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Stephan Kraftczyk: "Rotzt uns nicht mehr auf den Weg!"

Auch 16 Jahre nach dem Ende der DDR lässt ihn die Stasi nicht in Ruhe. In einem offenen Brief an die alten Seilschaften, appelliert Stephan Krawczyk exklusiv bei stern.de an die Täter, ihren Opfern nicht länger "auf den Weg zu rotzen".

"Das Leben der anderen" ist ein schöner Film, weil der Hauptheld nicht zuletzt ein Liebender ist. Als Zeitzeuge muss ich sagen, dass mir der Stasi von dieser Seite nie gekommen ist. Er hat nicht mal versucht, mir eine verräterische Geliebte an den Hals zu hexen.

Jüngst in Wetzlar sagte der Veranstalter nach meinem Konzert, es sei ein Mann bei ihm aufgetaucht, der habe gesagt: "Stephan Krawczyk spielt hier? Der hat doch seine Frau an die Stasi verraten." Als ich Freya am Telefon davon erzählte, rief sie mir von Berlin-Steglitz nach Berlin-Neukölln zu: "Du hast dich schon so lange aus der Politik rausgehalten. Jetzt melde dich zurück!"

"Crackers child was here"

Am 24.4. diesen Jahres ging ich ins Netz, da glotzte mich von meiner Homepage ein riesiges Auge an, wie von Horch und Guck der Guck in Phantasiestyle. Darunter stand: "Crackers child was here". Die Terminseite und der Onlineshop waren zerstört, das was für mein Publikum am wichtigsten ist.

Mir kam zu Ohren, ich hätte öffentlich gefordert, dass Barbara Thalheim, eine Chansonette aus der DDR, in den Knast kommt. Als IM Elvira hatte sie ihre Kollegen bespitzelt. ("Nichts bleibt geheim", Deutschlandfunk vom 21.6.2005)

Die Berichte der Frau Thalheim haben unter anderem dazu beigetragen, dass ihre langjährige Freundin Gabi L. im Gefängnis sitzen musste. Jetzt will sich Frau Thalheim mit ihrem dünnen Opferäktchen reinwaschen und geht damit hausieren. Die fette Täterakte steht im Archiv. Da steht sie schlecht. Irgendwann wird Frau Thalheim genügend Sorgfalt darauf verwandt haben, dass man sie als guten Menschen in Erinnerung behält.

Habe ich pornografische Texte vor dem Altar zitiert?

Die Gerüchte mehren sich. Meine Managerin weiß mittlerweile ziemlich genau, wo die Seilschaftler auf meinen Weg gerotzt haben. Es erinnert mich an die Zeit vor zwei Jahrzehnten, als die Stasi verbreitet hatte, ich würde pornografische Texte vor dem Altar rezitieren. Damit sollten die Pfarrer und Gemeinderäte verunsichert werden, mich in ihren Kirchen auftreten zu lassen. Auf die staatlichen Bühnen durften wir, Krawczyk und Klier, seit 1985 nicht mehr.

In diesem Fall nenne ich mich zuerst, weil ich der Esel war, der am lautesten "IA!" geschrieen hat, das angenommene Zentrum für Horch und Guck, wie der Stasi vom Volksmund beinahe liebevoll genannt wurde. Auf unser "IA!" hatte man 80 IM angesetzt.

Als ich diese Tatsache Jahre später aus den Akten erfuhr, überkam mich ein stillschweigender Ekel. Denn Mitte der Neunziger war ich der Enge des so genannten Klassenkampfs längst ins Hölderlinsche Offene entkommen, seit 1992 Bettina-von-Arnim-Literaturpreisträger und auf dem Weg durch den Ausdruck, für den die Politik nur eine Facette darstellt.

Der ganze Spiegel ist so reich, wie es sich ein IM nur schwer vorstellen kann. Der setzt sich nicht von allein zusammen und es kostet Mühe, hineinzuschauen. Bisher konnte man sich in einer wohlwollenden Scherbe spiegeln. Doch im großen Spiegel ist man plötzlich klein und unbedeutend.

Sich auch mal selbst das Leben schwer machen

Eine wunderbare Fügung besetzte die Hauptrolle unseres Films mit Ulrich Mühe. Deutlicher kann man nicht symbolisieren, was ihr Seilschaftler scheut: Selbsterkenntnis! Nicht immer nur anderen das Leben schwer machen, sondern auch sich selbst.

Doch im Gegensatz zu Ulrich Mühes sensiblem Schauspiel, führt ihre euch auf wie Betonköpfe von Kriegsveteranen, die ihre Hölle in ein Paradies verwandeln wollen. Der ARD-Bericht über euren Auftritt in der Hohenschönhausener Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus hat gezeigt, was ihr von euren Taten haltet, wie ihr Geschichte nach eurem Bild schaffen wollt.

Ich empfehle euch ein Buch, das die Kritik als Schulstoff empfiehlt, damit die Jugend aus 1. Hand erfährt, was damals Sache war. "Der Narr". Es hat 15 Jahre gedauert, bis ich so liebevoll über meine DDR schreiben konnte, dass die deutschen Verlage den Roman mit der Begründung abgelehnt haben, er sei zu heiter erzählt. Er wurde von einem Verlag in Zürich veröffentlicht.

Mit diesem Bericht über fünfzehn Jahre meines Lebens hatte ich mich schreibend gänzlich von der Seelenlast befreit, die ihr mir aufgebürdet hattet. Wie singt mein alter Freund Wolf Biermann? "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu."

Er hat diesen Vers nicht auf eine Organisation bezogen, noch weniger auf eine Parallelgesellschaft, sondern auf die Mühe, im Leben nicht schlechter zu werden, als man von seinen Veranlagungen her dazu gezwungen ist.

Kunst hat mit euren Mafiageschäften nichts zu tun. Nicht zuletzt wegen uns Sängern könnt ihr jetzt Westautos fahren und, wenn ihr das Zeug dazu habt, als Seilschaft den Dschomolungma besteigen. Lasst es dabei bewenden und rotzt uns nicht mehr auf den Weg.