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Schulstreik fürs Klima: Wie eine neue Generation ihr Thema entdeckt

Die Behörden sind entsetzt: An diesem Freitag streiken wieder Schüler fürs Klima. In Hamburg ist dazu extra die schwedische Aktivistin (und Schülerin) Greta Thunberg angereist. 

Es ist zehn nach acht, und über den Hamburger Gänsemarkt weht ein schneidender Wind. Ganz vereinzelt frieren Grüppchen von Schülern und halten Papptafeln mit Klimaschutz-Parolen in die Höhe. Umringt werden sie von mehr als einem Dutzend Kamerateams, dazu Fotografen, Radioreporter und besorgte Eltern. Man könnte meinen: Die groß angekündigte Klimaschutz-Demo mit dem schwedischen Stargast Greta Thunberg ist ein reines Medienereignis. Eine Kopfgeburt von Klimaschützern.

Doch zehn Minuten später ist klar: Deutschlands Schüler sind pünktlich – auch bei einer Demo: Wie auf das imaginäre Klingeln einer Schulglocke strömen sie um fünf Minuten vor halb Neun, dem offiziellen Beginn, aus den umliegenden Straßen und U-Bahn-Schächten. In Minuten füllt sich der Platz mit tausenden Schülern. Viele gucken sich überrascht um: So viele sind wir? Manche sind erst neun oder zehn und entsprechend aufgeregt. Es ist ihre erste Demonstration. Und dann noch während der Schulzeit.

Doch keiner macht den üblichen Schüler-Quatsch, kickt mit irgendetwas herum, spielt fangen oder starrt bloß ins Handy. Die Stimmung ist ernst, fast erwachsen: Pflichtbewusst halten sie Ihre selbstgemalten Schilder hoch: "Die Dinos dachten auch, sie hätten noch Zeit" steht da. Oder: "Wieso lernen für eine Welt, die es bald gar nicht mehr gibt".

Schüler selbst von ihrer Demo überrascht

Die Hamburger Schulbehörde ist gegen diesen Streik, beklagt das Fernbleiben vom Unterricht, den Schulausfall. Stunden des Lernens, so offenbar die Befürchtung, gingen den Kindern verloren.

Doch wer die Schüler beobachtet, erlebt etwas anderes: Als immer mehr Schüler auf den Gänsemarkt drängen – es ist jetzt 8.35 Uhr –schwappt die Menge plötzlich auf die angrenzende Hauptstraße. Die Polizei, erfahren mit Demonstrationen an diesem Ort, sperrt sie sofort. Die Schüler gucken sich erstaunt an, überrascht von ihrer Macht: Plötzlich haben sie die Autos verdrängt. Und die Polizei schützt sie auch noch, verscheucht sie nicht. Beamte lächeln Schüler an.

Man kann geradezu dabei zugucken, wie eine Generation ihr Thema entdeckt, sich von ihren Auto fahrenden Eltern emanzipiert, lernt, eine Meinung deutlich zu vertreten, sich damit den öffentlichen Raum zu erobern. Der Klimaschutz – das ist bei all den Jung-Demonstranten zu spüren – ist ein Thema, das sie wirklich bewegt. Eines, das die Kraft hat, zu mobilisieren. Niemand an diesem kalten Morgen wirkt so, als schwänze er gerade die Schule.

Die Schulen sollten stolz sein

Vermutlich lernen die Teilnehmer der Schülerdemonstration in diesen Momenten mehr, als sie in sechs normalen Schulstunden im geheizten Klassenraum hätten lernen können. Über freie Meinungsäußerung, über politisches Engagement, natürlich den Klimawandel, aber auch über die Rolle der Polizei oder der Medien. Viele geben hier ihre ersten Interviews.

Die Schüler, die jetzt bis zum Hamburger Rathaus marschieren, sind heute ein Stück reifer geworden. Oft wird beklagt, dass sie nur noch in virtuelle Welten abdriften. Hier agieren sie in der realen. Ihre Schulen sollten stolz sein, auf so engagierte Schüler. Und sie sollten den Schulstreik nicht mit Strafmaßnahmen verfolgen sondern im Unterricht behandeln. Als Beispiel dafür, wie man sich für eine bessere Gesellschaft engagieren kann.

Greta Thunberg beim UN-Klimagipfel in Kattowitz