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Frank-Walter Steinmeier Ein Kessel Wahres, der nicht mitreißt: Wem hilft diese Rede des Bundespräsidenten?

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei einer Veranstaltung
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier will mit seiner Rede, die unter dem Motto "Alles stärken, was uns verbindet" steht, die deutsche Gesellschaft zum Zusammenhalt angesichts der Probleme infolge des Ukraine-Kriegs aufrufen
© Michael Kappeler / DPA
Der Bundespräsident hat sich mächtig ins Zeug gelegt. Es sollte eine große, erklärende, aufrüttelnde, wegweisende und gefühlsstarke Rede werden. Und vermutlich war genau das das Problem, kommentiert Nikolaus Blome, Leiter des Politikressorts bei RTL und n-tv.
Von Nikolaus Blome

Alles drin, alles angesprochen, alles ehrlich eingeordnet: Aber was war es unterm Strich? Eine Mutmach-Rede, wir schaffen das? Eine Rede zum Aufrütteln, also für den Ruck, der jetzt durch das Land gehen möge? Nein, weder das eine noch das andere wirklich, und das war die Schwäche der so groß angekündigten Rede des Bundespräsidenten: Es fehlte der kraftvolle Kern, der mitreißt. Es fehlte nicht die Ehrlichkeit, wohl aber die Klarheit und das Konkrete, was denn nun das Wichtigste ist für die nächsten Jahre in Deutschland und was den verunsicherten Leuten Mut und Ziel geben soll.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht bei einer Veranstaltung mit der Deutschen Nationalstiftung.

Sehen Sie im Video: Bundespräsident Steinmeier – "Es kommen härtere, raue Jahre auf uns zu".

Eine neue Wehrhaftigkeit in allen Bereichen? Ein neuer Zusammenhalt zwischen den Gruppen und Generationen und Ost- und Westdeutschland? Oder doch der Kampf gegen den Klimawandel, ohne den "alles nichts" sei, wie der Bundespräsident sagte? 

Ehrlichkeit von Beschränkung und Verzicht das Stärkste am Auftritt des Bundespräsidenten

Was also nimmt ein ganz normaler Mensch mit, der sorgenvoll in die Zukunft blickt und nicht absehen kann, was sich gerade alles ändert: Dass es so ernst wird wie lange nicht, die Sache zugleich keineswegs hoffnungslos ist und jeder seinen Teil beizutragen hat. Kaum eine dieser Passagen wird Widerspruch erregen, auch der Hinweis auf die "Reichen", die mehr beitragen sollte, blieb dafür zu kurz und zu leise.

Es ist ein Kessel Wahres, den Frank-Walter Steinmeier in bester Absicht da hingestellt hat. Reicht das, damit die Leute sagen: Jetzt sehe ich klarer. Jetzt schöpfe ich neuen Mut. Oder auch nur: Jetzt verstehe ich, warum die Regierung so kostspielig gegen Russland Front macht. 

Die stärksten Momente hatte Frank Walter Steinmeier, als er Russlands Angriff in drastischer Schärfe verurteilte und als das einordnete, was er ist: das "Böse" und das Ende vieler deutscher Gewissheiten und Bequemlichkeiten. Diesen Befund kann man gar nicht oft genug wiederholen, denn so richtig herumgesprochen hat es sich noch nicht: Der große Umbruch ist nach dem kommenden Winter nicht vorbei. Das alte Leben von vor dem Krieg gibt es für lange Zeit nicht zurück. Das kann der Staat auch mit noch so viel Schulden nicht leisten, und darum sollten die Menschen auch nicht jedes Mal neu danach verlangen. Diese Ehrlichkeit von Beschränkung und Verzicht war das Stärkste am Auftritt des Bundespräsidenten

+++ Das Manuskript der Rede Frank-Walter Steinmeiers lesen Sie hier +++
rw

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