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Sachliteratur: Bücher zur deutschen Einheit

In der zeitgenössischen Sachliteratur ist ein neues Interesse am Einigungsprozess spürbar. In Reportagen, Essays und nüchternen Betrachtungen legen die Autoren die Finger auf offene Wunden - und machen Heilungsvorschläge.

Fünfzehn ist kein Alter und der dazugehörige Geburtstag für kaum jemand ein unwiderstehlich aufregendes Datum. Zum 15. Jahrestag der deutschen Einheit am 3. Oktober melden sich trotzdem Ex-Politiker, frühere DDR-Bürgerrechtler und Journalisten in Buchform mit Zwischenbilanzen und Ausblicken zum Stand des Einigungsprozesses zu Wort. "Am Ziel vorbei" als Buchtitel einer Aufsatzsammlung und die Gesamtnote "insgesamt unbefriedigend" aus der Feder des wie immer strengen Ex-Kanzlers Helmut Schmidt geben dabei den Trend an.

Aber eben auch nur den Trend. In der von Rainer Eppelmann und Markus Meckel zusammen mit Robert Grünbaum herausgegebenen Reportagensammlung "Das ganze Deutschland" schreibt Hermann Rudolph ("Tagesspiegel") über das vorherrschend negative Urteil nach 15 Jahren Einheit: "Dabei geht fast unter (...), dass die Einheit binnen kürzester Zeit wieder zur Form des kollektiven Lebens der Deutschen geworden ist." Man möge doch bitte nach diesem "Lebensabschnitt von allenfalls einer halben Generation" von Fehlern und Erfolgen gleichermaßen lernen. Wie beide Teile seit dem Wendejahr 1989 ausgesehen haben, schildern namhafte Journalisten aus Ost und West von Axel Hacke über Dirk Kurbjuweit bis Alexander Osang in 46 (wieder gedruckten) Reportagen.

Mehr Ehrlichkeit

Trotz des leicht reißerischen Titels "Am Ziel vorbei" wollte das Herausgeber-Duo Hannes Bahrmann und Christoph Links mit Hilfe von Fachleuten eine vor allem "sachliche Zwischenbilanz" zusammenstellen. Sie fragen etwa, wie sich denn eigentlich die Kreditvergabepraxis westdeutscher Banken auf die Entwicklung ostdeutscher Unternehmen auswirkt, wie sich die Medienlandschaft verändert hat. Klaus von Dohnanyi plädiert neben mehr Ehrlichkeit gegenüber den Ostdeutschen hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Perspektiven für die Konzentration der Osthilfe auf regionale Industrieschwerpunkte.

Traurig liest sich, was der Herausgeber und Buchverleger Christoph Links über die Entwicklung seines Fachs im einstigen "Leseland DDR" schreibt: "Es ist weitgehend in ein reines Absatzgebiet verwandelt worden, dem inzwischen die Kaufkraft abhanden gekommen ist." Die großen westdeutschen Verlage machten hier mit 20 Prozent der deutschen Bevölkerung nur noch fünf Prozent ihres Umsatzes.

Grüner Trabi und roter Käfer

Zum Atemholen zwischen all den betrüblichen Zwischenbilanzen und mahnenden Ausblicken bestens geeignet ist Claus Christian Malzahns locker geschriebenes "Deutschland, Deutschland - Kurze Geschichte einer geteilten Nation". Ein grüner Trabi und ein roter Käfer auf dem Umschlag, völlig gleichberechtigt und irgendwie sympathisch wirkend, signalisieren unabweisbar den gesamtdeutschen Anspruch dieses Buches. Der frühere "Taz"-Reporter schreibt auch über eigene Erlebnisse bis zur Vereinigung, über deren kurven- und fehlerreiche Weiterverarbeitung er meint: "Leider gab es damals keine Bedienungsanleitung für die Wiederherstellung einer geteilten Nation. Mir kommt diese gesamtdeutsche Jammerei über die Probleme der Einheit oft unglaublich kleinlich vor.

So locker-flockig kann es natürlich nicht abgehen, wenn Ex- Bundeskanzler Helmut Schmidt als Buchautor "Auf dem Weg zur Deutschen Einheit" ist. Neben wieder abgedruckten Beiträgen aus der Wochenzeitung "Die Zeit" und Reden sowie einem Interview zum jeweiligen Vereinigungsstand zwischen 1989 und 2004 wirft der heute 87-Jährige einen Blick nach vorn - unter der nicht für ihn untypischen Überschrift "Es ist noch nicht zu spät". Schmidts Ratschläge an die Regierenden: Radikale Entbürokratisierung für die neuen Bundesländer auch gegen im Westen weiter geltendes Recht, Halbierung der Mehrwertsteuer dort und schließlich Konzentration von Fördermaßnahmen auf "Wachstumskerne". Schmidt nennt die wirtschaftliche Rückentwicklung Besorgnis erregend, warnt aber auch vor übertriebenem Jammern.

Absiedlung Ost

Aus völlig anderer Sicht zu ähnlichen Empfehlungen wie Schmidt und Dohnanyi kommt der 1966 in Leipzig geborene Jens Bisky in "Die deutsche Frage - Warum die Einheit unser Land gefährdet". Neben massiven Bildungsanstrengungen im Osten ruft auch Bisky nach einem Ende der breiten, schlecht kontrollierten Gießkannen-Transfers aus dem Westen. Zu den zu lange gehegten und gepflegten Illusionen zählt er die von einer flächendeckend positiven Entwicklung im Osten. Bisky prophezeit "menschenleere Gegenden" in der früheren DDR und verlangt realistische politische Strategien zum Umgang mit der "Absiedlung". Und auch Jens Bisky bittet nach 15 Jahren heftigstem innerdeutschen Umbau vor allem um eins in größerem Umfang als bisher: "innerdeutsche Gelassenheit".

Thomas Borchert/DPA / DPA