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Sitzblockade vor AKW Brokdorf: "Moin, wir würden Sie gern aufheben"

Wasserwerfer, Gummiknüppel, schwarze Steinewerfer - nix da! Bei der Räumung der Blockade vor Tor 2 des AKW Brokdorf gingen Polizisten und Aktivisten gleichermaßen in die Charmeoffensive.

Von Manuela Pfohl, Brokdorf

Um 15.56 Uhr kommt die letzte Aufforderung der Polizei, die Blockade am Tor 2 des AKW in Brokdorf zu räumen. Stundenlang haben hier mehr als 50 Atomkraftgegner auf ihren Strohballen gesessen und Wind und Regen getrotzt. Eine junge Frau hängt seit Ewigkeiten hoch oben in einem Gestell. Über ihr die "Atomkraft-Nein Danke"-Fahne. Schräg rüber haben zwei Jungs auf einem Dixiklo-Dach direkt am Tor Stellung bezogen. Und natürlich denken sie nicht daran, ihren Platz zu räumen. Ist ja schließlich ihr Ziel, das AKW zu blockieren.

Wer die Bilder von den Castorblockaden in Gorleben kennt, ahnt, was jetzt kommen kann: Wasserwerfer, Gummiknüppel, schwarze Steinewerfer. Doch nix da. In Brokdorf beginnt die Räumung mit einem herzlichen: "Moin, wir würden Sie jetzt gern aufheben". Der Beamte, der das sagt, lächelt. Die Blockiererin lächelt auch und lässt sich wegtragen. Hin zu den Polizisten, die ihre Personalien aufnehmen, sie fotografieren und schließlich hinter der Polizeikette wieder laufen lassen. Fast eine ganze Stunde geht das so.

Zwischendurch reicht ein Aktivist den noch sitzenden Blockierern Äpfel. Die machen Späße, singen subversive Lieder und beobachten amüsiert, wie die Beamten vom Polizei-Abschleppdienst brav in der Reihe stehen, warten bis sie dran sind, dann vortreten hin zu den Blockierern und jedes Mal höflichst fragen, ob es denn okay wäre, wenn sie jetzt einen der Aktivisten wegtragen.

"Mein Name ist Schröder, ich hole Sie jetzt runter"

Nur die letzte Reihe Demonstranten, die, die direkt am Zaun sitzen, machen die Räumung etwas komplizierter. Denn sie haben sich ineinander verhakt. Die Beamten müssen das Knäuel entwirren und tun das mit stoischer Ruhe. Dann werden noch die Jungs vom Klo geholt und die Aktivistin, die an einem Seil in der Luft hängt, aus ihrem Gestell. Und wieder Charmeoffensive pur: "Mein Name ist Schröder, ich hole Sie jetzt runter", sagt der Mann. Und schließlich: "Ist alles okay bei Ihnen? Dann nimmt Vanessa jetzt ihre Daten auf." Die Aktivistin ist damit einverstanden, lächelt freundlich zurück. Und das war's. Punkt 17 Uhr ist das Tor frei für einen pünktlichen Schichtwechsel.

Mehr als 20 Busse mit der Spätschicht des AKWs fahren durchs Tor. Die Arbeiter drin haben ihre Handys gezückt, um ihren spektakulären Einzug ins Kraftwerk im Foto oder Video festzuhalten. Die geräumten Blockierer rufen im Chor: "Abschalten" und dem Polizeieinsatzleiter Joachim Gutte fällt ein Stein vom Herzen. "Super gelaufen", sagt der 55-jährige leitende Polizeidirektor aus Kiel. Und er meint damit nicht nur seine Jungs und Mädels, die genau das umgesetzt haben, was sie als Deeskalationsstrategie gelernt haben. Er meint auch die AKW-Gegner, die aus seiner Sicht "ihr Versammlungsrecht höchst verantwortungsbewusst wahrgenommen" haben und dafür Respekt verdienen.

So schön kann Blockade sein!

Am Tor 1 harren derweil die anderen Atomkraftgegner aus. Hier wird nicht geräumt. Denn hier will ohnehin niemand rein oder raus. Egal. Die Aktivisten bleiben trotzdem sitzen. Es ist ein Zeichen für die Entschlossenheit, die die Blockierer eint: "Wir müssen raus aus der Atomkraft und zwar nicht erst in zehn Jahren, sondern jetzt", sagt einer von ihnen. Was in Fukushima passierte, könne auch hier passieren. Sicher sei schließlich keiner der Meiler. "Und auf das Restrisiko will ich es jedenfalls nicht ankommen lassen", versichert der 25-Jährige - und lächelt. Samstag, kurz nach 18 Uhr ist klar: So schön kann Blockade sein!