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Sexismus-Debatte: Nichts weiter als Respekt

Das stern-Porträt über Rainer Brüderle hat eine Debatte über Sexismus in Deutschland losgetreten. Warum die Kritik an dem Artikel ins Leere läuft und worum es eigentlich geht.

Ein Kommentar von stern-Chefredakteur Andreas Petzold

Warum erst jetzt? Warum erschien die Geschichte über Rainer Brüderle erst vergangene Woche im stern, ein Jahr nachdem sich die viel diskutierte Szene zwischen dem FDP-Spitzenkandidaten und stern-Redakteurin Laura Himmelreich an der Bar des Stuttgarter Hotels Maritim ereignet hatte? Die FDP ist ganz sicher, dass es sich nur um eine Kampagne des stern gegen die Liberalen und ihren "Hoffnungsträger" Brüderle handeln kann. Dazu nur so viel: Kampagnen gehören nicht zum Aufgabenbereich eines Journalisten.

Um ein stern-Porträt über Rainer Brüderle zu schreiben, hatte sich Laura Himmelreich eine Langzeit-Beobachtung vorgenommen. Eine durchaus übliche Arbeitsweise in vielen Redaktionen. Dabei war die Begegnung mit dem weinseligen Politiker an der Hotelbar nur ein Mosaikstein. Im Laufe der Monate kamen immer neue, ähnlich gefärbte Mosaiksteine hinzu, die für die stern-Redakteurin am Ende ein Bild ergaben: "Er gefällt sich als Verkörperung des wandelnden Herrenwitzes", schrieb sie in der vorigen Ausgabe.

Ein "Tabubruch" sei das, empört sich nun Wolfgang Kubicki. Auch andere Politiker und Journalisten verweisen darauf, dass die Bar quasi ein geschützter Raum sei, so etwas wie gelernte Privatsphäre zwischen Politikern und Journalisten. Das ist Blödsinn. Vor allem wenn Journalisten ernsthafte Fragen stellen, um ihre Eindrücke zu verfeinern – trotz Wein und später Stunde. Das tat auch Laura Himmelreich. Für sie waren die Fragen Teil ihrer Arbeit. Für Brüderle Gelegenheit, allzu private Fußnoten zu setzen.

Manche Kommentatoren verwiesen vergangene Woche auf den Zusammenhang zwischen Vertrautheit und besseren Rechercheresultaten. Warum aber Offenheit und mangelnde persönliche Distanz untrennbar miteinander verbunden sein sollen, erschließt sich mir nicht. Sehr vielen Politikern gelingt es, zugleich offen zu sein und respektvoll mit Journalistinnen umzugehen. Es ist deshalb gedanklich arm, wenn FDP-Spitzenpolitiker beleidigt-bockig verkünden, sie würden sich künftig nicht mehr mit Journalistinnen in einen Dienstwagen setzen.

Liebe Herren, es geht um nichts weiter als um Respekt. Ältere Herrschaften würden es Kinderstube nennen, es meint das Gleiche. Doch mit dem Zuwachs an persönlicher Macht wird der Instinkt für Respekt häufig zerrieben wie Nüsse in einem Holzmörser.

Mit dieser Beobachtung verlassen wir den politischen Betrieb, denn sie gilt überall im Berufsalltag. Eine Sammlung von Respektlosigkeiten beschreibt auch die Titelgeschichte von stern-Reporterin Franziska Reich in der neuen Ausgabe des stern. Anhand der Recherchen von stern-Kolleginnen in ganz Deutschland analysiert sie den alltäglichen, aber oft unsichtbaren Geschlechterkampf in deutschen Unternehmen. Wir lernen unter anderem: Wenn Männer Zoten reißen, geht es immer um Macht.

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