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Schwarz-Grün: Beim ersten Mal tut's immer weh

Vor 25 Jahren, als die Grünen zum ersten Mal in den Bundestag einzogen, trugen sie Haarmatten und stellten Sonnenblumen ins Einmachglas. Sie wollten Frieden, sie wollten Umweltschutz, sie wollten eine Anti-Partei sein. Nun koalieren die Grünen in Hamburg mit der CDU. Es ist ein historischer Tag.

Ein Kommentar von Lutz Kinkel

"Ein Wunder! Ein Wunder! Ein Wunder!" Eigentlich erwartet man sekündlich eine Figur aus einem Monty-Python-Film, der wie ein Derwisch durch die Straßen Berlins tanzt, und jedem, der es noch nicht weiß, ins Ohr trillert: "Die Grünen koalieren mit der CDU! Die Grünen koalieren mit der CDU! Die Grünen koalieren mit der CDU!" Und der dann mit einem verschwörerischen Flüstern ergänzt: "Vorerst nur in Hamburg …"

Es ist, aus historischer Perspektive betrachtet, ein faszinierendes Ereignis, das in Hamburg stattfindet. Aber es folgt auch einer zwingenden Logik. Die Grünen sind koalitionstechnisch da angekommen, wo ihre Wählerschichten schon längst sind: im Bürgertum. Dort, wo man Kinder zweisprachig aufzieht, drei Mal im Jahr in den Urlaub fährt und sich gleichwohl eine bessere Welt ersehnt. Die Wahlforscher sprechen gerne von der Zahnarztgattin, die grün wählt, während ihr Mann für die CDU stimmt. An den Küchentischen solcher Familien ist längst Realität, was demnächst in Hamburg am Kabinettstisch Platz nimmt.

Schwarz-Grün in Hamburg: Was halten Sie davon?

Grünen wollten Anti-Anti sein

1983, als die Grünen erstmals in den Bundestag einzogen, wollten sie noch Anti-Bürger sein, Anti-Partei, Anti-Militaristen, eben Anti-Anti-Anti. Allein ihr Auftreten war ein kultureller Schock für die Schlipsträger der etablierten Parteien: Plötzlich saßen da Männer mit langen Matten, Norwegerpulli und Sonnenblume auf dem Pult. Zerbrechliche Friedensengel wie Petra Kelly. Dubiose Verschwörer aus linken, außerparlamentarischen Bewegungen. Vorneweg Lederjackenträger Joschka Fischer von der Frankfurter Putzgruppe.

Die Grünen hatten, grob gesagt, drei Themen: Umweltschutz, Friedenspolitik und Basisdemokratie. Diese Themen haben sich im Laufe der Jahrzehnte verschliffen. Umweltschutz ist zu einem programmatischen Allgemeingut aller Parteien geworden. Den radikalen Pazifismus der ersten Jahre streifte Joschka Fischer in der Regierungsverantwortung ab. Und die Basisdemokratie? Kein Grüner wünscht sich die Rotation zurück, also die plötzliche Ablösung von Abgeordneten. Oder öffentliche Fraktionssitzungen, zu denen jeder eingeladen war, der Lust hatte, mal die Fetzen fliegen zu sehen.

Für die Macht allein bekommt man keine Stimmen

Den Grünen fehlt ein Thema. Aber nicht die Lust auf die Macht. Weil die SPD bei den vergangenen Landtagswahlen immer schwächer wurde, spähten die Grünen nach neuen Bündnisoptionen. Schwarz-grün, in Kommunalparlamenten längst erfolgreich praktiziert, ist eine davon. Auf Länderebene gab es das noch nicht. Dass nun Hamburg das Labor dieses Experiments wird, ist kein Zufall. CDU-Bürgermeister Ole von Beust ist ein geschmeidiger, weltoffener Typ. Mit ihm ist möglich, was mit einem Roland Koch in Hessen unmöglich ist. Außerdem ist die Wählerschaft im wohlhabenden Stadtstaat Hamburg bürgerlicher als in einem Flächenstaat. Kurzum: Die schwarz-grünen Umstände sind in der Hansestadt besonders günstig.

Entscheidend wird nun der Koalitionsvertrag sein, den die frischgebackenen Koalitionäre am Donnerstag vorstellen werden. Wer hat was und wofür verkauft? Tragen die Grünen die Elbvertiefung mit, um das Kohlekraftwerk in Moorburg zu verhindern? Knickt die CDU bei der Schulpolitik ein, um den Grünen was bei der Inneren Sicherheit abzuluchsen? Sollten die Grünen zuviel von ihrem Restprofil verspielen, könnte sich ihre Befreiung aus der sozialdemokratischen Umklammerung als Rückschlag erweisen. Denn irgendwann glaubt auch die Zahnarztgattin nicht mehr, dass sie die besseren Menschen gewählt hat. Für die Macht allein bekommt man keine Stimmen.