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Proteste gegen Castortransport Warmlaufen für den Tag X

Es soll die größte Castor-Protestaktion seit Jahrzehnten werden: Bis zu 50.000 Atomkraftgegner wollen sich am Wochenende im Wendland versammeln, um gemeinsam gegen den Atommülltransport zu demonstrieren. Die Vorbereitungen haben bereits begonnen - auch die Polizei rüstet entsprechend auf.

Auf den ersten Blick ist alles wie immer: Am kommenden Wochenende rollt wieder ein Castortransport aus Frankreich zum Zwischenlager Gorleben, und beide Seiten haben sich wie gewohnt generalstabsmäßig vorbereitet. Mehr als 16.000 Polizisten aus fast allen Bundesländern sollen im Einsatz sein, um den Transport zu sichern - die Camps für die Atomkraftgegner im Wendland haben ihre Tore bereits geöffnet, der Parkraum für mehr als 200 Busse mit Unterstützern ist ausgeschildert. Doch angesichts der AKW-Laufzeitverlängerung und der Wiederaufnahme der Erkundungsarbeiten für ein Endlager in Gorleben rechnen Polizei und AKW-Gegner diesmal mit einer nie dagewesenen Beteiligung.

An der Zahl der angemeldeten Busse lässt sich der Unterschied zu den vorangegangenen Transporten festmachen: Eine so hohe Zahl hat es nie auch nur annähernd gegeben. Es könnte eng werden am Samstag bei der Großdemonstration in Dannenberg, und eng werden könnte es auch für die Polizei. 2008 gab es mit 14.500 Menschen die bislang größte Zahl an Kundgebungsteilnehmer. Nun wird mit 30.000 bis 50.000 Teilnehmern gerechnet - das wären so viele wie seit 30 Jahren nicht.

Ihnen werden 16.000 Polizisten aus ganz Deutschland gegenüber stehen, 2000 weniger als vor zwei Jahren. Dabei steht diesmal mehr Arbeit für die Beamten an: 54 Kilometer Schienenstrecke zwischen Lüneburg und der Umladestation Dannenberg müssen frei gehalten werden, damit der Zug mit den Atommüllbehältern passieren kann. Dann sind es noch einmal 19 Kilometer der Straße bis zum Zwischenlager.

Mit Wasserwerfern gegen Störer

Intensiv wie seit vielen Jahren nicht mehr haben die Anti-Atom-Organisationen um Teilnehmer für die Blockadeaktionen geworben. Luise Neumann-Cosel von der Initiative x-tausendmal quer ist vom großen Zulauf bei der geplanten Straßenblockade überzeugt: "Viele Tausende werden mit uns den Schritt zum zivilen Ungehorsam machen."

Der Lüneburger Polizeipräsident und Chef des Castor-Einsatzes, Friedrich Niehörster, betont die Neutralität der Polizei. Die Beamten schätzten die Versammlungsfreiheit ebenso hoch ein wie die Aufgabe, den Transport zu schützen. Aber mit Blick auf Aufrufe, den Schotter aus den Gleisen zu kratzen, um die Strecke unpassierbar zu machen, sagt er auch: "Friedlich und schottern, das passt nicht zusammen." Störer sollen notfalls mit Wasserwerfern auf Distanz gehalten werden. In jedem Castor-Einsatz seien diese Spezialgeräte im Einsatz gewesen, sagte Polizeipräsident Niehörster. Es gehe darum, Demonstranten "so etwas wie einen Eimer Wasser über den Kopf" zu schütten, damit sie bestimmte Plätze räumten.

Verbotszone von 50 Metern

Die Umweltschutzorganisationen werden im Wendland zudem erneut darum wetteifern, wer die pfiffigste Idee hat, um mit Ankett-Aktionen und ähnlichen Aktivitäten den Castor aufzuhalten. Niehörster nimmt es fast schon sportlich: "Ich bin neugierig, welche neuen Techniken die sich einfallen lassen." Besonders im Auge haben die Sicherheitskräfte diesmal eine Gruppe von Protestierern, die Steine aus dem Gleisbett räumen und so die Fahrt des 2500 Tonnen schweren Zuges verzögern will. An der Transportstrecke gilt eine Verbotszone im Umkreis von 50 Metern.

Aber auch den Atomkraftgegnern ist klar, dass es kein Zurück für den Castor geben wird. Deutschland hat sich in verpflichtet, den aufgearbeiteten Müll aus seinen Atomkraftwerken aus Frankreich zurückzunehmen. Für Jochen Stay von der Initiative "ausgestrahlt" zielen die Proteste daher wie für die meisten Aktivisten in Richtung Berlin: Es gehe nicht darum, dass "der Zug umdreht" werde, sondern dass die Bundesregierung einen Rückzug von der Atomenergie einleite.

Aus der Sicht der Polizei ist entscheidend, ob wie in den Jahren zuvor die Zahl der aggressiv-militanten Demonstranten nur eine verschwindende Minderheit bleibt und die große Masse der Demonstranten auf Distanz zu den Gewaltbereiten bleibt. Nur dann sei es möglich, den Castor im Laufe der kommenden Woche ohne eine Eskalation der Gewalt im Zwischenlager abzuliefern.

Eckhard Kruse, evangelischer Pastor im Wendland und Endlagerbeauftragter der Evangelischen Kirche Hannover, ist "unglaublich beeindruckt" von den Vorbereitungen zum Protest. Aber der Wendländer Pastor sagt auch: "Ich bin in großer Sorge, weil beim Zusammenkommen so vieler Menschen auch etwas passieren kann - ich mache mir auch große Sorge um Unfälle."

ukl/AFP/DPA DPA

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