei ihrem Verhalten um eine Missachtung der Wissenschaft gehandelt habe. Der Verteidigungsminister genieße weiter das Vertrauen und die Unterstützung der Bundeskanzlerin. Bei den Doktoranden sorgte diese Reaktion für Empörung. "Was ist das für ein Arbeitsfeld, in dem man ein Ehrenwort brechen kann und dann so weitermacht, als sei nichts geschehen", sagte der Mitinitiator des Briefes, Tobias Bunde.

"Hier wird mit zweierlei Maß gemessen"

Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel, die im Namen der über 400 deutschen Universitätsrektoren spricht, sagte der "taz - die tageszeitung" (Dienstag): "Wissenschaftliches Fehlverhalten ist kein Kavaliersdelikt und darf nicht als solches behandelt werden."

Der Deutsche Kulturrat kritisiert die Haltung der Bundesregierung. "Hier wird mit zweierlei Maß gemessen", sagte Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann im Südwestrundfunk. "Die Bundesregierung hat für Raubkopierer Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren durchgesetzt - andererseits duldet sie, wenn der Verteidigungsminister bei seiner Doktorarbeit abschreibt." Merkel müsse nun öffentlich sagen, dass niemand geistiges Eigentum stehlen dürfe - auch nicht ihr Verteidigungsminister.

Schavan schämt sich fremd

Unterdessen bröckelt der Rückhalt für Guttenberg in den eigenen Reihen. Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich." Niemand solle auf die Idee kommen, "dass ich den Vorgang für eine Lappalie halte". Die Ministerin forderte aber eine zweite Chance für ihn.

Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Günther Beckstein sagte zu stern.de: "Die Affäre um seine Dissertation schadet der CSU und ihm selbst." Der FDP-Forschungspolitiker Martin Neumann hält den Minister nicht mehr für tragbar, wenn er die Umstände seiner Promotion weiter im Unklaren lässt, sagte er der "Financial Times Deutschland".

zen/ukl/fw/DPA/AFP DPA

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