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Angebliche Kampagne des stern: Brüderles Aufschrei

Lange hat Rainer Brüderle geschwiegen, nun rechnet er in einem Buch mit dem stern ab. Er sieht sich als Opfer - und entlarvt sich und sein abgehangenes Frauenbild damit selbst.

Ein Kommentar von Andreas Petzold

Ein Blick auf den Buchdeckel seines Werkes "Rainer Brüderle – jetzt rede ich" zeigt schon, in welcher Rolle sich der ehemalige FDP-Spitzenkandidat darstellen möchte: als Bauernopfer. Illustriert wird dieses Selbstbildnis auf dem Buch-Cover mittels einer umgestürzten Schachfigur, einem Bauern. Auszüge aus dem Buch finden sich in der aktuellen Ausgabe des "Focus", begleitet wird Brüderles Werbefeldzug heute mit einem Interview im "Handelsblatt". Um es vorwegzunehmen: Inhaltlich fügt Brüderle weder der Sexismus-Debatte noch dem Ablauf des Abends an der Bar neue Komponenten hinzu. Das Dirndl-Zitat sei "nicht böse gemeint" gewesen. Im Nachhinein wundere er sich allerdings darüber, dass stern-Reporterin Laura Himmelreich die Belästigung nicht angesprochen habe und den ganzen Abend an seiner Seite geblieben sei, anstatt sich lieber mit anderen FDP-Politikern zu unterhalten.

Dazu sei angemerkt, dass die stern-Reporterin das Thema sehr wohl sofort angesprochen hat. Deshalb aber den Mann, dessen Beobachtung sie sich über viele Monate vorgenommen hatte, aus den Augen zu lassen, wäre unprofessionell gewesen. Für Brüderle ist es auch ein Widerspruch, dass die Journalistin bei anderen Gelegenheiten im Laufe des Jahres in seinem Dienstwagen mitgefahren ist: "Vom Opfer einer angeblichen Belästigung würde man das nicht erwarten." Hier entpuppt sich Brüderle abgehangenes Frauenbild. Ein "Opfer" muss sich als solches kenntlich machen, indem es sich verschreckt zurückzieht. Eine klare Ansage, wie sie Laura Himmelreich an jenem Abend gemacht hat, als sie zu Brüderle sagte, sie wünsche sich von ihm ein professionelles Verhalten, versteht er dagegen nicht. Folgerichtig sagt er in seinem Buch: "Mir fehlte und fehlt jedes Bewusstsein, mich daneben benommen zu haben." Weshalb er sich bei Laura Himmelreich bis heute auch nicht entschuldigen mag.

Was es aus Sicht der Reporterin dazu zu sagen gibt, hatte sie zum Jahreswechsel im stern aufgeschrieben. Dass Brüderle manchmal zu privat wurde, war auch durchaus keine exklusive Erfahrung der stern-Kollegin. Die frühere ARD-Hauptstadtkorrespondentin Gesine Enwaldt erzählte damals im NDR-Magazin Panorama: "Vormittags um elf hatte ich eine Begegnung mit Herrn Brüderle, die sich ähnlich abgespielt hat. Ich hatte damals den Auftrag, mich um die FDP zu kümmern für das Hauptstadtstudio und wollte da einfach Hintergrundinformationen einsammeln. Aber das Gespräch driftete relativ schnell ab in eine eher schlüpfrige, unangenehme Ebene, wo es von seiner Seite aus nur noch um Anmache ging." Dass so ein Wesenszug in einem Porträt, dessen Recherche mehr als ein Jahr gedauert hat, offengelegt wird, dürfte für einen Polit-Profi wie Brüderle nicht wirklich überraschend gewesen sein.

Der stern initiiert keine politischen Kampagnen

Neu an der Debatte ist nun sein Vorwurf im Handelsblatt: "Der stern wollte die FDP und mich beschädigen. Es war eine rein politisch motivierte Attacke." In seinem Buch legt er nach: "So ein Artikel wird nicht geschrieben ..., wenn die Chefredaktion oder der Verlag das nicht wünschen." Zunächst einmal: Im Verlag Gruner + Jahr, in dem der stern erscheint, gilt das Prinzip der inneren Pressefreiheit. Dies bedeutet, dass die Chefredakteure des Hauses in ihren journalistischen Entscheidungen vollkommen frei und eigenverantwortlich entscheiden. Der Verlag mischt sich nicht ein. Und der stern initiiert schon gar keine politischen Kampagnen. Das ist nicht unser Job. Wie hätte das laufen sollen? In Brüderles Welt vermutlich so: Die verantwortlichen Chefredakteure ahnen hellseherisch schon ein Jahr bevor es die FDP selber weiß, dass Brüderle Spitzenkandidat wird und beordern Reporterin Himmelreich in ihr Büro. Dort befehlen sie die Vernichtung der FDP: "Nehmen Sie sich mal den Brüderle vor und machen ihn fertig ..!"

So etwas gibt es nur in schlechten Kinofilmen. Wir beobachten das öffentliche und manchmal auch das nicht-öffentliche Geschehen mit kritischer Distanz. Und tragen – mit etwas Glück – zur Selbstregulierung der Gesellschaft bei. Den Kampagnen-Vorwurf bindet Brüderle auch an die Tatsache, dass der stern den umstrittenen Artikel wenige Tage nach dessen Kür zum Spitzenkandidaten der Liberalen Ende Januar 2013 veröffentlicht hat. Das ist Heuchelei. Der Medienprofi Brüderle weiß genau, dass es zum alltäglichen journalistischen Geschäft gehört, politische Berichterstattung an absehbare Anlässe zu knüpfen. Und für einen politischen Reporter war die Frage durchaus berechtigt, ob der 67–jährige Rainer Brüderle geeignet ist, der FDP neues Leben einzuhauchen und diese angezählte Partei in den Bundestag zu führen.

Kampagne des stern? Wir hätten uns auch für den Abdruck entschieden, wenn Brüderle Mitglied in einer anderen Partei gewesen wäre. Und: Hätte Laura Himmelreich am Ende ihrer Recherche ein positives Bild von Brüderle gezeichnet, wäre auch dies selbstverständlich im stern erschienen. Wir vertrauen unseren Journalisten.

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