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Bundestag adé: Herr Wissing räumt auf

Vom Euro-Retter zurück in die pfälzische Provinz? Der einflussreiche FDP-Finanzexperte Volker Wissing muss den Bundestag verlassen. Wie es weitergeht? Eine schwierige Frage.

Von Andreas Hoffmann

Er fühlt sich mit sich selbst im Reinen. Er hat geliefert. 6,2 Prozent in seinem Wahlkreis 212 in der Südpfalz, 5,5 Prozent in Rheinland-Pfalz. Das viertbeste Ergebnis von allen FDP-Landesverbänden bei der Bundestagswahl. An Volker Wissing hat es nicht gelegen, dass die Liberalen aus dem Bundestag geflogen sind. Und doch ist er draußen.

Er, der finanzpolitische Sprecher und Euro-Experte der Liberalen, der ständig mit Finanzminister Wolfgang Schäuble und Kanzleramtschef Roland Pofalla zusammenhockte, den die Kanzlerin anrief, wenn sie wissen wollte, ob die FDP bei ihren Plänen mitmacht. Volker Wissing muss sein Büro räumen. "Das ist ganz normaler Orga-Kram", sagt er. Von wegen.

Sein Büro strahlte Wichtigkeit aus. Es liegt direkt gegenüber des Reichstages, hat die Ausmaße eines Squashspielfeldes. Manchmal stand er am Fenster, schaute zum Parlamentseingang, staunte wie viele in weißes Leder gekleidete Motorradpolizisten mit einen Staatsgast vorfahren können. Er wird er nicht mehr vor seinem irrsinnig langen Bücherregal auf- und ab marschieren. Er wird keine Besucher mehr auf die Ledercouch bitten und Kekse servieren. Er muss das Licht ausmachen.

Provinzhocker statt Weltretter?

Wissing hatte es geahnt. Schon vor drei Jahren spöttelte er mit seinem Kollegen Otto Fricke: "Vielleicht müssen wir demnächst wieder als Anwälte arbeiten." War natürlich Spaß, aber auch ein wenig Ernst. Vor einem Jahr hat er mit seiner Frau geredet. Was soll er machen, wenn die Liberalen scheitern? Zu dieser Zeit hatte er sein Menetekel hinter sich. Die FDP hatte es nicht in den Mainzer Landtag geschafft, war von 8 auf 4,2 Prozent abgestürzt. Ausgerechnet in Rheinland-Pfalz, dem Brüderle-Land. Wo Rainer Brüderle jahrelang als Wirtschaftsminister wirkte, sich den Ruf erwarb, vor allem Weinköniginnen zu küssen.

Wissing musste nach der verlorenen Landtagswahl 2011 aufräumen, übernahm den Landesvorsitz von Brüderle. Er hatte ein schlechtes Gefühl. Was, wenn das Undenkbare geschieht, wenn wir in Berlin nicht die Fünf-Prozent-Hürde überspringen? Deswegen redete er mit seiner Frau. Er könnte als Anwalt arbeiten, er ist ja studierter Jurist. Oder zurück zu Gericht, wo er früher Urteile fällte. Aber will er das? Will einer in der pfälzischen Provinz hocken, wenn er früher die Welt gerettet hat? Reicht das?

Er könnte in die Wirtschaft gehen, zu Banken oder Verbänden, sein Wissen über den Euro vermarkten. Vielleicht pendelt er weiter, arbeitet in Berlin, lebt am Wochenende in Bad Bergzabern, wo er sein Abitur gemacht hat. Von seinem Haus blickt er nach Frankreich, sieht Palmen und Feigenbäume. Berlin und die Misere der Liberalen sind weit weg.

Banker, Anwalt oder vielleicht Lobbyist?

Wissing weiß es noch nicht. Er bekommt Angebote, ständig treffen auf seinem Handy SMS ein. Leute wollen mit ihm reden, ihn anwerben. Er könnte in einer Kanzlei einsteigen oder bei einer Bank oder bei einem Verband. Oder. Bis Mitte November will er sich entschieden haben.

Seine Wohnung im Prenzlauer Berg behält er. In ein paar Tagen kommt seine Frau mit einem Kombi aus Bad Bergzabern hoch. Sie fahren dann den Topf mit der Orchidee aus dem Büro in seine Wohnung, räumen die Regale leer, packen die Kristallkugel ein, die ihm seine Mitarbeiter geschenkt haben.

Aber was macht er mit der Flasche "Tullibardine"? Den 20 Jahre alten schottischen Whisky bekam er von der Royal Bank of Scotland. Sie steht unberührt im Regal. Er hat nie etwas davon getrunken. Er mag keine harten Sachen.

Um seine Mitarbeiter hat er sich gekümmert. Er hat Jobs zugesichert bekommen. Sieben Leute beschäftigt er in Berlin und in seinem Wahlkreis. Einige übernimmt er für seine Arbeit als pfälzischer Landeschef der Liberalen, die anderen sollen bei der Union oder Verbänden unterkommen.

Nicht persönlich nehmen

Einiges wird er vermissen. Die Debatten im Bundestag, wenn er sich gegen SPD, Linke, und Grüne durchsetzen wollte, wenn er sich freute, sie mit Argumenten auszuhebeln. Oder die Anrufe aus der Euro-Gruppe. Wenn die Finanzminister und Notenbanker der Euro-Staaten in Brüssel tagten, meldeten sich manche hinterher bei ihm.

Wolfgang Schäuble erzählte, wie er gekämpft hatte. Jörg Asmussen, Direktor der Europäischen Zentralbank, erläuterte die jüngsten Ideen. Er fühlte sich am Puls des Geschehens. Sie brauchten ihn. Nun nicht mehr.

Wissing will die Niederlage als Befreiungsschlag sehen. Als Neuanfang. Bloß nicht persönlich nehmen, das hat er sich vorgenommen. Es ist nicht seine Schuld. Er erinnert sich an eine öffentliche Diskussion, hunderte Leute hörten ihm da zu. Es ging um den Euro, er redete lange und eindringlich, am Ende war er nass geschwitzt, aber die Leute klatschten. Nachher kamen einige auf ihn zu, klopften ihm auf die Schulter. Eine Frau sagte: Da haben sie die Euro-Krise mal verständlich erklärt. Sie sagte aber auch: "Die FDP werde ich trotzdem nicht wählen."