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Stararchitekt Daniel Libeskind zum Antisemitismus "Vieles ist verstörend"


US-Stararchitekt Daniel Libeskind baut sein erstes Wohnhaus in Berlin - direkt gegenüber dem BND. Mit dem stern spricht er über Antisemitismus, das Tempelhofer Feld und billiges Wohnen.

Herr Libeskind, Sie werden demnächst ihr erstes Berliner Apartmenthaus bauen. Könnten Sie sich vorstellen, wieder nach Berlin zu kommen und selbst dort einzuziehen?
Ja, warum nicht? Ich habe die Stadt nie so richtig verlassen seit ich 2001 das Jüdische Museum vollendet habe. Ich komme sehr oft nach Berlin, mein Sohn Noam wohnt mit seiner Familie hier. Es gibt so viel Kreativität, einfach großartig, wie in New York.

Fühlen Sie sich sicher in Berlin?

br> Ich fühle mich sehr sicher. Ich gehe überall hin, in alle möglichen Stadtteile, treffe die verschiedensten Menschen. Alles kein Problem. In New York würde ich nachts nicht durch den Park gehen, hier schon.

Manche fürchten, dass in Berlin der Antisemitismus wieder wächst. Spüren Sie etwas davon?


Ich kann nicht sagen, dass ich etwas spüre. Aber ich sehe, dass da eine andere Generation heranwächst, eine, der die deutsche Geschichte nicht mehr so deutlich vor Augen steht. Leider wenden sich manche von ihnen gegen Israel. Vieles was ich gesehen und gelesen habe, ist verstörend.

Was zum Beispiel?


Ich habe gehört, dass auf Berliner Straßen scheußliche Parolen gegen Juden gerufen werden. Und dass mache Menschen wieder Angst vor ihren Nachbarn haben.

Was sind das für Nachbarn?


Ich weiß es nicht. Aber ich fürchte, das sind Menschen, die nicht aus der Geschichte gelernt haben. Offenbar muss jede Generation wieder neue Erfahrungen machen. Ich bin schockiert über all die Schrecken und Kriege in der Welt.

Hat Sohn Noam antisemitische Begebenheiten erleben müssen?
Ja, leider. Ich war überrascht darüber, denn mein Sohn ist Astrophysiker, ein sehr nüchterner Theoretiker. Ich war wirklich verstört und geschockt, dass sogar er in zahlreiche unangenehme, verwirrende Situationen geriet.

Was genau ist geschehen?


Ich möchte darüber nicht sprechen. Aber mein Sohn erzählte mir von negativen Kommentaren zu Israel, von unangenehmen, aggressiven Fragen am Arbeitsplatz und sogar unter Freunden. Es ist anders als früher. Der Antisemitismus hat ein neues Gesicht bekommen. Er vermischt vieles und wirft den Juden die Politik des Staates Israels vor. Aber was hat das miteinander zu tun?

Haben Sie Angst?


Nein. Die Werte unserer demokratischen Gesellschaft sind zwar in Gefahr: Freiheit, Emanzipation, Toleranz. Wir werden bedroht von Menschen, die das alles nicht schätzen. Aber ich hoffe, dass das eine Phase ist, die vorüber geht, dass es nur eine momentane Verstörung ist.

Was hat Deutschland falsch gemacht?


Eigentlich nichts. Ich bin immer wieder beeindruckt von Deutschland, von den Menschen, der Regierung, der Gesellschaft. Die meisten Deutschen nehmen ihre Geschichte ernst, versuchen nichts zu beschönigen, sich nicht reinzuwaschen. Deutschland gibt ein Beispiel, wie man eine lebhafte, tolerante Gesellschaft bilden kann. Das spüre ich sehr deutlich. Klar, es gibt immer einzelne Leute, die nicht mitmachen, die am Rand stehen. Radikale rechts und links. Aber die allermeisten Menschen in Deutschland sind interessiert und verantwortungsbewusst.

Könnte es sein, dass der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern nach Deutschland transportiert und hier ausgetragen wird.


Sicher, das könnte sein. Jeder Fundamentalist kann Negatives in demokratische und offene Gesellschaften bringen. Das haben wir in den Staaten erlebt und auch in Europa. Leider ist das ein Teil der Menschheit, und es ist hart, damit klarzukommen.

Nun bauen Sie in Berlin. Und es ist nicht grade die hübscheste Ecke der Stadt, in der Ihr erstes Berliner Wohnhaus entstehen soll.
Das ist ein altes Berliner Viertel. Ich glaube an die Kreativität dieses Zentrums. Es gibt da zwar dieses gigantische Gebäude, den Bundesnachrichtendienst. Aber mein bescheidenes Haus gegenüber ist etwas ganz anderes. Es ist vom Typ her wie ein altes Berliner Stadthaus, und doch bringt es uns auf einen anderen Level. Architektur im 21. Jahrhundert muss etwas Neues bieten. Wer vom BND aus jeden Tag drauf guckt, wird sich freuen.

Was wird er sehen?


Kein extravagantes Gebäude. Die Fassade ist aus einer besonderen, italienische Keramikfliese in Metallic-Grün. Es geht um Wohnen in der Zukunft, um Licht. Es gibt hier für jeden etwas: vom großen Penthouse bis zu kleinen Apartments. Schöne Häuser zu bauen hat ja auch etwas mit Gesundheitsvorsorge zu tun. Wenn Sie in einem Haus mit schlechten Fenstern wohnen oder auf eine deprimierende, graue, laute Straße blicken müssen, dann werden Sie kein zufriedener Mensch sein.

Berlin braucht dringend günstige Wohnungen. Sie aber bauen ein Haus für Eigentümer, die für den Quadratmeter um die 6000 Euro bezahlen müssen.


Ja, aber ich hoffe, dass die Wohnungen trotzdem für viele erschwinglich sein werden. Und sicher wird es nicht einfach nur ein weiteres graues Haus. Übrigens wäre ich sehr glücklich, wenn mich jemand darum bitten würde, Wohnungen für ärmere Menschen zu entwerfen. Das würde mir sehr gefallen.

Auch wenn Sie damit nicht viel verdienen würden?


Ach, ich habe an sehr ungewöhnlichen Orten gebaut, da würden Sie nie drauf kommen.

Zum Beispiel?


Häuser für Tsunami-Opfer in Sri Lanka, Häuser für Arbeiter in China. Ich bin äußerst interessiert an dieser Art von Architektur. Wenn jemand käme und sagen würde: Bau uns die billigsten Häuser, dann wäre ich sofort dabei. Gut zu wohnen ist keine Frage von Geld. Sie können allen Marmor und alles Gold der Welt haben und trotzdem mies wohnen. Und sie können in einer ganz bescheidenen, aber wunderbar eingerichteten Wohnung leben. Es wäre schön, wenn ich günstige Wohnungen in Berlin bauen könnte. Je billiger, desto besser. Man muss mich einfach nur fragen!

Auf dem ehemaligen Flughafen, dem Tempelhofer Feld, wollte die Stadt Berlin Wohnungen bauen. Die Bürger haben sich dagegen ausgesprochen. Ein Fehler?


Tempelhof ist sehr sentimental abgelaufen. Eine Stadt braucht Weiterentwicklung, braucht Ideen und Pläne. Menschen, die keine schöne Wohnung haben, keine Straße, auf der sie spazieren gehen können, kein gutes Licht, keine Bäume, Menschen, die keine Chance haben, eine offene Gesellschaft zu genießen, die sind unzufrieden und wenden sich gegen diese Gesellschaft. Es hat alles miteinander zu tun.

Interview: Anja Lösel

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