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SPD-Debatte: Naumann wütend über Becks "Geisterfahrt"

Der Wahlkampf lief für den Hamburger SPD-Spitzenkandidaten Michael Naumann nicht schlecht - bis zu dem Zeitpunkt, als Parteichef Beck plötzlich über Allianzen mit der Linkspartei spekulierte. Nun hat Naumann einen Brief in die Parteizentrale gefaxt - eine Abrechnung mit Becks "Geisterfahrt".

Von Ulrike Posche

Der Brief, den Kurt Beck am Mittwoch an seinem Krankenbett erhielt, war keiner der üblichen Briefe mit Wünschen zur Genesung. Das, was der Hamburger Bürgermeisterkandidat auf drei eng beschriebenen Seiten morgens an die Parteizentrale gefaxt hatte, war eine elegant-wütende Analyse, eine Abrechnung, ein Brandbrief. Denn in der Präsidiumssitzung am vergangenen Montag konnte Michael Naumann seinen Frust und seine Wut über "die Geisterfahrt", mit der der SPD-Chef ihm in den Wahlkampf gekachelt war, schließlich nicht loswerden. Beck fehlte entschuldigt wegen Grippe. So brachte der SPD-Mann aus Hamburg seine Analyse der von Beck verschuldeten Wahlniederlage eben zu Papier. Mit "Lieber Kurt" und Wünschen zur Gesundung begann die Abrechnung, dann kam's knüppeldick: Zur Situation der Partei im Allgemeinen und zu Becks Verhalten im Besonderen. Man kann auch sagen, dass David Naumann dem Goliath Beck hier als erster den Fehdehandschuh vor die Füße schmiss.

Steinmeier schwieg

Wer die Psychologie der Partei kennt, weiß, dass sich jetzt auch andere trauen werden, die Linie des ungeliebten Schweigers aus der Pfalz in Zweifel zu ziehen. Hinter vorgehaltener Hand habe mancher bereits nach der Präsidiumssitzung laut darüber nachgedacht, ob Beck überhaupt noch der richtige Parteivorsitzende und mögliche Kanzlerkandidat sei. Zu harsch seien die Fragen gewesen, die Peer Steinbrück in den Raum gestellt habe. "Wollen wir wirklich die Mitte aufgeben?" habe Steinbrück immer wieder gefragt, so berichten Mitglieder des Präsidiums. Frank-Walter Steinmeier, der schon mit der Moderation des Gespräches überfordert gewesen war, hatte es wieder nicht gewagt, seinen Hut in den Ring zu werfen und schwieg. Jetzt sitzt er in Jakarta und beobachtet über sein Blackberry, wie sich zwischen Berlin und Mainz und Wiesbaden die Aufgeregtheiten türmen. Als Naumann seine Kritik an Beck vortrug, nickten "die Granden der Partei" mit dem Kopf, und sagten: "Du hast Recht". Offen begrüßt hatten nur zwei Teilnehmer die neue Linie des SPD-Bosses. Klaus Wowereit, der sich seit einiger Zeit schon als Ersatzkanzlerkandidat in Position bringt und Hannelore Kraft, die SPD-Hoffnungsträgerin in Nordrhein-Westfalen. Ein führender Sozialdemokrat meinte: "Links sind wir doch selber".

Wie ein schlechtes Fußballspiel

Naumann weiß, dass seine Einflussmacht nun schnell verglimmt. Noch gratulieren ihm Franz Müntefering und andere mit handgeschriebenen Briefen zum Einsatz in Hamburg. Noch wird seine Stimme gehört. Er wolle "die Diskussion, die nun über die Zukunft der Partei beginnt, mitbestimmen", hat Naumann am Tag nach der Wahl verkündet, "und zwar über Hamburg hinaus." In der Partei vermuten nun die wenigen verbliebenen Strategen, der 66jährige wolle sich als "intellektuelles Kraftzentrum der Partei" installieren.

Der Kandidat Naumann hat schon am Wahlabend kein Hehl daraus gemacht, dass er glaubt, er hätte ohne den Linksschwenk des Pfälzers durchaus eine Chance gehabt. Drei Prozent mindestens hätte ihn dessen Intervention gekostet. Er selbst habe ein Jahr seines Lebens, seinen Job bei der Hamburger Wochenzeitung "Zeit", sein ganzes Herz in diesen Wahlkampf gesetzt - und dann das! Die Partei komme ihm vor wie ein miserables Fußballspiel. Wenn es zwischen Tor und Verteidigung nicht harmoniere, dann ermögliche das eben Treffer des Gegners. Wie Beck auf den Brief reagierte, ist nicht bekannt. Aus der Umgebung des Parteichef ist jedoch zu hören, der habe spätestens jetzt begriffen, dass der Tanz noch lange nicht zu Ende ist.

lk/fgüs