HOME

15 Kandidaten, 23 Veranstaltungen: Das Schaulaufen beginnt: So aufwendig ist die Suche nach der neuen SPD-Spitze

Ob Olaf Scholz an die Vorstellungstournee dachte, als er sagte, er habe keine Zeit für den SPD-Parteivorsitz? Er und die 16 weiteren Bewerber machen ihre Tour quer durch Deutschland – mit immensem Aufwand. An deren Ende könnte es noch eine Überraschung geben.

15 Menschen auf Tournee durch Deutschland – mit einem Ziel: Die angeschlagene SPD wieder auf Kurs zu bringen. "Jetzt entscheiden wir die Zukunft", das hat die Partei als Losung ausgerufen. "Wir" meint weit über 400.000 Menschen. Sie sollen darüber entscheiden, wer sie in die Zukunft führt. Die SPD sucht ihre neue Parteispitze. Sieben Kandidatenduos und ein Einzelkämpfer wollen diese Aufgabe annehmen und starten ihre Bewerbungsreise quer durch die Republik, wollen für sich und ihre Visionen von der Zukunft der deutschen Sozialdemokratie werden.

Es ist ein Mammut-Programm, das die Bewerber in den kommenden gut zwei Monaten vor sich haben. 23 Städte in 38 Tagen. Anschließend folgt die Abstimmung, an der sich alle Mitglieder beteiligen dürfen. Gemeinsam nehmen sie dann das Schicksal der Partei in ihre Hände. Die "Internationale", das weltbekannte Arbeiterlied, dürften viele der über 400.000 schon oft genug gesungen haben. Sie wissen:

Es rettet uns kein höh'res Wesen

kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

Uns aus dem Elend zu erlösen

können wir nur selber tun!

Los ging der Weg zur "Erlösung" in Saarbrücken, danach geht's von Süd nach Nord, von Ost nach West, von Metropolen in kleinere Städte, von den Bergen zur Küste. Insgesamt nimmt die Partei laut "Saarbrücker Zeitung" für die Tour und die folgende Mitgliederbefragung bis zu 1,9 Millionen Euro in die Hand. Die Castingkarawane der Superlative allein ist schon ein kleines Konjunkturprogramm für Betreiber von Stadthallen und Bürgerzentren, doch darum geht es der aktuellen Interims-Parteiführung nicht. "Wir freuen uns darauf, dass es jetzt endlich los geht", sagte der kommissarische SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel kurz vor dem Start des Tour. "Wir erwarten einen spannenden Wettbewerb um Ideen, um Programm. Es wird ein fröhlicher, es wird interessanter Austausch."

Bewerber um den SPD-Parteivorsitz

Sie wollen SPD-Vorsitzende werden: sieben Bewerberduos und ein Einzelkandidat vor dem Auftakt ihrer Deutschlandtournee in Saarbrücken. Simone Lange (3.v.l.) und Alexander Ahrens (4.v.l.) zogen ihre Bewerbung bei der ersten Regionalkonferenz in Saarbrücken zurück

Getty Images

SPD-Kandidaten auf Deutschlandtour

Möglichst viele sollen dabei sein, auch Nicht-SPD-Mitglieder können vielerorts die insgesamt 23 Veranstaltungen besuchen, meist ist eine Anmeldung erforderlich (Ausnahmen: Nürnberg, Hamburg, München). Viele der Regionalkonferenzen werden laut SPD auch per Livestream im Internet übertragen:

TerminOrtLivestream geplant?

