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Schnauze Wessi!: Integrationskurs für Neu-Neu-Bundesländler

Sie wissen nicht, warum sich in der ehemals volkseigenen Kantine keiner neben Sie setzt? Lassen Sie sich helfen!

Von Holger Witzel

Wer in Leipzig einen Integrationskurs besuchen will, so belehrt mich der zuständige Referatsleiter Stojan G., muss erst seine Berechtigung dafür nachweisen. "Da Sie aber als gebürtiger Leipziger und Journalist sicher über 'ausreichende deutsche Sprachkenntnisse verfügen' - so der Terminus technicus, sehe ich für Sie persönlich schlechte Chancen." Es war ein Missverständnis, trotz beidseitig "ausreichender Sprachkenntnisse", denn eigentlich dachte ich bei der Frage nach dem nächsten Lehrgang eher an meinen zweitbesten Freund Ludger aus dem Münsterland.

Ich wusste außerdem nicht, dass es in diesen Kursen nur um Grammatik und Vokabeln, jedoch offenbar überhaupt nicht um Landeskunde oder die Bedürfnisse innerdeutscher Migranten geht. Dabei leiden auch diese Menschen oft unter Isolation und entsprechenden Verhaltesauffälligkeiten. Also bitte - wenn man nicht alles selber macht! - und wegen der großen Nachfrage in den westdeutschen Parallelgesellschaften ostdeutscher Städte und Gemeinden - heute ein Schnellkurs für unsere neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger (Aufbau-Tages-Seminare schon ab Euro 4.999,- p.W.):

Lektion 1. Überlegen Sie sich den Umzug in den Osten noch einmal ganz genau!

Wartet man dort wirklich auf Sie - oder locken doch nur Karriere, angeblich geringere Lebenshaltungskosten, Abenteuerlust, Geltungssucht oder andere bizarre Neigungen wie etwa ein politisches Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom? Bei nur einem "Ja" bleiben Sie zu Hause!

Lektion 2. Wenn es trotzdem sein muss, pendeln Sie lieber!

Übernachten Sie "unter der Woche" in einem garantiert westdeutsch geführten Hotel und fahren Sie mit Ihren verbeamteten Landsleuten Donnerstagmittag wieder heim. Verlängerte Wochenendbeziehungen schonen auf beiden Seiten Neugier und Nerven. Sollte Ihr Budget die Pendelei nicht hergeben oder der Drang unstillbar werden, "richtig" hier leben zu wollen - suchen Sie sich eine überteuerte Wohnung in bevorzugter Lage. Dort treffen Sie genug Nachbarn, die wertvolle Tipps geben, wo man sonst noch am Besten unter sich bleibt. Vergessen Sie auch bei den kleinsten Widrigkeiten nie: Es gibt immer ein Zurück!

Lektion 3. Nähern Sie sich Eingeborenen rücksichtsvoll!

- nicht wie von zu Hause gewohnt mit lautem Ego-Gepolter. Sprechen Sie niemanden gleich im ersten Satz auf seine Stasivergangenheit oder Ihre persönlichen Opfer beim Aufbau Ost an. Vermeiden Sie überschwängliches Lob für Anpassungsleistungen und frisch sanierte Fassaden, denn damit haben meistens nur Ihre eigenen Landsleute das Steuergeld abgeschrieben, von dem Sie glauben, es sei im Osten versickert. Immer Lektion 11 (die Bonus-Aufgabe) beachten!

Lektion 4. Verwechseln Sie grüßende Nachbarn nicht mit Freunden!

Selbst eine Einladung zum Grillen in den Schrebergarten mitleidiger Kollegen heißt noch gar nichts. Freundschaft braucht hier etwas mehr Anlauf als einen Facebook-Klick oder die Vorspeise mit sogenannten Geschäftsfreunden. Wahrscheinlich wird es für Sie persönlich gar kein Thema sein, über das Sie sich hier den Kopf zerbrechen müssen.

Lektion 5. Biedern Sie sich trotzdem nie an!

Kaum etwas macht ehemalige DDR-Bürger misstrauischer als Heuchelei, übertriebenes Interesse für angebliche Folklore-Rituale wie etwa Gruppensexorgien im Plattenbau-Partykeller oder unangemessene Fragen nach der Höhe ihrer Hartz-IV-Aufstockung, erst recht dann, wenn sie in tariffreien Zone womöglich für Ihre Firma arbeiten. Um Einheimischen auf Augenhöhe zu begegnen, beugen Sie sich auf keinen Fall herab - nicht mal in Gedanken. Es reicht völlig, wenn Sie sich überall so benehmen wie ein deutscher Außenminister bei seinem Antrittsbesuch in Yad Vashem.

