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Dokumentation des Horrors von Halle Opfer müssen sich Tatvideo aus Helmkamera ansehen – viele halten die 35 Minuten nicht aus

Halle-Prozess: Tatvorwürfe, Richterin, Urteil – Wichtiges zum Verfahren
Sehen Sie im Video: Tatvorwürfe, Richterin, Urteil – die Fakten und Hintergründe zum Halle-Prozess.
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Der zweite Tag des Prozesses gegen den Halle-Attentäter Stephan B. verlangt den Zeugen und den Opfer-Angehörigen viel ab. Im Gericht werden die Aufnahmen vorgeführt, die der Täter mit seiner Helmkamera aufgezeichnet hatte. 

Um kurz vor 11 Uhr ist es still im Saal C 24 des Landgerichts Magdeburg. Es herrscht Sprachlosigkeit – unter allen Beteiligten. Rund 35 Minuten lang haben sie – wenn sie es denn ausgehalten haben– auf die Bildschirme im Verhandlungsraum geschaut. Sie haben das Video gesehen, dass Stephan B. bei seinem rechsterroristischen Anschlag am 9. Oktober 2019  in Halle mit seiner Helmkamera aufgezeichnet hatte – und das zum schonungslosen Dokument des grausamen Mordens in der Saalestadt geworden ist. 

Für die vielen Nebenkläger, die an jenem Mittwoch in Todesangst in der Synagoge ausharrten, die Familienangehörige verloren haben, die von Stephan B. mit dem Tod bedroht oder verletzt worden sind, ist die Vorführung des Filmes unerträglich. Sie durchleben an diesem zweiten Prozesstag den Horror von Halle ein zweites Mal, aus der Sicht des Täters. 

Entsetzen bei den Nebenklägern 

Viele halten die Bilder nicht aus. Sie halten sich Ohren oder Augen zu, sie wenden sich von den Bildschirmen ab, sie weinen, das blanke Entsetzen ist ihnen ins Gesicht geschrieben, Ekel. Einige halten es nicht mehr aus, sie verlassen erschüttert den Gerichtssaal.  

Selbst in der Verhandlungspause nach der "Inaugenscheinnahme" des Videos, wie es im Juristendeutsch heißt, sind viele Prozessbeobachter noch nicht dazu in der Lage, ihr Entsetzen über das, was sie gesehen haben, in Worte zu fassen.  

Jan Siebenhüner kann sprechen. Er ist Anwalt des Polizeibeamten Daniel L., der sich in der Ludwig-Wucherer-Straße ein Feuergefecht mit dem Attentäter lieferte und ihn durch einen Schuss am Hals verletzte. Das Video habe seinen Mandanten "sehr belastet und emotional aufgewühlt", sagt der Jurist zum stern. Dies sei aber für ihn ein Teil der Aufarbeitung. Nach dem Anschlag sei sein Mandant inzwischen wieder dienstfähig, musste sich aber zwischenzeitlich in psychologische Behandlung begeben.  

Verhalten von Stephan B. macht fassungslos

Für Stephan B. auf der Anklagebank ist das Zeigen der Aufnahmen nur ein weiterer Anlass, seine Opfer zu verhöhnen. Während aus den Lautsprechern zu hören ist, wie er vor seinen Taten den Holocaust leugnete, nickt er zustimmend. Während die Morde zu sehen sind, grinst er und scheint diebische Freude daran zu haben, sich selbst bei den beispiellosen Verbrechen zu sehen. Sein Verhalten lässt die Opfer ein zweites Mal fassungslos zurück. Der vom Gericht bestellte forensische Psychiater lässt ihn dabei nicht aus den Augen, auch der Kammer um die Vorsitzende Richterin Ursula Mertens sind die Regungen des Angeklagten nicht verborgen geblieben. 

Die Verhandlung soll nun mit der Befragung von Stephan B. fortgesetzt werden – an diesem jetzt schon denkwürdigen zweiten Prozesstag im Saal C 24. 


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