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Rüstungsindustrie: Keine Krise, nirgends

Tja, der gute alte Ost-West-Konflikt ist weg - dafür gibt es tausend neue Konflikte. Und die haben der Rüstungsindustrie aus der "Sinnkrise" geholfen, sagt Rheinmetall-Chef Klaus Eberhardt. Ein Ortstermin.

Von Dorit Kowitz

Das ist aber schön, dass ein deutscher Nato-General sich nach der guten, kalten Zeit sehnt. Egon Ramms sagt also, "wie gerne erinnern wir uns, ich betone: gerne, an die Zeit, als es noch zwei Blöcke gab und zwei Blockmächte". Damals, bis vor 20 Jahren, hat man den Gegner beobachten, einschätzen, vor allem: berechnen können. Aber seit dem Ende der Ost-West-Konfrontation? Alles anders, alles neu, alles unberechenbar. In Sachen Krieg.

Krieg heißt auf diesem Symposium in Deutschland, in West-Berlin, in einem feinen Hotel an der Budapester Straße natürlich nicht Krieg. Sie machen es wie in der Politik und reden über "die Zukunft bewaffneter Konflikte und Konsequenzen für Militär und Industrie". Das "Handelsblatt" hat Militärs und Waffenhersteller zur Konferenz geladen. Generäle und Admiräle und Vorstandsvorsitzende sitzen zu Rate über das Kämpfen im dritten Jahrtausend. Wer gegen wen und warum und wie. Und, vor allem: Womit lässt sich wohl am besten ein Konflikt lösen? Mit dem guten alten Panzer? Mit neuester Artillerie? Aus der Luft? Mit Minen, unter Wasser? Mit Elektronik, Spionagetechnik, via Satellit? Mit nichttödlichen Waffen? Sie sagen lieber: nicht-lethal. "Tödlich" ist so deutsch, so deutlich.

Die Veranstaltung dauert zwei Tage. Eine Stunde davon sitzen auf dem Podium: Der General Egon Ramms, Jahrgang 1948, Commander Joint Force im niederländischen Nato-Quartier Brunssum (seine Biografie weist keinen Auslandseinsatz auf, kein Kosovo, kein Afghanistan, bloß Brunssum). Der Experte Volker Perthes, Stiftung Wissenschaft und Politik; Perthes weiß schier über alles, was in der Welt eskalieren kann, Bescheid und ist darum oft im Fernsehen zu sehen. Und es sitzt da Klaus Eberhardt, Vorstandsvorsitzender der Rhein-Metall, einer der größten Waffenhersteller Deutschlands.

Rüstungsindustrie "aus der Sinnkrise"

Perthes sagt, die Konflikte seien deutlich weniger geworden seit dem Ende des Kalten Krieges. Dafür aber sei nun alles möglich, immer neue asymmetrische Konflikte, wie: Taliban gegen Staat. Oder Land gegen Land, wie Georgien gegen Russland. Rebellen gegen Regierende, wie in Afrika. Kämpfe in Europa wie um die Arktis oder die Seewege im Golf von Aden. Flexibel und schnell müssten die Staaten und ihre Bündnisse reagieren. Schwierig sei das, weil viele Länder in der Wirtschaftskrise keine Kapazitäten mehr haben (wollen), um fremde Länder zu befrieden, zu beschützen, aufzubauen.

Und nun sagt Herr Eberhardt von Rhein-Metall das: "Diese neuen Konflikte haben der Rüstungsindustrie aus einer Sinnkrise geholfen." Aus der Stagnation einer versorgenden Industrie, gezwungen zum Arbeitsplatzabbau, erläutert er seine Freude, sei eine "technologiegetriebene Rüstungsindustrie" geworden. Das sei eine "tolle Herausforderung", ja, noch mal: "eine neue Challenge".

Die deutsche Rüstungsindustrie profitiert

Ist nicht auch das schön, dass die asymmetrischen Konflikte der Welt, die verworrene geopolitische Lage ihr Gutes haben? Sie therapieren die deutsche Rüstungsindustrie und lassen sie prosperieren. Keine Krise, nirgends, jedenfalls nicht in der Branche. Hier sind gute Nachrichten! Warum hört man so wenig davon?

Weil man unter sich ist. Die Presse darf natürlich hinein. Aber wenn sie etwas fragt, zum Beispiel einen wichtigen Mann von Rhein-Metall, beim köstlichen Mittagessen, gesponsert von Rhode & Schwarz (Messtechnik, Funküberwachung), wenn sie also fragt, ob bei dieser Fachtagung nicht auch über neue Aufträge für die Rüstungsindustrie gesprochen wird, dann grinst er nur schief und sagt: "Sie können sich denken, was ich darauf jetzt antworten werde." Dann dreht er sich weg, fast möchte man sagen: uncharmant, und wendet sich zu seinem Nachbarn. Einem hochrangigen Kapitän zur See. Man muss Prioritäten setzen.

Dorit Kowitz ist Redakteurin im Berliner stern-Büro