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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Die Bundeswehr ist den Deutschen egal

Die schlechte Ausrüstung der Bundeswehr ist ein Skandal - aber das bekümmert die Deutschen nicht. Das Sterben für ihre Sicherheit überlassen sie lieber anderen.

Von Tilman Gerwien

Demonstration in Mainz wegen einer Rekruten-Vereidigung der Bundeswehr

Demonstration in Mainz wegen einer Rekruten-Vereidigung der Bundeswehr

Als vor ein paar Jahren die Wehrpflicht abgeschafft und die Bundeswehr zur Berufsarmee umgebaut wurde, ging das erstaunlich geräuschlos über die Bühne. Es war ein großer Schritt, aber keine Großdebatte tobte durch das Land und kein Politiker musste deswegen um seine Wiederwahl fürchten. Das war nicht weiter verwunderlich, gehörte es doch in all den Jahren zuvor schon zum guten Ton, den Dienst an der Waffe zu verweigern - wahlweise unter Berufung auf das ach so schlechte Gewissen, oder besser noch: auf ein kaputtes Knie.

Die Umwandlung zur Berufsarmee kam da gerade recht. So konnte man sich das Thema, wer denn für unsere Sicherheit zuständig und notfalls sogar dafür zu sterben bereit sei, für alle Zukunft vom Leibe halten. Wer freiwillig zum "Bund" geht, braucht ja kein Mitgefühl. Alles sauber outgesourct; man will sich ja auch nicht jeden Tag darüber Gedanken machen, wer den eigenen Hausmüll wegbringt, oder?

Ausrüstung schlecht. Na und?

Jetzt kommen eklatante Ausrüstungsmängel der Bundeswehr ans Tageslicht, aber dass das Land deshalb in Aufruhr wäre, wird man kaum sagen können. Jeder zweite Marinehubschrauber nicht flugtauglich? Ah ja. Von 180 "Boxer"-Transportpanzern nur 70 einsatzfähig? Zur Kenntnis genommen. Die deutschen Ausbilder für die kurdischen Kämpfer gegen den "Islamischen Staat" kommen mit Verspätung, weil das Fluggerät unserer Armee versagt? Kollektives Achselzucken.

Die Wahrheit ist: Die Bundeswehr ist den Deutschen herzlich egal. Wer für ihre Sicherheit sorgt in einer Welt, in der sich neben dem "Islamischen Staat" noch ein paar andere Kopf-Abhacker, Frauen-Vergewaltiger und Weihnachtsmärkte-in-die-Luft-Sprenger tummeln, scheint sie nicht zu jucken. Sind sie doch seit Jahrzehnten der Meinung, dass sie, nachdem sie zweimal die halbe Welt mit Kriegen überzogen haben, das Sterben künftig und für alle Zeiten lieber den anderen - vorzugsweise Amerikanern - überlassen sollten.

Die Ausrüstung ist ein Witz

Aus dem "deutschen Michel" von einst ist längst ein Ohne-Michel geworden. In Umfragen ist der Ohne-Michel zu erstaunlichen dialektischen Kunstübungen in der Lage. Befragt, ob irgendwo, wo wieder einmal ein Volk abgeschlachtet wird, militärisch einzugreifen sei, antwortet er mit Mehrheit "Ja". Auf Nachfrage, ob sich auch deutsche Truppen daran beteiligen sollten, antwortet er ganz locker mit "Nein".

Europas größte Wirtschaftsmacht leistet sich eine Armee, deren Ausrüstung ein Witz ist. Das ist seit Jahren bekannt und man hätte es ändern können - mit mehr Geld und mehr Know-how bei der Beschaffung. Aber immer war anderes gerade wichtiger. Die Reform des Länderfinanzausgleichs. Die Einführung des Elterngeldes. Debatten über "Sexismus". Die nächsten Landtagswahlen. Alle schauen jetzt zu, wie sich die Verteidigungsministerin mit den skandalös-peinlichen Zuständen abmüht. Eine große Debatte über unsere Armee, ihre Aufgaben, ihre Ausrüstung, ihre Unterstützung durch uns alle? Findet nicht statt.

Die Ausrede mit dem Holocaust

Am apartesten ist dabei die Ausrede von der "deutschen Schuld". Das Argument geht ungefähr so: Weil wir Deutschen mit dem Völkermord an den Juden ein monströses Menschheitsverbrechen verübt haben, können wir leider leider nicht dabei sein, wenn es darum geht, aktuelle Menschheitsverbrechen abzuwenden. Unsere Schuld dient als Entschuldigung für neues schuldhaftes Verhalten - diesmal in Form des Unterlassens. Der Holocaust als ewiges Privileg ausgerechnet für das Tätervolk. Mea culpa, mea maxima culpa – ein Attest für das Nicht-Erscheinen auf der Bühne der Weltkonflikte. Kompliment, auf die Idee muss man erst mal kommen!

In der Regel macht es der deutsche Vulgärpazifismus aber gar nicht so kompliziert. An dessen Spitze marschiert regelmäßig die Linkspartei, und am allerliebsten der unnachahmliche Gregor Gysi. Erst war er, in einem blitzartigen Moment der Erkenntnis, sogar für Waffenlieferungen an die Kurden, die gegen den "Islamischen Staat" kämpfen. Aber jetzt ist er wieder ganz auf Parteilinie. Er verfüge über neue Informationen, sagte Gysi: Die Kurden bräuchten gar keine Waffen. Ach so.

Dabei hat es kaum eine linke Befreiungsbewegung in der Weltgeschichte gegeben, die nur mit Wattebällchen geworfen hat. Und was die deutsche Schuld betrifft: Auschwitz wurde nicht durch einen pazifistischen Sitzstreik befreit. Sondern mit Waffengewalt. Durch die mutige Rote Armee. Dank Euch, Ihr Sowjetsoldaten! Den Spruch müsste Gregor Gysi eigentlich noch gut kennen.

Tilman Gerwien, Autor im Berliner stern-Büro, ist einer der Wenigen in der Redaktion, die gedient haben. Er erinnert sich mit Schaudern an Schießübungen mit nicht ganz funktionstüchtigen Gewehren.

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