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Sommerinterviews mit Merkel und Rösler Gefälliger Plausch statt Tacheles


Themen gibt's eigentlich genug - Krisen und Kritik an der Kanzlerin und ihrem Vize. Aber bei ARD und ZDF durften sich die beiden wohlfühlen - fast sehnte man sich nach Seehoferschem Klartext.
Von Hans Peter Schütz

Es wurde dieser Tage ja mächtig gelästert über die niedersächsische CDU, die Kleinverlagen und Anzeigenblättern vorgefertigte Interviews mit dem CDU-Landesvorsitzenden McAllister gratis feilbot.

Dergleichen machen ARD und ZDF natürlich nicht. Beide Sender boten am Sonntagabend eigene Sommerloch-Interviews – eins mit der Kanzlerin höchstselbst im Ersten, im Zweiten stellte sich der FDP-Chef Philipp Rösler Kameras und Fragen. Mussten mit der Doppelveranstaltung nicht fette Schlagzeilen garantiert sein? Merkel ist voll im kritischen Gespräch wegen ihrer Politik in der eigenen Partei. Rösler steht vor der Frage: Fliegt er als FDP-Chef noch vor der niedersächsischen Landtagswahl Anfang nächsten Jahres oder erst danach?

An sich glänzende Voraussetzungen für spannende Interviews. Leider fanden sie nicht statt. Die ARD-Interviewer saßen mit der Kanzlerin zwar auf roten Sesseln hoch über der Spree auf einer Terrasse des Elisbeth-Lüders-Hauses. Ein attraktiver Interview-Platz mit Blick aufs Kanzleramt.

Kein Hauch von Klartext à la Seehofer

Der Themen-Katalog war der Kanzlerin angemessen: Alle politischen Krisenherde werden angesprochen. Griechenland, wachsende massive innerparteiliche Kritik an der Parteiführung durch Angela Merkel, Energiewende, gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Da musste es eigentlich richtig krachen im kritischen Interview.

Tat es aber nicht. Nicht im Geringsten. Die Kanzlerin verteidigte nachsichtig die bislang wenig erfolgreichen Bemühungen Griechenlands, die Vorgaben für das Sparpaket der EU zu erfüllen. CSU-Generalsekretär Dobrindt fordert, Griechenland muss daher austreten. Was meint die Kanzlerin zu diesem Klartext? Sie hat die "Bitte, dass jeder seine Worte zu Griechenland wägen sollte." Ansonsten erfährt man, dass Griechenland sich in einer "entscheidenden Phase befindet." Dass es Merkel "immer um die Menschen geht, in Griechenland und hierzulande". Im entscheidenden Punkt verweigert sie Auskunft: Kann es ein drittes Hilfspaket für Athen geben? Merkel kommt damit durch, dass sie die klare Frage einfach nicht beantwortet.

Ähnlich ihre Antworten auf die innerparteiliche Kritik: "Die CDU wäre ja eine seltsame Volkspartei, wenn es keine Kritik an der Vorsitzenden gebe." Dass der Vorsitzende der Mittelstandvereinigung andere sozialpolitische Vorstellungen habe als sie, sei doch normal. Dass auch der Fraktionsvorsitzende Kauder ihre Führung kritisiert, diese Frage wird nicht beantwortet. Ob die Kanzlerin die völlige familienpolitische Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare mit Ehepartnern will, wird gefragt – mit dem scharfem Unterton "bekennen Sie Farbe." Die Antwort: Die völlige Gleichstellung "sei offen".

So geht es weiter. Auch wenn eine Frage einfach und klar daherkommt wie "Warum wird Strom immer teurer?", gibt es nur eine ausschweifende Antwort: "Wer wie wir neue Wege geht, zahlt dafür." Nachgefragt wird nicht.

Im ZDF läuft es etwas besser. Thomas Walde sitzt als Fragesteller dem FDP-Chef alleine gegenüber. Die richtige Nachfrage an der richtigen Stelle fällt da leichter, was das Interview in "Berlin direkt" etwas belebt. Immerhin ist Rösler bereit, ein drittes Rettungspakt für die Griechen abzulehnen. Wenigstens eine klare Botschaft. Zu seiner Zukunft an der Spitze der FDP darf auch er palavern. Unter seiner Führung, sagt Rösler, könne die FDP Wahlen ja gewinnen. Dass die Liberalen bei vier bis fünf Prozent hängen in den Umfragen, verdrängt er ebenso wie die Tatsache, dass der FDP-Chef in Umfragen nicht mehr unter den wichtigsten zehn Politikern rangiert. Kein Nachhaken. Nächste Frage: Ist die schwarz-gelbe Koalition erschöpft? Antwort: "Überhaupt nicht". Auch keine Nachfrage. Dann ist auch hier die Sendezeit um. Gott sei Dank. Weitere Fragen sind nicht mehr möglich.

Diese inszenierte Form der Befragung kann man sich künftig sparen. Es sei denn es käme wieder einmal ein Interview zustande, wie es CSU-Chef-Seehofer einmal über den CSU-Mann Röttgen abgeliefert hat. Da plauderte Seehofer nach dem Abschalten der Kameras im ZDF-"Heute Journal" munter weiter, jetzt endlich ganz ehrliche Töne der Wahrheit und sagte dann sogar zu Moderator Claus Kleber: "Das können Sie alles senden." Die Vor- und Nachgespräche zum Sommerloch hätte man auch gerne gehört. Leider durften sie nicht auf Sendung.


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