4. September

18 Uhr

Saarbrücken

Congresshalle

ja

6. September

18 Uhr

Hannover

Wienecke XI

ja

7. September

10 Uhr

Bernburg an der Saale

Kurhaus

ja

8. September

14 Uhr

Bremen

Bürgerzentrum Neue Vahr

ja

9. September

18.30 Uhr

Friedberg

Stadthalle

ja

10. September

18 Uhr

Nieder-Olm

Ludwig-Eckes-Festhalle

nein

11. September

18 Uhr

Erfurt

Parksaal im Steigerwaldstadion

ja

12. September

18.30 Uhr

Nürnberg

Meistersingerhalle

ja

14. September

16 Uhr

Filderstadt

Filharmonie

ja

15. September

17 Uhr

Oldenburg

Weser-Ems-Hallen

nein

16. September

19 Uhr

Bad Hersfeld

Wortreich

nein

17. September

18.30 Uhr

Berlin

Willy-Brandt-Haus

nein

18. September

19 Uhr

Hamburg

Kampnagel

ja

20. September

18.30 Uhr

Neubrandenburg

Haus der Kultur

ja

21. September

11 Uhr

Neumünster

Stadthalle

ja

23. September

19 Uhr

Ettlingen

Schlossgartenhalle

ja

27. September

18 Uhr

Braunschweig

Stadthalle

nein

28. September

10.30 Uhr

Kamen

Stadthalle

ja

29. September

10.30 Uhr

Troisdorf

Stadthalle

ja

1. Oktober

18 Uhr

Potsdam

Fraunhofer-Konferenzzentrum

nein

6. Oktober

10.30 Uhr

Duisburg

Mercatorhalle

ja

10. Oktober

18 Uhr

Dresden

Herbert-Wehner-Haus

ja

12. Oktober

10.30 Uhr

München

Kulturzentrum Trudering

ja

So aufwendig die Parteichefsuche ist, so streng reglementiert ist sie. Jede Regionalkonferenz folgt einem festen Schema. Dieses sieht pro Kandidatenduo oder Einzelbewerber nur eine Kurzpräsentation von bis zu fünf Minuten vor. Auf Fragen der Moderatoren oder aus dem Publikum darf maximal 60 Sekunden lang geantwortet werden. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die einzelnen Regionalkonferenzen insgesamt nicht länger als zweieinhalb Stunden dauern. Die kommissarische Parteichefin Malu Dreyer verteidigte das strenge Reglement im Bayrischen Rundfunk: Die kurze Zeit reiche aus, um die unterschiedlichen Positionen herauszuarbeiten. Es sei "schon wichtig, dass Leute sich fokussieren können", die den SPD-Vorsitz anstreben. Am Ende werde ein gutes Ergebnis stehen, äußerte sich Dreyer zuversichtlich: "Die Mitglieder werden entscheiden, und sie haben in der Vergangenheit immer auch weise entschieden."

Nach dem Ende der Bewerbungsfrist und dem Abschluss der Deutschlandtour ist jedoch erst ein Teil der Schritte zur neuen SPD-Spitze geschafft. Bis zum 19. September können sich Mitglieder für die Online-Abstimmung anmelden, und zwar jene, die bis zum 16. September in die Partei aufgenommen wurden. Der Antrag kann online oder bei direkt in den örtlichen Geschäftsstellen abgegeben werden; monatlicher Beitrag – je nach Gehalt – von 2,50 bis 250 Euro.

(Alb-)Traumjob SPD-Chef? Wer will's machen?

Vom 14. bis zum 25. Oktober haben die bestätigten Mitglieder dann Zeit – entweder online oder klassisch per Post – für ihre(n) Favoriten aus dem Kreis der Kandidaten zu stimmen:

  • Hilde Mattheis und Dierk Hirschel (Vorstellung auf SPD.de)
  • Klara Geywitz und Olaf Scholz ()
  • Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans ()
  • Gesine Schwan und Ralf Stegner ()
  • Christina Kampmann und Michael Roth ()
  • Nina Scheer und Karl Lauterbach ()
  • Petra Köpping und Boris Pistorius ()
  • Karl-Heinz Brunner ()

Simone Lange und Alexander Ahrens zogen ihre Bewerbung beim Auttakt der Tour zurück.

Anschließend dürfte eine Nachschicht im Willy-Brandt-Haus anstehen und die Kameras richten sich auf die SPD-Zentrale: Am 26. Oktober, einem Samstag, wird das Ergebnis der Mitgliederbefragung veröffentlicht. War's das dann? Nein, nicht ganz. Wenn keine Bewerber über 50 Prozent der Stimmen bekommen, gibt es zwischen Erst- und Zweitplatzierten noch eine Stichwahl (19. bis 29. November) nach dem bekannten Verfahren.

Allerdings hat die SPD auch dann noch keine offizielle neue Spitze. Vom 6. bis 8. Dezember halten die Sozialdemokraten in der Messe Berlin ihren Parteitag ab. Und dort kann es theoretisch noch eine Überraschung geben: Wie die "Frankfurter Neue Presse" meldete, können dann laut Parteistatuten noch weitere Bewerber hinzukommen und gewählt werden, obwohl sie nicht an den Regionalkonferenzen und dem Mitgliedervotum teilgenommen haben. Ein Sprecher bestätigte das auf Anfrage der Zeitung, bezeichnete die Möglichkeit aber als eher unwahrscheinlich. Zum Parteitag vorgeschlagene Kandidaten bräuchten die Vorschläge einer festgelegten Anzahl an Delegierten. Ein anderer Weg sei es, vor dem Parteitag schriftlich den Nachweis einzureichen, dass ein Kandidat von drei Ortsvereinen vorgeschlagen wurde. Vielleicht ein Schlupfloch für ZDF-Moderator Jan Böhmermann, seinen Weg zum SPD-Parteivorsitz doch noch weitergehen zu können?

Ob mit oder (sehr wahrscheinlich) ohne Böhmermann: Am Ende des Parteitages soll es die neue Führungsspitze geben. Zwei Jahre hat sie dann Zeit, die Zukunft der SPD zu sichern und gestalten. Damit die vielleicht aufwendigste Wahl zu einem Parteivorsitz der bundesdeutschen Geschichte nicht – um auf die "Internationale" zurückzukommen – Zum letzten Gefecht wird.

Quellen: SPD, "Saarbrücker Zeitung"Bayerischer Rundfunk, "Frankfurter Neue Presse", Nachrichtenagenturen DPA und AFP

Themen in diesem Artikel