Lektion 6. Versuchen Sie es gar nicht erst mit Umerziehung!

Falls Sie sich in eine sogenannte, meist von westdeutschen Neonazis (oder deren in der Regel ebenfalls zugereisten Widersachern in den zahlreichen Demokratie-Beratungsstellen) ausgerufene, "national befreite Zone" verirren, belehren Sie die einheimischen Pappnasen nicht darüber, was Sie für Toleranz halten. Es könnte sein, dass man Sie allein aufgrund ihres Dialektes für den neuen Anführer hält. Bitte auch nicht streicheln, füttern oder um Gnade winseln. Verschaffen Sie sich Respekt und nennen Sie den Neonazi-Anführer eine feige Schwuchtel - zu 94 Prozent werden Sie Recht behalten! (Achtung: Statistische Schwankungen möglich; keine Garantie)

Lektion7. Kaufen Sie keine einheimischen Produkte!

Jede Kaufhalle (Fragen Sie bitte nicht mehr, was das ist!) bietet auch genug Auswahl an Marken, die Ihnen geläufig sind und Ihre abgestumpften Geschmacksnerven nicht verunsichern. Wenn Sie einmal Nudossi auf dem Brötchen hatten, sind Sie für die Zuckerpanscher der Konkurrenz für immer verloren. Bleiben Sie am Besten auch gleich bei den aufgeblasenen Brötchen der Besatzer-Back-Ketten. So geht Ihnen bei längeren Aufenthalten die eigene heiße Luft nicht aus. Lassen Sie sich notfalls Westpakete schicken.

Lektion 8. Erschrecken Sie nicht über Herzlichkeiten!

Wenn Ihnen eine viel zu junge, für Ihre Verhältnisse viel zu hübsche und ungewohnt selbstbewusste Frau schöne Augen macht, liegt das nicht an Ihnen, Ihrer Ausstrahlung oder gar Ihrer Mundart, sondern höchstens an Ihrer protzigen Uhr. Halten Sie Bargeld für den brutalen Freund des Mädchens bereit, der spätestens am nächsten Morgen eine Entschädigung für seine unbefriedigte Ost-Schnitte verlangen wird. Zur Vertiefung: Hemmungslose Orgien im Plattenbau-Partykellern gibt es nicht mehr.

Lektion 9. Verzweifeln Sie nicht bei Verständigungsfragen!

Im Zweifel lauschen Sie genau auf den Tonfall der fremden Laute und achten Sie stets auf den Gesichtsausdruck des Eingeborenen. Ist er grimmig oder bewaffnet, lamentieren Sie nicht lange herum. Seien Sie bei Verabredungen immer eine Stunde früher da, dann kommen sie auch nicht zu spät, wenn Sie sich Viertel nach Eins notiert haben. Verstehen Sie auch nach mehrfach höflichen Nachfragen immer noch: Scherdsch Heeme, Du Vohchl! - beginnen Sie am besten noch einmal mit Lektion 1.

Lektion 10. Bleiben Sie nicht länger als nötig!

Wenn Sie selbst oder Ihre Firma genug eingesackt haben, das gesellschaftliche Leben zu Hause oder unter ihresgleichen im Exil keine weitere Anerkennung verspricht - zögern Sie auch im Sinne Ihrer Kinder nicht, das Experiment zu beenden. Das neue Staatsbürgerschaftsrecht, nach der sich Einwanderer mit Volljährigkeit für eine Staatsbürgerschaft entscheiden können - die fremde oder die ihrer Eltern, gilt hier nicht. Und wenn Sie wieder zu Hause sind: Seien Sie ehrlich, prahlen Sie nicht mit Überlebenstipps für den Dschungel, sondern warnen Sie Ihre Landsleute vor ähnlichen Fehlentscheidungen.

Herzlichen Glückwunsch! Bonus und Gewinn!

Wenn Sie jetzt noch die Bonusaufgabe lösen, nehmen Sie an der Verlosung von je 3 mal 2 Prozent Rabatt für unser Aufbau-Seminar teil: Gehen Sie dazu auf ШНАУЦЕ ВЕССИ!. Transkribieren Sie die Worte aus der Überschrift und schreiben Sie es zehn Mal (ohne copy & paste!) an die Pinwand. Viel Glück!