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Schavan verliert Doktortitel Hut ab!

Die Universität Düsseldorf entzieht Bildungsministerin Annette Schavan den Doktortitel. Schavan kann dagegen klagen - Ministerin bleiben kann sie nicht.
Ein Kommentar von Christian Bartlau

Annette Schavan würde sich sicher gerade wünschen, weit weg zu sein - wenn sie nicht ohnehin schon weit weg wäre. Die Bildungsministerin besucht Südafrika, sie trifft dort Forscher und ihren Ministerkollegen. Es könnte ihre letzte Reise als Ministerin gewesen sein.

Rund 9000 Kilometer entfernt entschied in Düsseldorf der Rat der Philosophischen Fakultät, Schavan den Doktortitel zu entziehen. Die CDU-Politikerin wird, wie sie schon im Vorfeld angekündigt hatte, gegen diese Entscheidung klagen. Tut sie das, ist der Entzug des Titels vorerst nicht rechtskräftig. Eine Klage ist Schavans gutes Recht. Trotzdem sollte sie zurücktreten.

Schavan ohne Autorität

Der Bildungsministerin, die stets die wissenschaftliche Redlichkeit hochgehalten hatte, wurde von einem wissenschaftlichen Gremium bescheinigt, in ihrer Doktorarbeit "systematisch" gedankliche Leistungen von Fremdautoren als die eigenen ausgegeben zu haben. Das ist Täuschung; ihre Integrität ist zerstört. Als Ministerin ohne Titel, die, weil sie direkt promoviert hat, nun sogar gänzlich ohne Hochschulabschluss dasteht, genießt sie nicht mehr genügend Autorität in Wissenschaft und Forschung. Zwar unterstützten zuletzt namhafte Professoren Schavan - doch wirkte es stets so, als habe sie dafür ihre Netzwerke aktiviert.

Einige Wissenschaftler reagierten äußerst gereizt auf ihre Verteidigungsstrategie. "Ungehörig und unanständig" sei es, zu behaupten, in den Siebzigerjahren hätten laxere Regeln für das wissenschaftliche Arbeiten gegolten, sagte Professor Michael Winkler dem "Tagesspiegel".

Merkel wird abwägen

Beliebtheitspunkte gewann die spröde Ministerin in der Öffentlichkeit auch nicht. Selbst unter Beschuss behielt sie den Gestus einer Oberlehrerin. Sie räumte ein, Fehler gemacht zu haben, nur um nachzusetzen: "Flüchtigkeitsfehler sind mir nicht peinlich". Keine Spur von Demut.

Schavan wird nun abklopfen, ob die Unterstützung aus der CDU jetzt noch anhält. Ihre wichtigste Stütze sitzt im Kanzleramt. Angela Merkel möchte sicher nur ungern auf ihre enge Vertraute verzichten. Doch sie wird abwägen, was den Bundestagswahlkampf eher belasten wird: der Rücktritt einer Ministerin sieben Monate vor der Wahl oder eine Ministerin unter Dauerbeschuss, die mitten im Wahlkampf vor das Verwaltungsgericht zieht, um ihren Doktortitel zurückzuerlangen.

Es ist kaum vorstellbar, dass Angela Merkel die schlingernde Ministerin stützt. Wahrscheinlicher ist, dass Schavan zu der Einsicht kommt, dass sie als Ministerin für Bildung und Forschung schlicht nicht mehr tragbar ist. Und dass sie um ihren Doktorhut kämpft - aber als Ministerin ihren Hut nimmt.

Ein letzter Dienst

Vielleicht hat Schavan der Wissenschaft noch einen Dienst erwiesen. Vor ein paar Tagen sagte sie: "So schmerzlich diese Geschichte für mich ist: Wenn daraus ein gemeinsames Verständnis und ein Kodex zum wissenschaftlichen Umgang entstünde, wäre das ein gutes Ergebnis." Es ist bestimmt nicht das Vermächtnis, dass ihr vorschwebte. Aber es ist eins.

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